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Deutscher Spitzensport : Spatz auf dem Dach, nichts in der Hand

„... dann müssen wir über Medaillen gar nicht mehr reden“: DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Bild: Imago

„Wir werden ständig ausgebremst“: Der deutsche Sport leidet unter dem zerrütteten Verhältnis zur Politik. Daran ist auch der scheidende DOSB- Vorstandsvorsitzende Vesper schuld.

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          Was gibt’s Schöneres, als Menschen in den eigenen Reihen zu entwickeln“, freute sich Alfons Hörmann. Gerade hatte er Veronika Rücker als kommende Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vorgestellt, die 47 Jahre alte Leiterin der Führungsakademie seines Verbandes in Köln. Bei seinem Vorgänger Thomas Bach hatte sich noch Michael Vesper beworben, der sein Rüstzeug für Verwaltung und Machtpolitik bei der Gründung der Grünen, als Geschäftsführer von deren Bundestagsfraktion und schließlich als Minister der nordrhein-westfälischen Landesregierungen von Johannes Rau über Wolfgang Clement bis Peer Steinbrück erworben hatte. DOSB-Präsident Hörmann berichtete nun, dass er sich vor allem innerhalb seiner Organisation umgeschaut habe, um die Nachfolge des nach elf Jahren scheidenden Vesper zu regeln.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Für die an der Sporthochschule Köln ausgebildete Verwaltungs-Expertin und Ökonomin Rücker sprach, neben Stallgeruch, dass sie bei der Potential-Analyse durch eine Personalberatung gut abgeschnitten haben soll. Dieses Verfahren birgt eine gewisse Ironie, hängt doch die Zukunft von Sportlerinnen und Sportlern, von Sportarten und womöglich von ganzen Verbänden von einem Potential-Analyse-System ab, das als PotAS zum Schreckenswort des deutschen Sports werden könnte. Das jedenfalls befürchteten die Vertreter des Sports bis zu dieser Woche. Dann stellte sich auf der Versammlung der Fachverbände in Berlin Professor Bernd Strauß vor, der die PotAS-Kommission mit Sitz an der Universität Münster leitet. Nach seinem Vortrag steht fest, dass er zunächst die Kriterien seiner Analysen etablieren wird, dass er dazu am liebsten sein Team um einige Stellen aufstocken würde und dass vor allem seine Auswertungen auf keinen Fall vor den Olympischen Sommerspielen von Tokio 2020 Wirkung entfalten werden.

          Hörmann, der kein Geheimnis daraus macht, dass er gut auf PotAS verzichten könnte, verkniff sich Genugtuung. Die Tage von Berlin seien insofern wertvoll gewesen, sagt er, als der Sport nun wisse, wo er stehe, was gehe und was nicht gehe. Nach derzeitigem Stand soll die Förderung der sieben Wintersport-Verbände nach den Olympischen Spielen von Pyeongchang Anfang nächsten Jahres auf die neue Systematik umgestellt werden. Die 31 Sommer-Sportarten und ihr Potential könnten, nach einem Testlauf 2019, Anfang 2020 entscheidend analysiert werden. Doch acht Monate vor den Sommerspielen die Förderung auf den Kopf zu stellen, lehnt der Sport ab. Erst die Medaillenhoffnungen für Paris oder Los Angeles 2024 und für die Spiele danach sollen dann mittels computergesteuerter Potential-Analyse identifiziert und optimiert werden.

          Beruhigung bringt diese Aussicht nicht. Ganz im Gegenteil: Hatten nicht bei der Hauptversammlung des DOSB im November in Magdeburg 98,6 Prozent der Anwesenden für die unfertige Reform gestimmt, weil sie sich davon deutlich mehr Geld vom Staat versprachen? Hatte nicht aber das Innenministerium Reform immer gleichgesetzt mit PotAS? Zwar wiederholte Innenminister Thomas de Maizière am Donnerstagabend in Berlin sein Versprechen, dass er „Transaktionsschmerzen finanzieren“ wolle, und erklärte bereitwillig, dass er, wenn er von Aufwuchs des Budgets spreche, mit substantiell „ziemlich hoch“ meine und mit nachhaltig „dauerhaft“. Doch nach der Wahl im September, das pfeifen in Berlin die Spatzen von den Dächern, wird de Maizière nicht mehr Innenminister sein.

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