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Fifa : Erfolg für den Saubermann

Alte Seilschaft gekappt: Blatter (rechts) und Havelange Bild: dpa

Die Fifa-Ethikkommission kann Präsident Blatter im ISL-Schmiergeldskandal keine zu ahndenden Verfehlungen nachweisen. Das schlechte Gefühl bleibt. 110 Millionen Franken fehlen. Und Havelange tritt zurück.

          In seinem zweifelhaften Bemühen, sich neuerdings als Saubermann des Fußballs zu gerieren, kann Joseph Blatter einen wichtigen Erfolg verzeichnen. In dem mit Spannung erwarteten Untersuchungsbericht der Ethikkommission des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) zu dem Schmiergeldskandal um die frühere Sportrechteagentur ISL können dem Fifa-Präsident keine zu ahndenden Verfehlungen nachgewiesen werden. „Ich stelle mit Zufriedenheit fest, dass in diesem Bericht bestätigt wird, dass ’das Verhalten von Präsident Blatter unter keinerlei Fehlverhalten von Ethikregeln fallen konnte’“, teilte Blatter am Dienstag mit und zitierte dabei aus dem Papier des Kammervorsitzenden Joachim Eckert.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der deutsche Richter aus München hatte den Abschlussbericht verfasst und dabei in seine Recherchen vor allem die Ermittlungsergebnisse des neuen Fifa-Ermittlers Michael Garcia, einem ehemaligen Staatsanwalt aus den Vereinigten Staaten, mit einbezogen. „Das Verhalten von Präsident Blatter mag ungeschickt gewesen sein, da sich intern ein Aufklärungsbedarf aufdrängte, zu dem strafrechtlich oder ethischen Fehlverhalten führt dies nicht“, schreibt Eckert in seinem Bericht.

          Das schlechte Gefühl bleibt. Denn letztlich bestätigte auch Eckert nochmals nach Überprüfung von 4200 Seiten Untersuchungsmaterial die langjährigen Geflogenheiten in dem korrupten System zwischen der Agentur und wichtigen Fifa-Offiziellen. In dem Bericht ist von „betrügerischem und untreuem Verhalten“ die Rede, von „Scheinfirmen“ und „verschleierten Zahlungen“. Explizit als Empfänger von Schmiergeld werden auch auf Grundlage der alten ISL-Gerichtsakte die ehemaligen Fifa-Granden Joao Havelange, Ricardo Teixeira (beide Brasilien) und Nicolas Leoz (Paraguay) genannt.

          Mit dem Rücktritt der Aberkennung zuvorgekommen

          Wie sich aus der Veröffentlichung des Berichtes am Dienstag ergeben hat, ist der ehemalige, fast 97 Jahre alte Fifa-Präsident Havelange (1974 bis 1998) wohl der Aberkennung seiner Fifa-Ehrenpräsidentschaft zuvor gekommen, in dem er angeblich am 18. April von dieser Position zurücktrat. Diese Information war am Dienstag ganz neu. 2011 war er schon auf Druck als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees ausgeschieden. Auch die ehemaligen Fifa-Vorstände Teixeira und Leoz sind nicht mehr im höchsten Fifa-Zirkel vertreten, der Paraguayer trat vergangene Woche aus dem Exekutivkomitee und als Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes zurück.

          Havelange und sein ehemaliger Schwiegersohn Teixeira sollen zusammen bis ins Jahr 2000 21,9 Millionen Schweizer Franken über eine gemeinsame Firma, eine Stiftung oder direkt von der im Jahr 2001 pleite gegangenen Sportrechteagentur ISL als Bestechungsgeldern erhalten haben. Sie sollen jahrelang Geld dafür bekommen haben, dass sie bei der Vergabe von lukrativen Fernseh- und Marketingrechten am Ende immer die „richtige“ Entscheidung für die Fifa-nahe Agentur trafen. Leoz, der im Jahr 2002 von Blatter noch mit dem Fifa-Verdienstorden ausgezeichnet wurde, hat demnach mehr als eine Million Schweizer Franken bekommen. Soll Blatter, seit 38 Jahren in verschiedenen Top-Position bei der Fifa beschäftigt, von alldem nicht gewusst haben? Hat er selbst kein Schmiergeld erhalten?

          Keine Hinweise auf Zahlungen an Blatter

          Ein Nachweis ist für die Aufklärer Garcia und Eckert offenbar nicht zu führen. Es hätten sich „keine Hinweise ergeben, dass Präsident Blatter Provisionszahlungen von ISL, ihrem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Jean-Marie Weber oder von anderen erhalten hat“. Kritisch hinterfragt werden müsste jedoch, ob Präsident Blatter in den Jahren vor dem Konkurs der ISL wusste oder hätte wissen müssen, dass die ISL an andere Fifa-Offizielle Zahlungen getätigt hat. Aber auch hier rügt die Ethikkommission beim Fifa-Präsidenten nur ein „ungeschicktes Verhalten“.

          Es gebe auch „keinerlei Anhaltspunkte“ dafür, dass der Fifa-Präsident für Schmiergeldzahlungen an seine langjährigen Mitstreiter Havelange, Teixeira oder Leoz verantwortlich gewesen sei. Zudem wird im Bericht festgestellt, dass die Annahme von Bestechungsgeldern durch Havelange, Teixeira und Leoz zum damaligen Zeitpunkt nach Schweizer Strafrecht nicht strafbar gewesen wäre. Außerdem zieht wohl auch eine interne Bestrafung auf Grundlage der Sportgerichtsbarkeit nicht, weil die Fifa erst vom Jahr 2004 an über Ethikregeln verfügt, die 2006 sowie 2009 überarbeitet und im vergangenen Jahr ganz neu aufgestellt wurden.

          Das abschließende Ergebnis der ISL-Untersuchung durch die Fifa bleibt unbefriedigend. Von den 142 Millionen Schweizer Franken, die gerichtsfest in den Neunzigern an Schmiergeld geflossen sind, ist nur ein Bruchteil aufgeklärt. Der Verbleib von rund 110 Millionen Franken ist weiterhin unklar.

          Chronologie des ISL-Schmiergeldskandals

          Mai 2001: Die International Sport and Leisure (ISL), einst vom inzwischen verstorbenen Adidas-Miteigentümer Horst Dassler gegründet, kommt unter einem riesigen Schuldenberg ins Wanken. Die Fifa reicht Strafanzeige gegen ISL-Manager ein. Die Gläubiger beklagen einen Schaden von vier Milliarden Franken.

          Mai 2003: Ein Jahr nach der ISL-Pleite reicht der Konkursverwalter Klage gegen Verantwortliche der Sportrechteagentur ein. Es geht um Zahlungen in Millionenhöhe, die nicht einem Zweck zugeordnet werden können. Es geht um den Verdacht von Schmiergeldern.

          Februar 2004: Der ehemalige ISL-Mann und langjährige Blatter-Freund Jean-Marie Weber will 2,5 Millionen Franken zurückbezahlen, wenn Fußballfunktionäre unbehelligt bleiben von weiteren Untersuchungen. Das Geld stammte zum Teil vom langjährigen Fifa-Vorstandsmitglied Ricardo Teixeira.

          Juni 2004: Die Fifa reicht als Teil des angestrebten Vergleichs eine „Desinteresse-Erklärung“ ein, in der sie die 2001 erhobene Strafanzeige gegen die ISL zurückzog. Die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt weiter.

          August 2005: Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Verfahren gegen die Fifa wegen des Verdachts der Untreue.

          Februar 2007: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen sechs ISL-Manager. Es geht um rund 140 Millionen Franken Schmiergeld. Außer ISL-Chef Weber werden alle freigesprochen. Der ehemalige Vorstand will aber keine Namen von Schmiergeldempfängern nennen und wehrt sich vergeblich bis zum Bundesgericht.

          Mai 2010: Havelange und Teixeira bezahlen 5,5 Millionen Franken als Wiedergutmachung. Danach werden die Ermittlungen gegen sie eingestellt.

          Juli 2012: Das Schweizer Bundesgericht ordnet die Öffnung der Prozessakte an – gegen den Willen von Fifa, Havelange und Teixeira.

          März 2013: Der neue Fifa-Ermittler Michael Garcia legt seinen 4200 Seiten starken ISL-Bericht dem Kollegen Joachim Eckert vor. Dieser ist neuer Vorsitzender der Spruchkammer der Fifa-Ethikkommission.

          30. April 2013: Der Münchner Richter Eckert legt seine AbschlussergeISLbnisse vor und bestätigt das ausgedehnte Schmiergeldsystem innerhalb der Fifa. Zu Ermittlungen gegen den langjährigen Präsidenten Blatter langen die Erkenntnisse nicht. ash.

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