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Europa-Spiele : DOSB stützt Haltung der Athleten in Baku

Umstrittene Premiere: Die Europa-Spiele in Baku sind eine zweifelhafte Veranstaltung Bild: AFP

Politische Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen: In Aserbaidschan finden von Freitag an die ersten Europa-Spiele unter zweifelhaften Umständen statt. Deutsche Sportler sollen die Missstände vor Ort benennen.

          „Missbraucht Aserbaidschan die Europa-Spiele?“ Das ist eine berechtigte Frage bei den Menschenrechtsverletzungen des Regimes im Kaukasus. Eberhard Gienger nahm es am Dienstag in Berlin auf sich, geradezu exemplarisch zu verkörpern, welche Schwierigkeiten sich Sport und Sportpolitik damit machen können, sie zu beantworten.

          Christoph Becker
          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Als die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ drei Tage vor der Eröffnung der Spiele in Baku Antworten einforderte, machte er - Klimmzüge. Seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages, ist Gienger immer noch mehr als einstiger Turn-Weltmeister bekannt denn als Politiker. „Schwer zu sagen“, behauptete er, gefragt nach Missbrauch oder nicht, schließlich beginne die Veranstaltung erst am Freitag. Dann rang er sich durch: „Ganz klares Nein.“

          Visa werden verweigert

          Nachdem die exilierten aserbaidschanischen Journalisten Gulnara Akhundova und Emin Milli über politische Verfolgung berichtet hatten, beschrieb Gienger die schwierige Situation, in die ihn Befürworter und Gegner mit ihrer Argumentation brächten. „Ich habe mich deshalb entschlossen, die Spiele in Baku persönlich anzuschauen“, sagte er. Für politische Aktivisten seien die Spiele vorteilhaft, „denn jetzt kommt so ein großes Event, und es kann darüber berichtet werden“. Die verfolgten Aktivisten widersprachen.

          Wer während des European Song Contest 2012 in Baku gegenüber ausländischen Journalisten Kritik geäußert habe, sitze heute im Gefängnis; Berichterstattern, auch des deutschen Fernsehens, würden ebenso wie Mitarbeitern der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Visa verweigert. „Während wir sprechen“, sagte Gulnara Akhundova, werde Emma Hughes, Mitarbeiterin der Organisation „Platform“, auf dem Flughafen von Baku festgehalten. Sie hat sich kritisch zur Rolle des Ölkonzerns BP als Sponsor der Europa-Spiele und zur engen Verbindung des Konzerns zu Machthaber Alijew geäußert und war als Journalistin für die Europa-Spiele akkreditiert. Bevor sie am Mittwoch des Landes verwiesen wurde, teilen Offizielle ihr mit, dass sie auf einer „roten Liste“ stehe.

          Auf der roten Liste

          Es gehe nicht darum, erwiderte Gienger, Journalisten einreisen zu lassen, die auf der roten Liste stehen. Er habe vielmehr gelernt, dass Journalisten, die nicht auf der roten Liste stünden, berichten könnten, was sie wollten. Als Milli ihn aufforderte, wenn schon nicht politische Gefangene in Haft, so doch wenigstens deren Angehörige zu besuchen, wandte sich Gienger auf dem Podium an den Leiter des Berliner Büros des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Ich weiß gar nicht, wie weit Sie sind, Herr Sachs“, sagte er. „Wir haben noch gar kein Programm.“

          Aber eigentlich, machte der Abgeordnete dann deutlich, brauche er auf seiner sportpolitischen Dienstreise keine Reiseleitung vom deutschen Sport: „Ich spreche Russisch. Ich kann mich mit Leuten auf der Straße unterhalten, und das will ich tun.“ Im Übrigen, das sagte Gienger nach mehr als einer Stunde Diskussion, fliege er in erster Linie wegen des Sports nach Baku; er wolle schauen, ob Europa-Spiele Europameisterschaften ersetzen könnten. „In zweiter Linie will ich das Event nutzen“, sagte er, „um Themen wie Pressefreiheit und politische Gefangene mal öffentlich zu machen.“

          „Keine zwei Meinungen“

          Die Führung des DOSB steht unterdessen hinter der geradlinigen Forderung des deutschen Athletensprechers Christian Schreiber, die politischen Gefangenen im Land freizulassen. Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission des 265 Sportler umfassenden Aufgebots in Baku, sagte am Mittwoch: „Wir haben über die Athletenkommission deutlich gemacht, wie wir zur Politik und zu den Menschenrechten denken.“ DOSB-Präsident Alfons Hörmann sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, Schreibers Forderung entspreche „im Grundsatz voll unserer Geisteshaltung“.

          Für Schimmelpfennig kann es zu den in der jüngsten Zeit verhängten Haftstrafen gegen Kritiker Alijews und Verhaftungen prominenter Menschenrechtsanwälte und Journalisten „keine zwei Meinungen“ geben: „Wir haben eine klare Position zu den Menschenrechten, wir möchten, dass sie hier, wie anderswo in der Welt, erfüllt werden.“ Schreibers Forderung, mit der er sich dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für die Menschenrechtslage in dem autoritär regierten Staat am Kaspischen Meer anschloss, nannte Schimmelpfennig „sehr eindeutig und beeindruckend“.

          Forderungen an den Verband 

          „Reporter ohne Grenzen“ hat den DOSB aufgefordert, explizit die Freilassung der politischen Gefangenen in Aserbaidschan zu verlangen. „Wir haben einen Vorstand und ein Präsidium. Wenn dort die Entscheidung fallen sollte, sich politisch zu äußern, wird das der DOSB tun“, sagte Schimmelpfennig dazu. Michael Vesper, der Vorstandsvorsitzende des DOSB, ist am Mittwochnachmittag nach Baku aufgebrochen. Wie belastet die neu eingerichteten Europa-Spiele bereits sind, wurde durch die Nachricht deutlich, die von der Agentur Reuters verbreitet wurde: Die Niederlande, als Nachfolger Bakus 2019 vorgesehen, haben die Austragung zwei Tage vor Beginn der Spiele in Aserbaidschans Hauptstadt zurückgegeben. Aus finanziellen, aber auch aus politischen Gründen.

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