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Eiskunstlauf : Fall Steuer schon acht Jahre bekannt

Steuer (r.) mit seinem Eiskunstlauf-Paar Bild: AP

Bereits 1998 hat der Bundespräsident dem damaligen Eiskunstläufer Ingo Steuer wegen dessen Stasi-Vergangenheit eine Ehrung verweigert. Die Chancen des heutigen Trainers, sich vor Gericht die Olympia-Nominierung zu erstreiten, sind gering.

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          Der Stasi-Fall des Eiskunstlauftrainers Ingo Steuer hätte schon vor mehr als acht Jahren aufgeklärt werden können. Unmittelbar nach den Olympischen Winterspielen in Nagano 1998 hat das Bundespräsidialamt nach Informationen des "Spiegel" den Vorschlag des deutschen Sports abgelehnt, dem Bronzemedaillengewinner Steuer das "Silberne Lorbeerblatt" zu verleihen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Offiziell hat es dafür keine detaillierte Begründung gegeben - aus Gründen des Datenschutzes. Intern aber wußte der Stab um Roman Herzog, daß "IM Torsten" keinesfalls die höchste Auszeichnung der Bundesrepublik für den Sport erhalten dürfe. Die Information kam über das Bundesinnenministerium, wie der "Spiegel" berichtet.

          Weitergabe der Unterlagen nicht erlaubt

          Das BMI hatte nämlich im Auftrag des Präsidenten bei der damaligen Gauck-Behörde um Überprüfung gebeten, ein obligatorisches Prozedere, um sich peinliche Nachfragen zu ersparen. Diese muß sich nun auch der Sport gefallen lassen. Denn dem damaligen Innenminister Otto Schily ist es als Spitzensportsponsor im Namen des Steuerzahlers nicht vorzuwerfen, daß er den Fall nicht veröffentlichte. Im Gegenteil, er hätte gegen das Stasi-Unterlagengesetz verstoßen. Eine Weitergabe der Unterlagen über das Bundespräsidialamt hinaus war ihm nicht erlaubt.

          Merkwürdigerweise aber ist es weder der Bundeswehr als Arbeitgeber noch der Deutschen Eislauf-Union (DEU) aufgefallen, daß neben dem stasi-belasteten Biathleten Sven Fischer und der Steuer-Partnerin Mandy Wötzel (wegen eines Verkehrsdeliktes) auch Steuer nicht zum Kreis der Geehrten gehörte. Obwohl doch automatisch jeder Medaillengewinner von seinem Fachverband für diese Ehrung vorgeschlagen wird.

          Eifriger IM und Geldempfänger

          Die DEU rührte sich jedenfalls nicht. Andernfalls hätte sie stutzig werden müssen. Etwa bei der Frage, ob Steuer bereit sei, sich überprüfen zu lassen und das Ergebnis dem Verband zur Verfügung zu stellen. Die Frage wäre es wert gewesen. Denn Steuer wußte längst Bescheid. Er hat laut "Spiegel" 1994 um eine Selbstauskunft gebeten. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erhielt er aus Berlin einen Bescheid mit Stasi-Befund. Seine Akte aber wollte er nicht einsehen. Das Interesse ist erst mit der Enttarnung Steuers als eifriger IM und Geldempfänger (4400 Ostmark) in der vergangenen Woche geweckt worden.

          Auch die damalige Führung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland schöpfte nicht alle Möglichkeiten aus, Stasi-Belastungen im Olympiateam zu klären. Zwar beantragte das NOK die Überprüfung von Olympiateilnehmern durch die Gauck-Behörde. Aber offensichtlich sind nicht alle Personenkreise berücksichtigt worden. "Es war nicht ein signifikanter Vorgang darunter", erklärte der damalige NOK-Präsident Walther Tröger am 6. Februar kurz vor Beginn der Winterspiele in Nagano und fügte bei gleicher Gelegenheit hinzu: "Fachverbände und NOK haben nach der deutschen Vereinigung ihre Fürsorge für Aktive, Trainer und Funktionäre aus den fünf neuen Ländern in keiner Weise verletzt."

          „Ein Trainer muß sich durch einwandfreien Charakter auszeichnen“

          Das kommt wohl auf den Betrachtungswinkel an. Steuers Stasi-Akten, das bestätigte die Birthler-Behörde am Sonntag auf Anfrage, lagen Mitte der neunziger Jahre vor. Es sind genau jene Dokumente, die nun nach penibler Auswertung der Stasi-Kommission des deutschen Sports zur Streichung des ehemaligen Paarläufers aus dem Olympia-Kader führten. Die damalige NOK-Führung hätte nach den schlechten Erfahrungen bei den Winterspielen in Albertville 1992 und 1994 in Lillehammer die Überprüfung verschärfen müssen. Damals störte die Stasi-Verflechtung des Bob-Piloten Harald Czudaj und des Bobtrainers Gerd Lepold die Ruhe des Olympiateams empfindlich. Daß die Athleten für die Spiele 2006 nach Absprache mit der Birthler-Behörde nicht durchleuchtet wurden, hat einen simplen Grund. Wer in Turin für Deutschland am Start ist, war zur Wendezeit 1989 etwa zwölf, dreizehn Jahre alt.

          Ungeachtet der vermeidbaren Aufklärungsverschleppung des Falles ist die Beurteilung der Affäre durch Sportpolitiker eindeutig: "Aus meiner Sicht darf Ingo Steuer nicht zur deutschen Olympia-Mannschaft gehören", sagte der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, dem "Tagesspiegel am Sonntag". "Ein Trainer muß sich auch durch einen einwandfreien Charakter auszeichnen. Das scheint mir bei Steuer nicht der Fall zu sein."

          Auch auf juristischem Weg scheint Steuer wenig Aussichten zu haben, sich ins Team einzuklagen. Thomas Bach, Jurist und Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, erklärte mit Blick auf den Prozeß an diesem Montag in Berlin: "Es gibt keinen Rechtsanspruch auf die Ernennung in die Mannschaft. Das NOK ist hier sehr frei und hat nicht willkürlich gehandelt."

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