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Zentrum für Safe Sport : Wie unabhängig darf Schutz sein?

„Es bedarf dringend einer unabhängigen Anlaufstelle“: Die Vorarbeit zu einem Zentrum für Safe Sport ist gemacht. Bild: dpa

Politik und Athleten fordern ein Zentrum für Safe Sport, um Athleten vor Gewalt zu schützen. Von Experten kommt viel Zustimmung. Doch ausgerechnet der DOSB bremst. Warum?

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          Den Ball hat das Team Athleten Deutschland vor knapp drei Monaten in den freien Raum gespielt. Nun gilt es, den Treffer zu machen. Die öffentliche Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages über „Physische, psychische oder sexualisierte Gewalt gegen Sportlerinnen und Sportler“ an diesem Mittwoch in Berlin könnte dafür sorgen, dass die Politik den Pass annimmt, verwandelt und in Führung geht.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          So jedenfalls stellen es Athleten Deutschland und ihr Beauftragter für Internationale Sportpolitik und Organizing, Maximilian Klein, dar. Ein gut ausgestattetes und von den Strukturen des Sports unabhängiges Zentrum für Safe Sport könne Baustein eines Strukturwandels werden. Deshalb bedürfe es einer nationalen Strategie gegen Gewalt und Missbrauch im Sport: „Deutschland kann damit eine weltweite Vorreiterstellung im Bereich Safe Sport einnehmen. Das sollte unser aller Anspruch sein.“

          Mit dem Wort von der nationalen Strategie deuten die Athleten an, in welche Liga die Sportpolitik Deutschlands mit diesem Spielzug aufsteigen könnte. Für eine nationale Strategie für Sport-Großereignisse und damit für eine erfolgversprechende Olympiabewerbung spannte das Bundesinnenministerium fünfzehn Monate lang mehr als zweihundert Experten ein und gründete eine Abteilung. Mit einem solchen Engagement könnte Großes aus der Idee werden, auf die Klein infolge eines Hearings der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die von der Bundesregierung eingerichtet wurde, im Herbst kam; 115 Betroffene aus dem Sport hatten sich gemeldet.

          „Vereine und Verbände müssen ein sicheres Umfeld für junge Menschen bieten, dem Eltern ihren Nachwuchs ohne Bedenken anvertrauen können“, fordert Klein. „Hierfür ist ein ernst gemeinter und athleten- sowie betroffenenzentrierter Struktur- und Kulturwandel nötig. Sport, Politik und Zivilgesellschaft sind für dessen Bewältigung gemeinsam verantwortlich.“

          Politiker der Koalition und der Opposition, Fachleute im Innen- wie im Familienministerium und in den Verbänden hat er damit überzeugt. Die Vorschläge seien aus wissenschaftlicher Sicht positiv zu bewerten, loben die Wissenschaftlerinnen Bettina Rulofs und Jeannine Ohlert, die gemeinsam die einzige Studie zum Ausmaß von physischer, psychischer und sexualisierter Gewalt im Sport Deutschlands erstellt haben: „Safe Sport“.

          Bedarf an Zentrum für Safe Sport

          Dem Sport fehle eine solche unabhängige, externe Institution, die insbesondere als Anlaufstelle für Betroffene wie als Beratungsinstanz für Verbände und Vereine fungieren kann, schreiben sie. „Es liegt somit auf der Hand, diese Bemühungen zu konzentrieren und die Verbände zu unterstützen, indem eine gemeinsame externe Anlaufstelle eingerichtet wird, die eine hohe Fachexpertise in der Beratung und bei der Intervention zu Diskriminierung und Gewalt hat, Unabhängigkeit gewährleisten kann und gleichzeitig ein profundes fachliches Verständnis von den Strukturen des Sports aufweist.“

          Mit ihrer Studie, laut der 30 Prozent der Kaderathleten physische Gewalt erfahren haben, 37 Prozent sexualisierte Gewalt und 86 Prozent psychische Gewalt, belegen Rulofs und Ohlert den Bedarf eines Zentrums für Safe Sport. Spezifische Strukturen des organisierten Sports, vor allem starke Machtgefälle, eine biographische Fixierung der Sportlerinnen und Sportler sowie enge Abhängigkeitsverhältnisse machten es potentiellen Tätern leicht, sexualisierte Gewalt auszuüben.

          Klein berichtet, dass er und Athleten Deutschland von Betroffenen kontaktiert würden. „Die unterschiedlichen und individuellen Fallkonstellationen und Gewalterfahrungen führen uns jedes Mal aufs Neue vor Augen, welche fundamentalen strukturellen und kulturellen Herausforderungen im Umgang mit Fällen von Gewalt und Missbrauch vorherrschen“, schreibt er.

          „Unsere eigene Auseinandersetzung mit diesem Thema auf Fallebene verdeutlicht uns nicht nur die Tragweite dieses Problems, sondern zeigt vor allem akuten Handlungsbedarf im Bereich der Intervention und Aufarbeitung auf: Es bedarf dringend einer unabhängigen Anlaufstelle, die Teil eines größeren Zentrums für Safe Sport mit mehreren Kompetenz- und Handlungsfeldern sein könnte.“

          „Die Initiative befürworte ich sehr“

          Während Politik und Athleten zum Treffer ausholen, stellt sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ins Abseits. Der Vorschlag sei nicht der Königsweg, schreiben Dachverband und Deutsche Sportjugend in ihrer gemeinsamen Stellungnahme. Es sei zu prüfen, ob die vielen verschiedenartigen Aufgaben den Schutz der Sportlerinnen und Sportler verbesserten und den organisierten Sport besser unterstützten. Die Verantwortung für den Schutz vor Gewalt und die Debatte über das Thema gehöre in Verbände und Vereine. Diese könnten Zuflucht bieten vor Gewalt im Alltag. Statt Zentralisierung gelte es deshalb regionale Netzwerke zu stärken.

          Die Diplom-Psychologin Franka Weber, Beauftragte des Deutschen Schwimm-Verbandes für die Prävention sexualisierter Gewalt, stellt dagegen infrage, dass vereins- oder verbandsinterne Strukturen das notwendige Vertrauen und die notwendige Unabhängigkeit bieten können. Die Praktikerin schreibt: „Die Initiative ,Safe Sport‘ von Athleten Deutschland befürworte ich sehr.“

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