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DOSB : Störung der verordneten Feierlaune

Gegenkandidat für Gienger? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Kurz vor dem Festakt in Frankfurt zur Fusion des Deutschen Sportbund mit dem NOK opponiert ein kleiner Kreis gegen den designierten Leistungssportchef Eberhard Gienger, der mit seine Äußerungen zur Doping-Problematik für Furore gesorgt hatte.

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          Sie wollen einen Volltreffer sehen? Dann gilt es einzuschalten, heute nachmittag, live, präsentiert das Zweite Deutschen Fernsehen die wohl komplizierteste Übung in der Geschichte des deutschen Sports. Sie hat viel Planung erfordert, wenn man es genau nimmt etwa zehn Jahre Anlaufzeit: die Vereinigung von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischem Komitee zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Dieser 20. Mai 2006 ist so bedeutend, daß alles, was Rang, Namen und ein Herz für den Sport hat, dem Gründungsakt in der Frankfurter Paulskirche die Ehre geben will. Und natürlich wird auch die Kanzlerin nicht fehlen beim Festakt in der Brutstätte der deutschen Demokratie.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dort, wo vor 158 Jahren Mitbestimmung erstmals geübt wurde, wird nun zusammengefügt, was eigentlich längst zusammengehört. Damit Sport in Deutschland in Zukunft billiger, effektiver und visionärer gestaltet werden kann; allein schon angesichts der absehbar großen wirtschaftlichen Probleme ein sinnvoller Zug. Deshalb ist im Namen der Einheit in den vergangenen Wochen und Monaten auf ein Ziel hingearbeitet worden: auf eine harmonische Premiere zum Wohle des deutschen Sports.

          Analogie zum WM-Projekt

          Die Feierlaune wirkt aufgesetzt, als sei sie eher Mittel zum Zweck. Etwa wie beim Fußball? Ohne Hurra-Stil und ein bewußtseinsstärkendes Auftaktspiel soll - so die Botschaft des designierten DOSB-Präsidenten Thomas Bach - das ganze Match in Gefahr sein. Die Analogie zum WM-Projekt unter Jürgen Klinsmann mag zufällig sein, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Es gibt einen starken Mann (Chefcoach Thomas Bach) und eine von ihm mehr oder weniger zusammengestellte Mannschaft, der es an Virtuosen fehlt. Ein Ronaldinho der Sportpolitik unter der Ägide Bachs ist nicht im Aufgebot. Die stringente Haltung, nur loyale Mitspieler in Führungspositionen aufzustellen, hat manch kluge Köpfe irritiert, aber lange nicht aus der Reserve gelockt.

          Geben sich beim Gründungsakt die Ehre: Angela Merkel und Franz Beckenbauer

          Die Vorfreude trübte ausgerechnet der designierte ehrenamtliche Leistungssportchef Eberhard Gienger mit einer verpatzten ersten öffentlichen Kür. Vermutlich ist Gienger, der nach eigenen Angaben vor 1976 mal Anabolika zur Beschleunigung einer Verletzung einnahm, kein Doper. Aber seine vom Wissensstand der siebziger Jahre geprägte Haltung zur Dopingproblematik wirkt dann doch alarmierend (siehe auch Eberhard Gienger: Habe Anabolika genommen). Der ehemalige Reckweltmeister und heutige Bundestagsabgeordnete soll in Zukunft als Stratege des Spitzensports wirken. Ist es dann ein Wunder, wenn sich Denker, Mahner und Aufklärer um dreißig Jahre zurückgeworfen fühlen?

          Nicht zum zitieren!

          Manfred von Richthofen, bis zu diesem Samstag DSB-Präsident, formulierte seinen Unmut. Der renommierte Sportwissenschaftler Helmut Digel schlug die Hände über dem Kopf zusammen, der Philosoph Elk Franke, die Literatin und Anti-Doping-Kämpferin Ines Geipel sowie weitere Mitstreiter haben zu Papier und Feder gegriffen: „Beunruhigen muß jeden, der die Gründung des DOSB mit Interesse begleitet, daß es zu diesen unhaltbaren Äußerungen des zukünftigen Chefs des deutschen Hochleistungssports bis jetzt keinen einzigen Kommentar aus der Welt des Sports gibt...“, heißt es in einem Brief vom 18. Mai. Falsch! Kommentare gab es. Digel schrieb im Berliner „Tagesspiegel“ von der Bagatellisierung der Dopingdelikte, von neuen Abhängigkeiten, von parteipolitischen Aspekten bei der Ämterbesetzung. Aber die meisten Proteste der Funktionäre mit Sitz und Stimme in der Paulskirche wurden hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen - nicht zum Zitieren!

          An diesem Fall wird die zweite Wahrheit nach der schrägen Selbstdarstellung Giengers deutlich: Deutsche Sportfunktionäre kritisieren Bachs durchaus geschicktes Vorgehen, das Auswahlprozedere seiner Kandidaten mit Hilfe der Findungskommission gelingen zu lassen, sie ereifern sich über die Abschreckung von Gegenkandidaten, ohne jedoch öffentlich dagegen zu opponieren, geschweige denn aufzustehen. Bis zum Freitag herrschte dieses Bild vor. Am Vortag der Einheitsfeier aber regte sich etwas. Christa Thiel, als Kandidatin für den Leistungssportposten abgeschmettert, wurde Sprecherin der Fachverbände.

          Von ihr wird in Zukunft zu hören sein. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bemühte sich außerdem ein kleiner Kreis um direkten Widerspruch. Gegen Gienger sollte doch noch ein eigener Kandidat zur Wahl gestellt werden, der allerdings am Freitag mittag noch nichts von seinem Glück wußte. Aufstand gegen Bachs Einheitsgebot keine 24 Stunden vor dem großen Akt? Ob der Schachzug gelang, stand lange nicht fest. Und so steht der deutsche Sport plötzlich doch vor einer neuen Spannung. Sie gäbe dem Fest den Rahmen, der noch fehlte: einen würdigen.

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