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Eishockey-Präsident Fasel : Büttel eines brutalen Machthabers

Eine Hand wäscht die andere: Lukaschenka (links) und Fasel Bild: dpa

Bilder wie ein Ausrufezeichen! Der Eishockey-Präsident Fasel umarmt den Belarus-Präsidenten Lukaschenka – am Ende soll es anders sein, als es aussieht.

          2 Min.

          Schauen wir auf die Bilder. Auf das Händeschütteln. Eine Hand wäscht die andere. Das haben wir im Lateinunterricht gelernt und anfangs wörtlich genommen. Lange her, aber von aktueller Bedeutung. Hygiene ist so überlebenswichtig wie nie zuvor. Wenn eine Hand die andere wäscht, wie sauber wird es dann, wenn beide Hände von René Fasel beide Hände des belarussischen Diktators Lukaschenka fassen?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Doppeltes Weißwaschen, sagt das Hygienegewissen, bevor die nächsten Bilder in den Mittelpunkt rücken: Der kräftige Diktator der Belarussen umklammert den Boss des Internationalen Eishockey-Verbandes in seinem Palazzo, wie man gute Freunde umarmt. „Herzlich“ steht nicht in den Bildunterschriften. Im Kontext ist nicht mehr von Sauberkeit die Rede, sondern ungeschminkt von Schmutz. Vom dreckigen Deal des Diktators mit dem Funktionär, etwa so: „Du gibst mir die internationale Aufmerksamkeit einer WM im Mai, ich richte es dir und deinem Eishockey bestens ein.“ Armer Fasel. Die Macht der Bilder verwandelt ihn, den bald 72 Jahre alten Zahnarzt aus der Schweiz, in einen Büttel des brutalen Machthabers: „Es ist etwas blöd gelaufen“, sagt Fasel mit Blick auf die Bilder von Minsk, „das ist mir peinlich.“

          Fasel lässt sich in den Arm nehmen

          Gut. Schauen wir nicht auf die Fotos der Propagandaabteilung von Lukaschenka. Bilder sagen oft viel weniger als tausend Worte. Bilder können täuschen. Wie vielleicht auch das von Fasel mit dem Kollegen vom belarussischen Eishockeyverband. Der soll beteiligt gewesen sein, als ein Demonstrant zu Tode geprügelt wurde. Das im Umgang mit potentiellen Kriminellen eher vorsichtige Internationale Olympische Komitee hat dem Mann quasi Hausverbot erteilt. Fasel, so zeigt es das Bild, lässt sich von dem Verdächtigen in den Arm nehmen. Erwischt. Wie heißt es dann spontan? „Schatz, es ist nicht so, wie es aussieht.“ Also. Lesen wir die Worte, die gesagt wurden, um zu erfahren, was die Bilder angeblich nicht sagen.

          Leider nicht möglich. So freizügig war das belarussische Informationsministerium dann doch nicht. Uns liegt der Mitschnitt nicht vor. Nur der Nachschnitt. Also das, was Fasel nach der Rückkehr vom Besuch bei den alten Kameraden erzählte: „Ziel der Reise war es, ein wichtiges Gespräch mit Lukaschenka über die Weltmeisterschaft in Minsk zu führen. (...) Ich wollte die guten Beziehungen zu Lukaschenka nutzen, um Gutes zu tun.“ (...) „Unsere WM sollte eine Versöhnung zwischen der Opposition und der Regierung sein.“

          Fasel, 26 Jahre Chef des Welt-Eishockeys, ein Vierteljahrhundert im IOC, als Diplomat. Die wirken über die diskrete Ansprache, nicht über das Bild. Also hat er, sagt Fasel, Lukaschenka auf die Probleme angesprochen, als niemand mehr fotografierte. „Da wurde es emotional.“ Und dann? Keine weiteren Hinweise. Aber Erklärungen. Fasel wünscht sich einen Dialog. Dass die Menschen „nicht mehr auf die Straße“ gehen und dass es dann auch keine „Straßenschlachten“ mehr gibt. Nur noch Dialog. Mit Eishockey in den Pausen. O-Ton Fasel: „Mit dieser WM können wir etwas erreichen, was sonst nicht gelungen ist. (...) Ich bin ein Idealist des Sports, er ist dafür da, dass Menschen zusammenkommen. Er hat diese Macht.“

          Wir können Bilder schauen und Worte lesen, aber angeblich nicht in die Köpfe der Menschen. Einen Versuch ist es immer wert: Ist Fasel das, was er behauptet: ein Idealist des Sports? Schwer zu sagen ohne Einblick in all das, was ihm die Arbeit im Sport gegeben haben mag. Nehmen wir Fasel zugunsten an, dass er nur Eishockey im Kopf hat, allein von der Idee geleitet wird, dieses wunderbare Spiel weltweit zu inszenieren und am Leben zu erhalten. Dann ist klar, dass er dem Geld folgt. Und diejenigen im Verband, die davon leben, also alle. Sie wussten lange vor dem zweiten WM-Zuschlag für Lukaschenka um das Treiben des Diktators, auch vor der ersten WM in Belarus (2014) gab es scharfe Proteste gegen den Versuch, Lukaschenkas Regime weißzuwaschen. Dass die Schreie der Gefolterten, die Proteste der Demonstranten nicht mit Eishockey-Getöse überspielt werden dürfen, geht Fasel nicht in den Kopf: „Wir haben einen Vertrag mit dem Eishockey-Verband“, sagt er. Leider haben sie keinen mit den geschundenen Menschen im Land. Manchmal ergänzen sich Bilder und Worte bestens.

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