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Kommentar : Vorkämpferin Pechstein

Der nächste Etappensieg vor Gericht: Claudia Pechstein Bild: dpa

Mehr Freiheit für Athleten: Auch das Oberlandesgericht München gibt Claudia Pechstein Recht. Demnach sind die Schiedsklauseln im Sport unwirksam, Sportlern darf der Weg zum staatlichen Richter nicht versperrt werden.

          Es war wie bei den Kindern, die schon gehört haben, was es als Geschenk zum Geburtstag gibt. Die Vorfreude auf die Gabe wurde nicht kleiner, erst recht nicht, wenn man lange darauf gewartet hat. „Es scheint, als würden die Richter in München meine Klage zulassen“, sagte Claudia Pechstein vor wenigen Tagen im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. An diesem Donnerstag war es soweit: Das Oberlandesgericht München gab der Eisschnellläuferin Recht. „Dieser Sieg ist mehr wert als alle Olympiamedaillen zusammen“, sagte Claudia Pechstein, als die Richter ihre Entscheidung verkündet hatten. 

          Alles andere als ein Sieg der Berlinerin gegen die Internationale Eislauf-Union (ISU) wäre nach den Aussagen der Richter in der Verhandlung im November eine Überraschung gewesen. Die ISU hatte eine Niederlage erwartet und kündigte umgehend an, vor den Bundesgerichtshof ziehen zu wollen.

          Knapp sechs Jahre nachdem sie von der ISU über auffällige Blutwerte informiert und im Sommer 2009 aufgrund des vermeintlich indirekten Beweises für Doping gesperrt wurde, steht die demnächst 43-jährige Olympiasiegerin unmittelbar vor ihrem wichtigsten juristischen Sieg: Das OLG, so steht zu erwarten, wird die Entscheidung des Landgerichts München bestätigen und die Schiedsgerichtsvereinbarungen, wie sie bislang im Sport geschlossen werden, für unwirksam erklären, weil sie Sportlern ihr Grundrecht nehmen, einen staatlichen Richter anzurufen.

          Damit hat Claudia Pechstein den Sportlern einstweilen den Gang vor ordentliche Gerichte freigekämpft, sie wären nicht mehr gezwungen, ihre Verfahren im Wege der Schiedsgerichtsbarkeit bis zum Internationalen Sportgerichtshof Cas durchzufechten. Für die Sportverbände ist das wenige Wochen nachdem Recherchen der ARD institutionalisiertes Doping in Russland und korrupte Praktiken im Internationalen Leichtathletik-Verband aufgedeckt haben, wenige Tage nachdem Robert Harting, Deutschlands Sportler des Jahres, in dieser Zeitung erklärt hat, er habe das Vertrauen in die Anti-Doping-Bemühungen der Funktionäre verloren, der nächste heftige Wirkungstreffer. Welcher Athlet wird künftig noch freiwillig Schiedsklauseln unterzeichnen, die ihn in Doping-Angelegenheiten vor die Schiedsgerichte zwingen?

          Die nächste Klage hat sie schon angekündigt

          Die in vielen Fragen zweifellos unersetzlichen Sportschiedsgerichte müssen – sollen Sportarten weltweit nach einheitlichen Regeln betrieben werden – dringend und grundlegend reformiert werden.

          Das Verfahren Pechstein hat die Athleten wachgerüttelt. Der Kampfeswillen der Eisschnellläuferin mag oft harsch, übertrieben, ja maßlos wirken, er mag noch so oft Kopfschütteln und Skepsis auslösen – vor Gericht hat sie sich um die Rechte der Sportler verdient gemacht. 

          Und doch wird sich auch nach der Entscheidung des OLG München ein Gefühl wie nach einem Geburtstag einstellen.Der Alltag ruft – die nächste Instanz. Erst, wenn auch der BGH für Claudia Pechstein entscheidet, wird das Oberlandesgericht München über ihre Schadensersatzforderung von 4,4 Millionen Euro gegen die ISU verhandeln. Und in Deutschland soll noch in diesem Jahr ein Anti-Doping-Gesetz verabschiedet werden, das jene Schiedsgerichtsklauseln, gegen die Claudia Pechstein gekämpft hat, für rechtswirksam erklärt. Der Kampf wird weitergehen. Frau Pechstein hat angekündigt, gegen die Vorschrift im Anti-Doping-Gesetz klagen zu wollen.

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