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FBI und Sport : Amerikanische Aufklärer

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Sieht gut aus, ist aber im Visier des FBI: Die WM 2022 in Qatar Bild: dpa

Das FBI ermittelt wegen der WM-Vergaben Russland 2018 und Qatar 2022. Keine Strafverfolgungsbehörde geht derart nachhaltig im Kampf gegen Bestechung, Doping und andere Vergehen im Sport vor.

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          Der 15. Dezember 1999 war ein denkwürdiger Tag in der Geschichte der olympischen Bewegung. Der Präsident des IOC saß im Anhörungssaal des amerikanischen Repräsentantenhauses und wurde von einem verärgerten Abgeordneten der Republikanischen Partei mit den Worten begrüßt: „Ich würde heute gerne verkünden, dass Sie zurücktreten. Das ist hier ein großartiger Ort, um sich wie ein wahrer Staatsmann des Sports zu verhalten und das zu tun“, sagte Joe Barton dem 79-jährigen Juan Antonio Samaranch ins Gesicht, der im Bestechungsskandal um die Bewerbung von Salt Lake City um die Winterspiele 2002 in Verruf geraten war.

          Der Spanier war einer Vorladung unter Androhung von Beugehaft im Fall des Nichterscheinens entgangen, nachdem er sich wochenlang geziert hatte, den amerikanischen Politikern Rede und Antwort zu stehen. Er stimmte letztlich sogar einer Befragung durch das FBI zu. Der Druck aus Washington war schlichtweg zu groß gewesen. Samaranch, der mit der Concorde eingeflogen war, trat an diesem Tag allerdings weder zurück, noch beantwortete er in der dreistündigen Anhörung - unter Eid - Fragen mit eindeutigen Antworten. Aber der Auftritt signalisierte eines: den Anfang vom Ende seiner Karriere als unumstrittener Autokrat an der Spitze der IOC.

          Nicht jedes Parlament hat die Macht, dem internationalen Sport öffentlich so zuzusetzen. Genauso wie es kaum Strafverfolgungsbehörden außerhalb der Vereinigten Staaten gibt, die derart nachhaltig im Kampf gegen Bestechung, Doping und andere Vergehen gegen die Regeln der Verbände vorgehen, sobald sich die Indizien häufen.

          Diese Woche nun bestätigte sich, dass sich das FBI in die Ermittlungen um die umstrittene Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Qatar eingeschaltet hat. Verdachtsmomente, dass seit Jahren unter dem Dach des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) Gesetze - nicht nur in den Vereinigten Staaten - gebrochen werden, gibt es genug. Der lange Arm der Amerikaner reicht zwar nicht bis nach Zürich. Aber große amerikanische Firmen wie Coca-Cola, Budweiser und Visa sind Sponsoren und reagieren sensibel auf Imageprobleme aller Art.

          Das Federal Bureau of Investigation höchstselbst nimmt die WM-Vergabe ins Visier

          Politiker und Beamte, die sich als Kontrolleure und nicht als Lobbyisten des Sports verstehen, sind gefordert. Typen wie der ehemalige Steuerfahnder Jeff Novitzky. Der hatte zunächst in Kalifornien bei nächtlichen Streifzügen durch den Müll das Ausgangsmaterial entdeckt, mit dem der Balco-Doping-Skandal ins Rollen kam. Der Fall sorgte für eine Haftstrafe für die Sprinterin Marion Jones und gab Novitzky neuen Handlungsspielraum - für eine erste ernsthafte juristische Aufarbeitung der Anabolika-Epidemie im Baseball und für die Ermittlungsarbeit gegen den siebenmaligen Tour-de-France Gewinner Lance Armstrong. „Dirt“ Novitzky und seine Kollegen schrecken nicht davor zurück, Athleten ins Gefängnis zu bringen. Und sei es auch nur wegen Kollateralvergehen wie Meineid.

          Erst solche zusätzlichen Verdachtsansätze führen zu Durchsuchungsbefehlen und anderen Hilfsmitteln aus dem Arsenal der Strafverfolgungsbehörden. Andernfalls treten Verbände gerne so auf wie am Donnerstag in Lausanne, wo der einst als Reformer gestartete Samaranch-Nachfolger Jacques Rogge die Aktendeckel über die Bestechungsfälle dreier Funktionäre schloss. Die Begründung im Fall des abgetretenen Joao Havelange, ebenfalls Fifa-Ehrenpräsident, dokumentierte, dass Verbände immer wieder Verschleierung statt Transparenz praktizieren. „Herr Havelange ist kein IOC-Mitglied mehr. Für uns ist er eine Privatperson“, sagte Rogge. Zwar handelt es sich in den Fällen wohl nicht um strafbare Korruption, weil entsprechende Gesetze einfach damals fehlten, trotzdem würde es helfen, die schmutzigen Geschäfte transparent zu machen.

          In nächtlichen Streifzügen sucht er nach Beweisen: Fahnder Jeff Novitzky

          So war denn auch die Reaktion der Fifa auf die Nachricht über die FBI-Ermittlungen wegen der WM-Vergabe nicht weiter verwunderlich. Man könne das Motiv der amerikanischen Ermittler nicht verstehen, hieß es. Und das, obwohl bei den offensichtlichen Bestechungsversuchen der Funktionäre Mohammed Bin Hammam (Qatar) und Jack Warner (Trinidad) womöglich gegen das amerikanische Geldwäschegesetz verstoßen wurde. Und obwohl der ehemalige Generalsekretär der Fußball-Konföderation Concacaf (Nordamerika und Karibik), Chuck Blazer, amerikanischer Staatsbürger und womöglich verwickelt ist.

          Überraschend wenig trägt der amerikanische Fußballverband zur Aufklärung bei. Obwohl man bei der Abstimmung für 2022 mit einer deutlich attraktiveren Bewerbung gegen das Scheichtum Qatar verloren hatte, wird seit einem Jahr zu den Korruptionsvorwürfen geschwiegen. Auf die Bitte um eine Stellungnahme gab es in dieser Woche wieder keine Reaktion.

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