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Fall Stepanowa : Was ist gerecht - was ist richtig?

Whistleblower im Kampf gegen Doping: Julia Stepanowa Bild: AP

Der Streit um den Start von Julia Stepanowa bei den Sommerspielen ist ein Politikum. Argumente und Scheinargumente stehen gegeneinander. Das IOC steckt in der Zwickmühle.

          4 Min.

          Die 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa hat gemeinsam mit ihrem Mann Witali Stepanow das systematische Doping in Russlands Leichtathletik aufgedeckt. Ihre Doping-Sperre hat sie abgesessen, die Nominierungskriterien für die Olympischen Spiele in Rio Anfang August erfüllt. Aber das russische Nationale Olympische Komitee hat sie nicht nominiert. Nun muss die Grundsatzfrage beantwortet werden, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Führung seines Präsidenten Thomas Bach mit Informanten umgeht, die den Anti-Doping-Kampf voranbringen und sich dadurch das System im eigenen Land zum Feind machen. In der vergangenen Woche hat die Russin beim IOC um eine Starterlaubnis „unter neutraler Flagge“ nachgesucht - auch nach einer Fußverletzung hält sie daran fest.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.
          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Geht es nach den Regeln, das behauptet das IOC, kann die Organisation ihr diese Erlaubnis nicht erteilen. Das kann nur das russische Nationale Olympische Komitee, das dazu nicht bereit ist - so wenig, wie Julia Stepanowa bereit ist, für Russland zu laufen. Aber möglicherweise müsste das IOC die Athletin trotzdem einladen und sie unter der „neutralen“ Flagge des IOC, nämlich der Olympischen Flagge, starten lassen. Das angebliche Umgehen seiner eigenen Regeln steigerte zwar nicht die Glaubwürdigkeit des IOC. Aber eine Startverweigerung für die Whistleblowerin würde die Glaubwürdigkeit der Organisation womöglich nachhaltig beschädigen.

          Steckt das IOC also in einer Zwickmühle? Inzwischen hat die Exekutive die hauseigene Ethik-Kommission um einen Rat angerufen. Argumente und Scheinargumente, ob das IOC für sie seine Verfassung, die Olympische Charta, umgehen soll oder nicht, gibt es viele, ob nun moralischer, politischer, juristischer Natur. Wir haben sie gesammelt:

          Sie hat ihre Doping-Strafe abgesessen. Nun gilt sie als clean.
          Sie hat ihre Doping-Strafe abgesessen. Nun gilt sie als clean. : Bild: AP

          Welche Argumente werden für einen Start von Julia Stepanowa bei den Olympischen Spielen in Rio angeführt?

          • Das Ehepaar Stepanow hat dem Anti-Doping-Kampf mit seinen Enthüllungen bezüglich des systematischen Betrugs in Russland einen enormen Dienst erwiesen. Seit ihrer Sperre 2013 (wegen Epo-Dopings) hat Stepanowa begonnen, ihren Mann zu unterstützen, sie nahm dafür wie er persönliche Risiken in Kauf. Die Familie hat Russland verlassen, aus Angst, wie die Stepanows sagen.

          • Sogenannte Whistleblower werden vom olympischen Sportsystem ermuntert, ihre wertvollen Informationen für einen erfolgreichen Kampf gegen Doping weiterzugeben. Nur mit ihrer Hilfe, das hat etwa der Fall Armstrong gezeigt, sind Doping-Systeme zu entlarven. Sie dürfen nicht bestraft werden durch die anschließende Verweigerung einer olympischen Startberechtigung.

          • Die 800-Meter-Läuferin hat die sportliche Qualifikation geschafft. Am 6. Juni 2015 lief sie 2:01,31 Minuten. Diese Zeit ist weit entfernt von ihrer Bestleistung aus dem Jahr 2009 - 1:58,99. Die Qualifikationszeit des Weltverbandes wurde auf 2:01,50 festgelegt, sie muss zwischen dem 1. Mai 2015 und dem 11. Juli 2016 erbracht werden. Bestätigen konnte sie die Leistung bei den Europameisterschaften Anfang Juli in Amsterdam nicht. Sie verletzte sich im Vorlauf.

          • Sie hat ihre Doping-Sperre von 2013 bis 2015 abgesessen und ist aktuell nicht gesperrt.

          • Sie könnte für das Internationale Olympische Komitee eine Symbolfigur werden. Das IOC könnte anhand ihres Falls seine Entschlossenheit im Anti-Doping-Kampf auf der größten sichtbaren Bühne demonstrieren und anderen potentiellen Kronzeugen Mut machen.

          • Der Universalitätsgedanke des Olympismus macht ihren Start geradezu erforderlich. Das IOC nimmt für sich in Anspruch, supranational, also so unabhängig wie möglich von nationalen Einzelinteressen zu agieren. Ein Nationales Olympisches Komitee (NOK) darf darum den Start einer Sportlerin nicht verhindern können, die als Aufklärerin so viel Gutes getan hat.

          Im Fokus nicht nur der Fernsehkameras: die russische 800-Meter-Läuferin steht unter vielfacher Beobachtung.
          Im Fokus nicht nur der Fernsehkameras: die russische 800-Meter-Läuferin steht unter vielfacher Beobachtung. : Bild: dpa

          Welche Argumente werden gegen einen Start von Julia Stepanowa bei den Olympischen Spielen in Rio angeführt?

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