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Vor Mitgliederversammlung : Im Schwimm-Verband schlagen die Wogen hoch

Nicht im – sondern vor allem außerhalb – des Wassers wird beim DSV derzeit gekämpft. Bild: dpa

Im deutschen Schwimm-Verband rumort es vor der Mitgliederversammlung. Lieber wird übereinander statt miteinander gesprochen. Der Tag der Einheit könnte deswegen zum Tag der Spaltung werden – mit einem juristischen Nachspiel.

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          Wer Schwimm-Funktionären in diesen Tagen zuhört, bekommt viele Geschichten serviert, aber dann häufig eine Einschränkung hinterhergeworfen: „Nur für Ihren Hintergrund.“ So entsteht ein vordergründiges Bild: Im Deutschen Schwimm-Verband (DSV) wird vor allem übereinander gesprochen, wahlweise hergezogen. Die Wogen der Empörung türmen sich. Am Donnerstag soll der DSV wieder in ruhige See gesteuert werden, mit dem Votum der Delegierten auf der Mitgliederversammlung in Kassel. Der Termin könnte nicht symbolischer gewählt sein: Man trifft sich am Tag der Einheit.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bereits am Vorabend ist sicher, dass es Verlierer geben wird. Darauf deutete schon ein Brief an die Mitgliederversammlung des DSV vom 24. September hin. Die Findungskommission präsentierte darin nicht nur das Ergebnis ihrer Bemühungen, dem Schwimm-Verband zu einer neuen Führung mit einem Team um den reaktivierten Peter Obermark, zwischen 2012 und 2016 Vizepräsident, zu verhelfen. Sie griff gleichzeitig den „amtierenden Vorstand“ an, warf ihm unter anderem Einflussnahme auf ihre Arbeit vor, eine dem „Wohl des Verbandes wenig zuträgliche“ Agitation aus persönlichen Interessen.

          Was plant Christa Thiel?

          Die Nussschale DSV

          Vorwürfe an die Adresse der ehrenamtlichen Vorstände Wolfgang Hein und Uwe Brinkmann. Sie weigern sich, die Auffassung der Findungskommission zu akzeptieren, am Tag der Einheit solle ein komplett neues Führungs-Team gewählt und es sollten nicht allein die vakanten Stellen aufgefüllt werden. „Ich bin 2018 gewählt worden, ob nach alter oder neuer Satzung, jedenfalls nicht für ein paar Monate“, sagte Brinkmann auf Anfrage. Er und Hein sind demnach bis Ende 2022 legitimierte Vorstandsmitglieder. Aber Zeugen der Versammlung im vergangenen Dezember wollen nach dem Rücktritt unter anderen der Präsidentin Gabi Dörries eine Rundum-Erneuerung im Sinn gehabt haben. Deshalb stellte der Abteilungsleiter Wasserball, Rainer Hoppe, am 5. September den Antrag, nun das „komplette Präsidium“ wählen zu lassen. „Der Verband verdient einen umfassenden, demokratischen Neuanfang.“ Das sei der Konsens damals gewesen, behauptet nicht allein die Findungskommission unter Leitung der früheren DSV-Präsidentin Christa Thiel und verweist auf ihren Auftrag, auf einen Schriftverkehr unter anderem mit Brinkmann. Allein die Formulierungen lassen Spielraum für Interpretationen, so wie das in dieser Frage undeutliche Protokoll der Versammlung von Bonn. Ob die Tonaufnahme etwas anderes dokumentiert, scheint zweitrangig. Das Protokoll ist nicht beanstandet worden. Eine Absetzung würde vermutlich zu juristischen Auseinandersetzungen führen. Schon türmt sich die nächste Welle vor der Nussschale DSV auf.

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          Vizepräsident Brinkmann fordert eine „Versachlichung“ des Falles. „Ich habe keine sachliche Kritik von diesem Gremium an meiner Arbeit gehört“. Brinkmann ist von Frau Thiel nach dem Debakel in Bonn vorgeschlagen worden. „Sie hat den Verband damals gerettet“, erklären Freund wie Feind. Brinkmann vermutet nun, es gebe wohl Verletzungen, dass jetzt so plötzlich ein emotionaler und ausschweifender Brief geschrieben worden sei und fügt später hinzu: „Wir sollten uns die Wahrheit ins Gesicht sagen. Ich will eine andere Kultur.“

          Vorwürfe und das fehlende „Hermelinmäntelchen“

          Die gegenwärtige ist geprägt von Strömungen unter der Wasseroberfläche. Da ist die Rede von der Abstrafung der Schwimmtrainer-Vereinigung, weil deren Vorsitzender, Rüdiger Tretow, kurz nach seiner Parteinahme für die Haltung der Findungskommission aus der Geschäftsstelle die Kündigung der Fördervereinbarung zum Jahresende erhielt. Tretow bestätigt den Vorgang, sagt aber auch, dass er keinen direkten Zusammenhang sieht: „Nur hätte ich mir eine Begründung gewünscht, so ohne, das war kein guter Stil.“ Genauso wie die kolportierten Vorwürfe, Frau Thiel habe mit dem Ende ihrer Amtszeit einen heruntergewirtschafteten DSV übergeben. Die Einnahmen über Sponsoren sollen allerdings von 380.000 Euro in der Thiel-Ära um mehr als die Hälfte gesunken sein. „Der Verband stand besser da“, sagte Tretow am Dienstag. Sicher ist, dass Unterstellungen kreisen und Attacken versucht wurden. Da ist von einer Anfrage an wenigstens ein Mitglied der Findungskommission die Rede, ob es nicht den DSV-Vorsitz übernehmen wolle, oder von einer Führungsfigur im Hauptamt, der nur noch das „Hermelinmäntelchen“ als Herrschaftssymbol fehle. Frau Thiel wiederum wird nachgesagt, sie wolle sich über das Wahlergebnis der Kommission den Sitz im Europäischen Verband sichern. Obermark sei ja ein Vertrauter ihrer sechzehnjährigen Dienstzeit als DSV-Chefin.

          Die Sorge der Findungskommission, den Verband bedrohe eine Spaltung, wirkt überholt. Sie ist längst sichtbar. Und vielleicht tiefer, als es der Streit um die Ämterbesetzung vermuten lässt. Wasserball-Leiter Hoppe warnte in einem Thesenpapier vom 14. September vor der Entwicklung des DSV zum „reinen Spitzensportverband“. Für die große Gruppe der Breitensportler stelle der Verband kein substantielles Angebot bereit. Entscheidungen erfolgten durch den Vorstand ohne Einbindung der Präsidiumsmitglieder. „Wer kontrolliert den DSV?“, fragt Hoppe. Und wer bringt ihn unter Kontrolle? Vielleicht hilft die Sehnsucht nach einer Flaute. Obermark hat durchblicken lassen, dass er nur mit seinem gesamten Team antreten will. Die Mehrheit der Verbände, heißt es selbst unter Protagonisten einer kompletten Neuwahl, werde am Tag der Einheit deshalb für eine Verschiebung der Wahlen votieren.

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