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Engagierte Handballerinnen : Demo in der Sporthalle

Die Handballspielerinnen des örtlichen Sportvereins rücken gemeinsam mit dem Dorfpastor die Welt in Sülfeld zurück ins Lot. Bild: Picture-Alliance

Der örtliche Fußballplatz dient zu oft als Ventil für alles, was sich im Laufe der Woche aufgestaut hat. Wie sich gemeinsamer Sport besser nutzen lässt, zeigen Handballspielerinnen in Schleswig-Holstein.

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          Auf dem Dorf ist die Welt noch in Ordnung? Kommt drauf an. Vor allem auf die Haltung. Zum Beispiel Sülfeld, Landkreis Bad Segeberg, Schleswig-Holstein. Einwohner 3300, ungefähr, und seit einiger Zeit wieder einer in der Nachbarschaft, der Ärger macht. Ein Nazi, aus der Haft entlassen, sammelt wieder Anhänger um sich. Mitte Oktober gab es in Sülfeld einen Angriff auf zwei Menschen, die dabei waren, Aufkleber von diesem Zirkel entfernten. Die Welt in Sülfeld ist aus Lot. Wer rückt sie gerade? „Wir“, dachten sich die Handballspielerinnen des örtlichen Sportvereins, gemeinsam mit dem Dorfpastor. Zeit zu handeln, am besten sofort.

          Vergangenes Wochenende stand das Heimspiel gegen die HSG Tills an. „Sülfeld ist bunt – wir sind mehr“ war das Motto, unter dem die Spielerinnen aufliefen. „Wir freuen uns über jeden einzelnen, der zur Vielfalt in der Halle beiträgt“, hieß es vorher. Ein Fünftliga-Spiel als Demonstration gegen rechts. Das wirkte. Knapp 800 Leute in der Halle, wer keinen Platz mehr fand, zeigte vor der Tür Haltung. Der Innenminister kam – und zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Handballspielerinnen. Einen Heimsieg gab es auch zu sehen. Die Welt ist eben immer so sehr in Ordnung, wie man sich für sie einsetzt. Auf dem Dorf und in der Sporthalle.

          Wem macht das noch Spaß?

          Und auf den Fußballplätzen? Kaum ein Tag ohne durch und durch alarmierende Nachrichten – allein aus Hessen. Vergangenen Sonntag wurde ein Schiedsrichter in Münster, Landkreis Darmstadt-Dieburg, Südhessen bei einem Kreisliga-Kick von einem Spieler bewusstlos geschlagen. Der Rettungshubschrauber musste ihn ins Krankenhaus bringen. Ein paar Tage später wurde bekannt, dass sich ein Schiedsrichter am selben Wochenende gezwungen sah, einen vierseitigen Sonderbericht zu verfassen zu einem Verbandsligaspiel im gut achtzig Kilometer entfernten in Pohlheim nahe Gießen. Es geht um rassistische Beleidigungen durch einen Zuschauer (wird zugegeben) und einen Angriff durch einen Betreuer nach Schlusspfiff (wird abgestritten).

          Ganz nüchtern betrachtet und abseits strafrechtlicher Fragen zeichnet sich da ein peinliches Bild für die beliebteste aller Sportarten ab: Der örtliche Fußballplatz dient zu oft als Ventil für alles, was sich im Laufe der Woche aufgestaut hat. Noch hat dieser Sport kein Nachwuchsproblem. Wenn aber zu viele junge und alte, ja, Männer dort die Gelegenheit sehen, einmal die Woche die Sau rauszulassen, stellen sich Eltern und ihre Kinder womöglich doch bald die entscheidende Frage: Wem soll das eigentlich noch Spaß machen?

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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