https://www.faz.net/-gtl-88it1

Gesamtdeutscher Sport : Erfolg ist mehr als Medaillenflut

  • -Aktualisiert am

Erfolg im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold: „Sichere“ Medaillen wie im Rodeln von Felix Loch sind nicht alles Bild: dpa

25 Jahre nach der Wiedervereinigung sucht der gesamtdeutsche Sport noch seine Identität. Das reine Medaillenzählen ist dabei nicht der Weisheit letzter Schluss. Stattdessen müssen Denkmuster überwunden werden.

          2 Min.

          Der Sport wird in diesen Tagen kräftig gelobt. Weil er die Einheit so wunderbar hingekriegt hat. Aber ja, in der ganzen Republik wird gerannt, gesprungen und gelaufen. Die Begeisterung der Deutschen in Ost und West für den Wettkampf hat sie zu einer riesigen Sportnation geformt. Sie führt alle Generationen und Schichten der Gesellschaft zusammen. Als die Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Brasilien 2014 spielte, waren mehr als 30 Millionen Menschen in diesem Land via Fernsehen miteinander verbunden. Der Sport schafft Einheit. Wer sonst?

          Aber wenn nur einer der Weltmeister - Toni Kroos - aus den ein Vierteljahrhundert alten neuen Bundesländern mit großer Fußballtradition stammt, dann hat sich wohl doch nicht alles so prächtig einheitlich entwickelt. Die Defizite dort sind offenbar: der Absturz des Volkssports Fußball in die Drittklassigkeit, das weitaus geringere Interesse im Osten, in Sportvereine zu gehen und - kaum thematisiert - die Fortführung alter Strukturen im vereinten Sport. Sie sind Ausdruck eines Geistes, den man in diesen Tagen nicht feiern sollte. Weil er wesentlich älter ist als 25 Jahre, wenigstens 45 Und weil er keinen Anlass bietet, das Glas zu heben.

          Nein, es geht vordergründig nicht um das für Opfer so schmerzhafte Festhalten an ehemaligen Stasi-Spitzeln oder Dopern in Führungspositionen des Sports, sondern um die Gründe für die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich angemessen, würdevoll mit den Folgen etwa des Kinder-Dopings als Konsequenz eines Spitzensports im Staatsauftrag auseinanderzusetzen. Spätestens mit der Vergabe der Olympischen Spiele 1972 an München „einigten“ sich Ost und West, ob nun unausgesprochen oder in kleinen Zirkeln diskutiert, auf eine Fördersystematik, die bis heute vorherrscht: Geld vom Staat für Gold.

          Friss oder stirb

          Mit dem internationalen Renommee wird nach wie vor die Unterstützung des Staates für den Spitzensport gerechtfertigt. Weil die Erfolge angeblich die Leistungsfähigkeit des Landes repräsentieren. Über den kausalen Zusammenhang zwischen einem WM-Titel eines deutschen Dreispringers und der Wirtschaftskraft der Bundesrepublik kann man wohl streiten. Nicht aber über die Folgen dieses Leistungsanspruchs. Er war und ist der Nährboden für Manipulationen. Das hat die Politik zwar verstanden und will nun gegen den Willen des Sports endlich ein scharfes Anti-Doping-Gesetz durchsetzen.

          Aber gleichzeitig fordert der Innenminister mittelfristig ein Drittel mehr Medaillen. Vor diesem Hintergrund werden saubere Athleten in bestimmten Sportarten oder deren Disziplinen glauben, nur eine Wahl zu haben: friss oder stirb. Wie vor 45 Jahren, mitten im Kalten Krieg.

          Denkmuster müssen überwunden werden

          Im Verhältnis zur Förderung des Spitzensports (2015 geschätzt 500 Millionen Euro durch Bund und Länder) fällt die ideelle wie finanzielle Unterstützung für den Alltagssport und dessen Entwicklung lächerlich gering aus. Es existiert kein nationales Interesse. Obwohl Wissenschaftler auf die gewachsene Bedeutung des Sports vom Schüler bis zum Greisen hinweisen und mit Untersuchungen belegen. Ganz zu schweigen von der Chance, mit Spiel und Spaß eine Gesellschaft halbwegs beieinander zu halten, die vom Auseinanderdriften mehr denn je bedroht ist.

          Es gilt, die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen Spitzen- und Freizeitsport geöffnet hat. Es gilt zu verstehen, dass eine Sportnation wie die deutsche mehr will als Medaillen ihrer Nationalmannschaften - und das können durchaus auch weniger Medaillen sein, wenn die Leistungen überzeugen. Man muss deshalb nicht Abstand nehmen vom Spitzensport und ihn zu einer Privatangelegenheit erklären. Im Gegenteil. Es geht auch um die wichtige Frage, wie eine freie, geschützte Talententwicklung möglich ist, ohne immer wieder in die alte Schleife zu geraten. Wie sich die unbestrittene Attraktivität des Leistungssports als Ansporn für Kinder erhalten lässt, ohne ihnen fatal falsche Versprechungen zu machen. Dafür müssen Staat und Verbände ihr Denkmuster überwinden. Das würde es der Bevölkerung auch leichter machen, Olympische Spiele in Deutschland nicht als eine teure, verführerische Leistungsmesse, sondern als Kulturbeitrag zu sehen - auch zur Stärkung der Einheit.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.