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Fanszene des Chemnitzer FC : Als Logo einen Hitlerjungen

„Unsere Stadt – Unsere Regeln“: Nazis und andere rechte Demonstranten am Montag in Chemnitz Bild: AFP

NS-Boys, Kaotic: Welchen Einfluss Nazis und Rechtsextreme in der Fanszene des Chemnitzer FC haben, ist seit Jahren offenkundig. Auch der Menschenjagd am Sonntag ging der Aufruf einer solchen Gruppierung voraus.

  • -Aktualisiert am

          Die Zusammensetzung des Fußball-Publikums bildet einen Querschnitt der Gesellschaft ab. Die Zuschauer in den Fan-Kurven sind jünger und männlicher, aber auch dort finden sich alle politischen Einstellungen und gesellschaftlichen Hintergründe. Als am Sonntagnachmittag in Chemnitz eine aufgebrachte Menschenmenge durch die Stadt zog und Hetzjagden auf Migranten veranstaltete, waren Fußball-Fans des Chemnitzer FC ganz vorne mit dabei.

          Genauso wie es in Chemnitz Fanklubs und Gruppierungen unpolitischer oder linker Natur gibt, gibt es sie dort eben auch, die rechten und bisweilen rechtsextremen Gruppen. Eine davon nennt sich „Kaotic Chemnitz“. Diese Gruppe hatte am Sonntag in einem mittlerweile gelöschten Facebook-Post unter dem Motto „Unsere Stadt – Unsere Regeln“ Chemnitzer Fußball-Fans und deren Sympathisanten aufgerufen, sich zu sammeln und zu „zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat“. Dem Post vorausgegangen war eine Messerstecherei am Rande eines Stadtfestes, an der ein Syrer und ein Iraker beteiligt gewesen sein sollen und bei der ein Deutscher ums Leben kam. Nur wenig später veranstaltete die AfD eine Mahnwache am Tatort – und unter anderem „Kaotic Chemnitz“ folgte dem Beispiel aus der Politik und mobilisierte ebenfalls. Etwa 1000 Menschen kamen, darunter Anhänger des Chemnitzer FC (CFC).

          Seit Jahren Probleme mit gewaltbereiten Fans

          Der Chemnitzer Fußballklub hat seit Jahren Probleme mit gewaltbereiten und zum Teil offen rechtsextrem auftretenden Fangruppierungen. Bereits in den neunziger Jahren gründeten sich die „HooNaRa“ („Hooligans-Nazis-Rassisten), die in der Folge immer wieder an Übergriffen mit fremdenfeindlichen Motiven beteiligt gewesen sein sollen. 1999 war ein Mitglied der „HooNaRa“ am Mord eines 17-Jährigen beteiligt, der auf dem Heimweg von einem Musikfestival von drei Männern überfallen und totgeprügelt wurde. Zwar wurde die Gruppierung 2007 offiziell aufgelöst, doch ihre Mitglieder blieben weitestgehend in der Chemnitzer Fan-Szene aktiv. Etwa bei „Kaotic Chemnitz“, deren Kern aus 20 bis 30 Mitgliedern besteht, aber schnell etwa 70 weitere aktive Unterstützer mobilisieren kann.

          Die Chemnitzer Szene gilt als bestens vernetzt, mit Kontakten nach Cottbus und Zwickau, zum Beispiel, sowie zu rechten Kameradschaften. Seit 2004 existiert zudem die etwa 50 Mitglieder zählende Gruppierung „NS-Boys“, die seit 2006 offiziell vom CFC mit einem Stadionverbot belegt ist („Kaotic Chemnitz“ seit 2012). Die Abkürzung „NS“ steht laut Gruppe für „New Society“. Die eigentliche Bedeutung und die politische Gesinnung sind offensichtlich. Das Logo der Gruppe zeigt das Konterfei eines Hitlerjungen. Den zwischenzeitlich aufgelösten, aber mittlerweile neu gegründeten „NS-Boys“ wurden bei einer Razzia Verbindungen zur 2014 verbotenen Neonazi-Gruppe „Nationale Sozialisten Chemnitz“ nachgewiesen.

          Und auch wenn die beiden offen rechtsextrem auftretenden Chemnitzer Fan-Zusammenschlüsse ihre Mannschaft nicht mehr bei Spielen im eigenen Stadion unterstützen können, treten sie immer wieder bei Auswärtspartien und anderen Gelegenheiten mit ihren Fahnen und Symbolen in Erscheinung – offenbar toleriert vom Rest der Fanszene. „Dass die Gruppen in der Zwischenzeit aufgelöst oder verboten worden sind, bedeutet nicht, dass die seit Jahren bestehenden Kontakte verschwinden“, sagt Robert Claus von der Kompetenzgruppe Fankultur und Sport bezogene Soziale Arbeit (Kofas) auf Anfrage. Claus beobachtet eine Professionalisierung der gesamten Hooliganszene. „Es hat sich gezeigt, dass man die Kampfsportszene als Pool zur Rekrutierung nutzen kann“, sagt der Experte. Das lasse sich auch in Chemnitz feststellen. In örtlichen Boxklubs sollen Rechtsextreme, zum Teil Mitglieder der „HooNaRa“ trainiert haben.

          Seit 2013 tragen rechte Hooligans den „Kampf der Nibelungen“ aus. Ein Kampfsporttreffen, das in Nordrhein-Westfalen und Umland an geheimen Orten veranstaltet wird. Im Oktober dieses Jahres findet das Event zum zweiten Mal in Sachsen statt.

          Rechte Fanströmungen sind kein rein ostdeutsches Problem. Sie gibt es bundesweit, wurden aber in Bremen und Dortmund nach und nach aus den Blöcken verdrängt. „Die Vereine dort haben konsequent auf Prävention gesetzt, in dem sie die antirassistischen Fangruppen unterstützt und bei Interventionen hart durchgegriffen haben“, sagt Claus. „Das eine geht aber nur mit dem anderen.“ So agieren auch einige Vereine in Ostdeutschland. „Dynamo Dresden und der FC Carl Zeiss Jena sind zwei sehr gute Beispiele, in denen die Vereine und größere Teile der Fanszenen sich kontinuierlich und glaubwürdig gegen Rechtsextremismus im Stadion eingesetzt haben“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte, dieser Zeitung.

          Seit 2006 wirbt in Dresden die Fanorganisation „1953international“ für Weltoffenheit und Toleranz. Unter den Ultras herrscht das Gesetz der Selbstregulierung nach dem Moto: Politik hat auf der Tribüne nichts zu suchen. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. So wurde die rechtsradikale Gruppierung „Die Faust des Ostens“ vor einigen Jahren aus der Kurve verdrängt.

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