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Eiskunstlauf-Kommentar : Gegen die Eis-Scheinheiligen

  • -Aktualisiert am

Dubiose Siegerin: Der Olympiasieg von Adelina Sonikowa wird nun spät auch offiziell angezweifelt Bild: AP

Adelina Sotnikowa kam auf zweifelhafte Weise zum Olympiasieg. Nun wird der Triumph zwei Monate später auch offiziell angezweifelt. Alles ist also wie immer im Eiskunstlauf.

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          Oscar Wilde hatte viele Talente. Auch das Zeug zu einem Eiskunstlauf-Funktionär hätte er mitgebracht. Er fand ja nicht nur wie wir alle, dass das Leben nicht gerecht sei. Er fand auch, dass das für die meisten von uns auch gut so sei. Mit dieser Haltung könnte der manierierte Ire auch jetzt noch ohne weiteres zum Eisheiligen des Weltverbands-Präsidenten Ottavio Cinquanta aufsteigen. Der Italiener findet nämlich das Ergebnis des Kunstlaufwettbewerbs der Frauen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi völlig akzeptabel.

          Wir erinnern uns: Vor acht Wochen wurde der koketten jungen Russin Adelina Sotnikowa mit einer raketenhaften Benotung für eine Kür mit kleinen Schwächen das olympische Gold zugesprochen. Die Koreanerin Kim Yu-Na, die nicht nur eine verzaubernde Atmosphäre kreierte, sondern auch noch vollkommen fehlerfrei lief, erhielt Silber. Niemand fand das gut, außer den im Eiskunstlaufen sehr einflussreichen Russen, die ihren Beitrag zum glorreichen Sieg ihrer Nation im Medaillenspiegel leisten wollten. Und Ottavio Cinquanta.

          Man nimmt Willkür hin

          Tja. Eiskunstlaufen eben. Da ist Empörung unerwünscht, man nimmt die Willkür hin, sonst ist man draußen. Und doch haben sich jetzt, so lange danach, das Südkoreanische Olympische Komitee und der dortige Eislaufverband ein Herz genommen. Sie haben sich zu einem Protest beim Weltverband durchgerungen. Zwar kann man Eiskunstlauf-Ergebnisse nicht anfechten, es sei denn, sie enthielten einen groben Rechenfehler. Aber die Koreaner haben doch noch einen Weg ausgemacht: Sie berufen sich auf einen Bruch des Ethik-Kodex bei der Zusammensetzung des olympischen Richtergremiums.

          Cinquanta findet ja, an der Objektivität der damaligen Jury gäbe es nichts auszusetzen. Es saßen darin lediglich Alla Schechowtsewa, die Gattin des früheren Präsidenten und heutigen Generaldirektors des russischen Eiskunstlaufverbands, die später die kleine Sotnikowa gerührt in ihre mütterlichen Arme schloss.

          Und der Ukrainer Juri Balkow, der schon einmal wegen des Versuchs der Absprache bei den Olympischen Spielen 1998 in Nagano gesperrt war. Und dann noch Alexander Lakernik als Kontrolleur, der den technischen Wert der Elemente überwachte. Er ist Vizepräsident des russischen Verbandes. Alles wie immer halt.

          Die Koreaner haben sich schwer getan mit ihrem Protest. Sie hätten, liest man, schon ein bisschen Angst vor Vergeltung. Andere koreanische Läufer könnten für den dreisten Vorstoß büßen müssen. Aber sie konnten sich wohl einfach nicht zufrieden geben mit dem allgemeinen Schulterzucken. Bei der WM Ende März in Japan ist Adelina Sotnikowa übrigens nicht mehr gestartet. Angst vor der Stunde der Wahrheit? Sie müsse sich ausruhen, hieß es. Auf ihrem Lorbeer wahrscheinlich.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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