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Eishockey-WM in Belarus : Blutiger Eistanz für den Diktator

In voller Schutzmontur: Alexander Lukaschenka neben Russlands Präsidenten Wladimir Putin Bild: Picture-Alliance

Belarussische Athleten klagen Verhaftungen, Folter und Tod unter Lukaschenka an, doch der oberste Sportler des Landes darf die Eishockey-WM behalten. Die Funktionäre des Weltverbands spielen ein altes, eiskaltes Spiel.

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          Was muss noch passieren, damit die Welt merkt, dass diese Meisterschaft weder eine Feier wird noch ein Grund ist stolz zu sein?“ Das fragt Aleksandra Herassimenja, Schwimmerin, Weltmeisterin, drei Mal Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen, Vorsitzende der Belarussischen Sportsolidarstiftung. In der Stiftung haben sich prominente Sportler zusammen gefunden.

          Ihr Anliegen: aufmerksam zumachen auf das brutale Unrecht, dem sie und das belarussische Volk ausgesetzt sind, Tag für Tag, Woche für Woche seit der Präsidentenwahl, die am 9. August endete. Dem Unrecht des Aleksandr Lukaschenka, Diktator seines Landes, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Der oberste Sportler seines Landes lässt verprügeln, verhaften, foltern.

          Neun Menschen sind seit August gestorben, schreibt Aleksandra Herassimenja, über 400 wurden gefoltert, mehr als 27.000 wurden verhaftet: „Mit den Gefangenen ließe sich die Minsker Eisarena zweimal füllen.“ Und doch muss sie fragen, was noch geschehen muss. Lauter denn je, seit der Internationale Eishockey-Verband IIHF am Mittwochabend entschied, weiter auf Zeit zu spielen, keine Entscheidung über das Schicksal der in Riga und Minsk im kommenden Mai angesetzten Weltmeisterschaft zu treffen. 18 Turniere sagte die IIHF ab am Mittwoch, die Weltmeisterschaft in Minsk nicht. Der Weltverband um Präsident René Fasel spielt weiter auf Zeit. Mehr noch: Er schenkt Zeit. Zeit für Lukaschenka, Zeit für seine Schergen, Zeit für weitere Verhaftungen.

          Dmitrij Baskow, der Präsident des belarussischen Eishockey-Verbandes steht nach Recherchen Minsker Journalisten unter dringendem Verdacht, in den gewaltsamen Tod von Raman Bandarenka verwickelt zu sein. Die Stiftung von Aleksandra Herassimenja hatte die IIHF und das Internationale Olympische Komitee (IOC) mehrmals auf die Verfolgung oppositioneller Sportler hingewiesen. Zur Rolle von Baskow, dem einstigen Eishockey-Coach von Lukaschenkas Sohn, bei zurückliegenden Vergeltungsaktionen und den ungeheuerlichen Verdacht ihm gegenüber bekamen die Funktionäre in der Schweiz erst Anfang dieser Woche Post. Die Verbrechen sind dokumentiert, sie liegen den Funktionären auf dem Tisch.

          Untersuchungen ohne Konsequenzen

          Aber das IOC lässt seine Untersuchung weiterlaufen, ohne bislang Konsequenzen zu ziehen. Fasel und der IIHF-Rat entscheiden, nichts zu entscheiden. Er hält sich die Hintertür der Absage der Minsker Spiele offen, verweist auf eine Expertenkommission, eingehende Diskussionen. Es müssten „sehr ernsthafte Erwägungen“ getroffen werden, angesichts der „jetzigen Sicherheitslage“ und der Covid-19-Pandemie. Zum jetzigen Zeitpunkt sei „nicht realistisch, dass (...) Minsk eine Austragung garantieren kann.“ Sein Vizepräsident Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, meint nun, der Sport könne vermitteln, nachdem die lettische Regierung deutlich gemacht hat, nicht mehr gemeinsam mit Lukaschenka Gastgeber sein zu wollen. Sie hat Baskow mit einer Einreisesperre belegt.

          Die IIHF, Fasel, Reindl taktieren. Es ist ein eisiges Spiel und ein altes. Spiele in der Diktatur sichern die Pfründe der Funktionäre. Das war 1936 in Berlin so und 1978 in Argentinien. Nach Lage der Dinge wiederholt sich die Geschichte 2021 in Minsk. Oder Fasel findet eine ähnlich bittere Alternative. Gerüchte vom Donnerstagabend besagen, er suche nun mal wieder die Patronage Russlands, prüfe eine Austragung in Moskau – wo die Covid-Lage so ernst ist wie in Minsk, aber der Alleinherrscher einen anderen Namen trägt. Aleksandra Herassimenjas Worte haben in jedem Fall Bestand: Die Eishockey-WM wird ein Eistanz, schreibt sie, auf dem Blut und der Trauer der Menschen.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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