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„Erschießen wie bei Stalin“ : Hilfloses Russland

Parteisoldatin Isinbajewa: McLaren-Report abgelehnt, ohne ihn gelesen zu haben Bild: dpa

Olympiasiegerin Isinbajewa nennt Kronzeugen der Doping-Enthüllung Verräter. Und NOK-Ehrenpräsident Tjagatschew, Skilehrer Putins, fordert Lösungen wie bei Stalin.

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          Krokodilstränen fließen im Sport Russlands. Die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) habe nun wirklich alle Bedingungen erfüllt, um zurückkehren zu dürfen in die Anti-Doping-Gemeinschaft der Welt, beklagt Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Isinbajewa. Rusada habe Kontrolleuren Zugang zu Verbotenen Städten eröffnet, habe Budget und Zahl der Mitarbeiter verdoppelt und habe sogar die Vorsitzende ihres Aufsichtsrates abgelöst. Bei dieser handelte es sich, dies zur Erinnerung, um eben die hochdekorierte Jelena Isinbajewa.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Deren Ernennung hatte die Wada als Provokation erlebt, beschrieb sie doch den McLaren-Report, der das systematische Doping im russischen Sport belegt, als unbewiesene Propaganda – ohne ihn überhaupt gelesen zu haben. Zudem nannte sie Kronzeugen der Enthüllung wie Julija Stepanowa, Verräter, die vom Sport ausgesperrt werden müssten. Lediglich zwei Bedingungen habe die Rusada nicht erfüllt, sagt Jelena Isinbajewa, einfach weil sie das nicht könne: Zugriff auf Proben und Daten aus dem Doping-Kontrolllabor von Moskau zu erlauben, die von der Polizei beschlagnahmt worden sind, und endlich einzugestehen, dass es systematisches, staatlich unterstütztes Doping gegeben habe.

          Lassen wir Überlegungen beiseite, dass die Polizei womöglich nur zu dem Zweck ins Labor geschickt wurde, die Proben dem Zugriff der Wada zu entziehen. Die Unmöglichkeit, das systematische Doping zuzugeben, beweist die Abhängigkeit des Sports vom Staat. Seine Protagonisten dürfen keine abweichende Meinung haben. Wer zugeben wollte, dass er Anweisungen zum Verschwindenlassen positiver Dopingbefunde aus dem Ministerium von Witali Mutko erhalten hat, ist erledigt. Keine Frage: Die Erneuerung des russischen Sports kann nur von der Spitze des Staates ausgehen.

          Die Haltung von Putin, dass russische Athleten nie und nimmer unter neutraler Flagge an den Olympischen Winterspielen im Februar teilnehmen sollen, verhärtet die Front. Sein Nationales Olympisches Komitee, geführt von dem Parteisoldaten Alexander Schukow, spricht von Boykott.

          Und der Ehrenpräsident dieses Gremiums, der einstige Ski-Rennfahrer und Skilehrer Putins, der 72 Jahre alte Leonid Tjagatschew, erweist sich als Mann von vorgestern. Im Interview mit einem Moskauer Radiosender forderte er, der nach Amerika geflohene einstige Laborleiter und Drahtzieher des Dopings, Gregoij Rodtschenkow, müsse, weil er die Unwahrheit sage, wie das Stalin erledigt hätte, erschossen werden. In der Zeitung „Tribuna“ wird Rodtschenko“ als „der Henker des russischen Sports“ vorgestellt. Die starken Worte machen die Hilflosigkeit Russlands um so deutlicher. In der Sprache von Tjagatschew: Der Schuss geht nach hinten los.

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