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Kommentar zur Fifa : Der Zerfall des Weltfußballs

  • -Aktualisiert am

Der Nachfolger von Fifa-Präsident Joseph Blatter wird gesucht in Zürich. Bild: dpa

Die Fifa steht angeblich vor einem Neuanfang. Das darf bezweifelt werden. Eine große Enttäuschung ist der neue Präsident schon jetzt.

          Der Fußball muss sich bewegen. Der Druck auf den Weltverband Fifa, der auf seinen Wahlkongress am Freitag in Zürich zusteuert, ist enorm, seit die amerikanische Justiz beschlossen hat, ihn unter die Lupe zu nehmen. Seitdem weiß jeder, wie skrupellos sich Funktionäre seit Jahrzehnten bereichert haben – und auf welch zynische Weise Dauerpräsident Joseph Blatter die Gier seiner Kollegen in sein effektivstes globales Machtinstrument umgewandelt hat.

          Alle sind sich einig: Nur durch dramatische Reformen ist der Zerfall der obersten Fußball-Institution noch aufzuhalten. Doch wer glaubt, am Ende dieser Woche, nach dem außerordentlichen Kongress mit der Präsidentenwahl und der Abstimmung über ein Reformpaket, werde eine neue Fifa in die Zukunft starten, weiß nicht viel von den Beharrungskräften, der Arroganz und dem mangelhaften Unrechtsbewusstsein vieler Fußballfunktionäre. In diesem Sport, der auch kluge Menschen gelegentlich erblinden lässt, sind die Stars und die Führungsfiguren schon immer mit Dreistigkeiten durchgekommen, die andere Sportarten in den Abgrund getrieben hätten.

          Die Fifa will den aktuellen Prozess zwar so aussehen lassen, als erlebte sie eine Stunde null. Aber die Wahrheit ist: Sie wird einen neuen Präsidenten bekommen, der aus der alten Tradition kommt und auch so handelt. Die Fürsten aus den Kontinentalverbänden, bei denen die Wurzel des Übels zu suchen ist, werden sich zwar - sollte das Reformpaket verabschiedet werden - nicht mehr so freihändig bedienen können. Doch ihre Macht ist nicht gebrochen. Es ist zu befürchten, dass die breite Öffentlichkeit sich trotzdem zufriedengeben wird. Viele nehmen den Skandal ohnehin eher auf der Kabarettebene wahr. Hauptsache, der Ball rollt weiter.

          Eine große Enttäuschung ist jetzt schon der neue Präsident, egal welcher der beiden Favoriten, Scheich Salman Al Khalifa oder Gianni Infantino, das Rennen machen wird. Der Mann aus Bahrein wurde im alten System, als Günstling der Macht, Präsident des Kontinentalverbandes von Asien. Noch schwerer wiegt, dass er auf Vorwürfe, politische Verantwortung für die Folterung von rebellischen Landsleuten, darunter auch Fußballspieler, zu tragen, nur mit einem dürren Dementi reagiert hat. Der Schweizer Infantino sprang für seinen Chef ein, den bis dato wegen Bereicherung gesperrten Michel Platini. Infantino war dessen ergebener Generalsekretär beim europäischen Kontinentalverband Uefa, rechte Hand eines Präsidenten also, der Reformen, Integritätschecks, eine unabhängige Verbandsjustiz oder eine Begrenzung von Amtszeiten für Unsinn hält.

          So funktioniert die Wahl des neuen Fifa-Präsidenten. Bilderstrecke

          Die Wahlkämpfe der beiden Top-Kandidaten unterschieden sich kaum von denen früherer Zeiten. Sie reisten um die Welt und hofierten die Kontinentalverbände, deren Macht eigentlich eingeschränkt werden sollte. Angeblich soll künftig der Einfluss der Nationalverbände, die am Wahltag ihr Votum abgeben, gestärkt werden. Aber die Praxis zeigt, dass die Kandidaten weiter auf kontinental organisierte Stimmenpakete bauen. Sie versuchten mit Hilfe der bewährten Versprechungen Stimmen zu fangen: mehr Geld und mehr Startplätze bei den Weltmeisterschaften. Wer derart mit dem alten System paktiert, wird sich schwertun, am Freitagabend plötzlich glaubwürdig für einen Kulturwandel zu stehen.

          Über diesen Widerspruch trösten sich die Reformer unter den Fifa-Leuten damit hinweg, dass der Fifa-Präsident nach den neuen, noch zu verabschiedenden Statuten ohnehin wenig zu sagen haben wird. Seine Rolle wandelt sich vom rechtlichen Vertreter der Fifa zu einer Art Aufsichtsratsvorsitzendem. Doch vieles spricht dafür, dass es besser gewesen wäre, den Präsidentenstuhl mit einer vertrauenswürdigen, von außen akquirierten Persönlichkeit zu besetzen und deren Macht zu stärken. Eines der Grundübel der Fifa nicht erst unter Joseph Blatter war es, dass der Präsident, selbst wenn er gewollt hätte, nicht stark genug gewesen wäre, um die Vertreter der Konföderationen, deren Ziele im Exekutivkomitee hauptsächlich persönliche Bereicherung und Sesselkleben waren, zu disziplinieren.

          Der neue Statutenentwurf lässt die zentrale Frage aber offen, wer denn nun eigentlich der Chef der Fifa sein wird, wer die fundamentalen Entscheidungen trifft, wer der kompetente Verhandlungspartner der Behörden, etwa der amerikanischen Staatsanwaltschaft, sein soll. Der neue Frühstücksdirektor? Der mit enormem Einfluss ausgestattete Compliance-Chef? Oder der Generalsekretär, der Verträge unterschreiben und Geldflüsse lenken soll? Ein kurzer Blick in die Vergangenheit reicht, um zu erkennen, wie riskant das wäre. Blatters letzter Generalsekretär, Jérôme Valcke, musste wegen dreister Manipulationen zu seinen Gunsten geschasst werden.

          Die Annahme, das Hauptamt wäre im Gegensatz zum Ehrenamt gegen Korruption gefeit, ist nicht tragfähig. Die Seriosität einer Funktion hängt immer von der Person ab, die sie bekleidet. Ob in dieser Erkenntnis eine Chance für die Fifa liegen könnte, ist jedoch eine offene Frage. Der Präsidentenwahlkampf, in dem ein Neuanfang nicht zu erkennen war, lässt jedenfalls nichts Gutes hoffen.

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