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Sexueller Missbrauch im Sport : Immer eine musste mit dem Coach trainieren

Wie können Kinder im Sport geschützt werden? (Symbolbild) Bild: dpa

Marie Dinkel wird jahrelang von ihrem Trainer missbraucht. Nun traut sie sich, darüber zu berichten. Doch noch immer werden die Vorfälle im Sport tabuisiert – und die Täter geschützt.

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          Mit sechs Jahren fing Marie Dinkel mit dem Judo an. Mit zwei anderen Mädchen absolviert sie einige Jahre später regelmäßig ein privates Training bei einem Trainer. Immer eine musste mit dem Coach trainieren. Die anderen beiden Mädchen waren befreundet. „Also hatte ich oft das Pech.“ Der Trainer „fasste erst außen an der Hose, dann in der Hose an“.

          Stefanie Sippel
          (sips.), Sport

          Das ist ein Teil von Marie Dinkels Geschichte, die bei dem vierten öffentlichen Hearing „Sexueller Missbrauch im Sport“ der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs am Dienstag von Schauspielerin Martina Gedeck vorgelesen wird. Marie Dinkel ist per Video zugeschaltet. Bei dem Hearing diskutieren Betroffene mit Experten aus Sport, Politik und Wissenschaft in Berlin, manche sind digital zugeschaltet.

          Die Mädchen hätten untereinander darüber gesprochen, aber es nicht ihren Eltern erzählt. Sie banden sich nur die Hosen gegenseitig extra fest zu, damit der Trainer nicht so leicht hineingreifen konnte. Einmal habe Dinkel unter der Woche auf einem Mattenwagen gesessen. „Der Trainer stellte sich vor mich, fasste mich wieder an. Wie gut sieht man so was mit diesen riesigen weißen Jacken?“ Irgendwann erzählte sie es doch ihren Eltern. Mit 18, also Jahre danach, bekam sie Panikattacken. „Viele Menschen wissen nicht, was man da mit sich rumschleppt“, sagt Dinkel, die aus der Schweiz zugeschaltet ist. Sehr viele Betroffene trauten sich nicht, darüber zu sprechen. Ihr hätte es damals geholfen, wenn sie eine weibliche Trainerin oder ein älteres Mädchen als Ansprechpartner gehabt hätte.

          „Das Thema muss mehr Gewicht bei Fortbildungen und Trainerweiterbildungen bekommen“, sagt Dinkel, die mittlerweile selbst als Trainerin arbeitet. „Ich würde mir mehr Offenheit wünschen.“ Sie habe oft das Gefühl gehabt, sie werde nicht ernst genommen. Aufklärung sei sowohl im Verein als auch bei den Eltern wichtig. Sie habe früher nicht die Möglichkeit gehabt, sich an jemanden zu wenden.

          Die Dunkelziffer ist hoch

          „Der Sport ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche auch in der Vergangenheit nicht geschützt wurden“, sagt Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission. Durch die besondere Tabuisierung im Kontext des Sports werde es Betroffenen schwergemacht, darüber zu reden. Nach einem Aufruf haben sich seit 2019 einhundert Betroffene aus dem Breiten- und Spitzensport bei der Kommission gemeldet. Jede einzelne Geschichte sei zentral und relevant. Auch wenn die vorliegenden Berichte nicht repräsentativ seien – die Dunkelziffer liege deutlich höher. Über erlebte Gewalt zu sprechen sei immer schwer, sagt Andresen: „Es kann nicht die Aufgabe der Betroffenen sein, Aufarbeitung auf den Weg zu bringen.“

          Es sei an der Zeit, dass der Sport Verantwortung übernehme – aber auch die Politik. „Aufarbeitung ist eine ressortübergreifende Aufgabe. Sie geht alle Ministerien etwas an“, sagt Andresen. Der Sport müsse sich öffnen für die Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Betroffenen, die heute erwachsen seien, hätten ein Recht darauf. Ihnen müssten Zugänge zu Unterstützungen ermöglicht werden. Immer noch werde es Betroffenen schwergemacht, sich zu melden. „Im Sport gibt es keine Kultur des Sprechens über Gewalt und keine Kultur des Zuhörens.“

          Es gehe auch darum, diejenigen zu stärken, die im Sport an Aufarbeitung interessiert sind und noch nicht vorankommen. Der Blick zurück konfrontiere den Sport auch mit den Fragen des eigenen Versagens. Denn dabei werde nicht nur auf den einzelnen Täter geschaut, sondern auch gefragt: Wer hat dazu beigetragen, dass die Täter geschützt wurden? Es sei wichtig, eine Kultur der Aufarbeitung zu etablieren.

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