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DFB-Präsident Niersbach : Eine Kampfansage sieht anders aus

Griff nach der Macht? Wolfgang Niersbach hat einen Offenen Brief geschrieben Bild: Getty

Luftpost vom Präsidenten: DFB-Chef Wolfgang Niersbach hat einen offenen Brief geschrieben zur Situation der Fifa. Vieles hat er indes von Blatter und Zwanziger entlehnt.

          3 Min.

          Am Mittwoch der vergangenen Woche hat Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die Welt verblüfft. Er war und ist bis jetzt der erste hochrangige Fußballfunktionär, der mit einem Strategiepapier zur Erneuerung des zerberstenden Weltverbandes (Fifa) an die Öffentlichkeit gegangen ist. Fußball-Deutschland staunt. Niersbach ist eigentlich eher als ein der Freundschaft verpflichteter Funktionärs-Softie bekannt, nicht als der Mann für große Würfe.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Und jetzt geht der Präsident des Fußball-Weltmeisterverbandes, der numerisch ein Gigant, aber sportpolitisch - zumindest auf internationaler Bühne - bis dato nahezu zahnlos ist, in die Offensive?

          Klingt couragiert. Allerdings gehörte bei genauerem Hinsehen doch nicht so viel Mut zu seinem Vorstoß. Der Zeitpunkt des „offenen Briefs“, den der DFB-Chef an seine 6,8 Millionen Mitglieder geschrieben hat, war geschickt gewählt. Erstens geht Niersbach nach der am Wochenende nun womöglich wieder etwas aufgeweichten Ankündigung des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter, in ein paar Monaten ohnehin seinen Posten zu räumen, keinerlei Risiko ein - im sportpolitischen Vakuum einer Lame-Duck-Situation kann er sich als Reformer geben, ohne die Rache des Herrn in Zürich fürchten zu müssen. Zweitens bringt er sich selbst in Position für den Fall, dass die Entwicklung einen günstigen Moment zum weiteren bequemen Aufstieg bietet.

          „Liebe Freunde des Fußballs“, schrieb Niersbach, ließ allerdings offen, welches Ziel er mit seinem ausführlichen Schreiben - inklusive eines zehn Punkte umfassenden Forderungskatalogs ins Fifa-technische Blaue hinein - eigentlich verfolgt. Welcher Gewinn mag ihm vorschweben? Vielleicht wurde er von seinen Beratern gedrängt, dem DFB endlich das internationale Gehör zu verschaffen, das ihm gebührt. Vielleicht hat er aber auch persönliche Gründe.

          Nachfolger Platinis?

          Seit Ende Mai ist Niersbach bereits einer der höchsten Fußballfunktionäre der Welt, nämlich Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees, der Regierung des Weltverbandes. Noch ist sie das wichtigste Entscheidungsgremium des Fußballs, mag sie durch die Geldgier vieler seiner bisherigen Mitglieder auch noch so verschrieen sein. Aber das muss nicht das obere Ende des Aufstiegs sein, den der 64 Jahre alte Niersbach einst als Agenturjournalist begann.

          In Platinis Nähe: Wolfgang Niersbach (l, neben Bundespräsident Gauck beim Champions-League-Finale) gilt als Freund des Uefa-Präsidenten (r.)

          Demnächst könnte ein veritabler Thron frei werden: Falls Niersbachs Freund Michel Platini genügend Unterstützer finden sollte, um Blatter an der Fifa-Spitze nachzufolgen, würde ein neuer Präsident des Europäischen Fußballverbandes Uefa gebraucht. Da käme ein Offener-Brief-Verfasser der ersten Stunde eventuell ganz recht.

          Schwaches Thesenpapier

          Womöglich ist das ja reine Spekulation. Doch ein Anruf beim DFB bringt keine Klarheit. Niersbachs Pressesprecher Ralf Köttker macht am Telefon deutlich, dass sein Chef keine Fragen zu seinem Papier beantworten möchte. Es sei alles gesagt, erklärt er freundlich. Die Frage, ob er Platini an der Uefa-Spitze nachfolgen will, hat Niersbach aber zum Glück früher schon einmal beantwortet, im Juli 2013 in einem Zeitungsinterview. Er eierte ein bisschen, sagte aber nicht nein. „Die Dinge müssen Schritt für Schritt gemacht werden“, erklärte er damals. Und: „Es ehrt mich, wenn in diesem Zusammenhang mein Name fällt. Aber damit beschäftige ich mich derzeit keine Sekunde.“ Damals also nicht? Jetzt aber vielleicht schon.

          Seine zehn Thesen allerdings können höchstens die DFB-Basis beeindrucken, die fern der Fifa-Krise ihr Spiel weiter zelebriert. Drei davon (zentrale Integritätsprüfung für die wichtigsten Fifa-Entscheider, Wahl der Exekutivmitglieder durch den Kongress, Beschränkung der Amtszeiten hoher Funktionäre) könnten direkt der Demissionsrede Blatters entnommen sein. Der Schweizer, der sich spätestens im März 2016 trollen soll, versucht schon länger, zwei davon durchzusetzen: Die zentrale Integritätsprüfung und die Amtszeitbeschränkung über die Präsidentschaft hinaus.

          Ausgerechnet die Uefa, deren Exekutivkomitee Wolfgang Niersbach seit 2013 angehört, hat diese beiden Reformen blockiert und damit den Compliance-Beauftragten Mark Pieth zur Verzweiflung getrieben.

          Was will Niersbach offenlegen?

          Eine weitere Anleihe machte Niersbach ausgerechnet bei seinem Erzfeind und Vorgänger Theo Zwanziger: Schon bei der Ausschreibung für die Vergabe der nächsten WM soll laut Punkt sieben die Menschenrechtslage im Bewerberland berücksichtigt werden. Spannend scheint es dann zunächst bei Punkt acht zu werden, der Kontrolle der Geldflüsse. Wird er, fragten wir uns freudig erregt beim ersten Lesen, jetzt die Offenlegung der Einkünfte hoher Fußballfunktionäre fordern? Immerhin ist das Internationale Olympische Komitee (IOC) in diesem Jahr mit gutem Beispiel vorangegangen und hat etwa enthüllt, dass Präsident Thomas Bach eine jährliche Apanage von 225.000 Euro erhält.

          Auf diese Weise würde endlich bekannt, ob es stimmt, dass Niersbach allein für seinen Sitz in der Fifa-Exekutive 200.000 Dollar jährlich kassiert, zusätzlich zum Sitzungsgeld der Uefa und seiner Vergütung plus Pensionsbezügen vom DFB, deren Höhe Kritiker Zwanziger so beschreibt: „Da müssen andere Ehrenamtler lange für stricken.“

          Aber nein: Niersbach fordert unter Punkt acht eine stärkere Überwachung der Fördermittel, die von der Fifa an die nationalen Verbände verteilt werden - auch das hat Blatter bereits in seiner vierten Amtszeit eingeführt. Unter Punkt zehn schließlich verlangt Niersbach die „Erarbeitung einer Reform-Agenda“ nach dem Vorbild des IOC. Allerdings nicht durch ihn, sondern durch den neuen, noch nicht bekannten Fifa-Präsidenten. „Wir wollen Reformen“, schreibt Niersbach, „wir wollen Veränderung. Und wir werden sie einfordern.“ Allerdings sei er nicht so naiv zu glauben, der DFB könne jetzt alles reformieren. „Es braucht internationale Allianzen und Mehrheiten, die nur schwer zu erreichen sind.“ Mit anderen Worten: Wenn wir es nicht schaffen, die Fifa zu erneuern, sind die anderen schuld. Eine Kampfansage sieht anders aus.

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