https://www.faz.net/-gtl-8iu21

DOSB-Chef Hörmann : Der Präsident stellt die Vertrauensfrage

Sichtlich genervt: DOSB-Präsident Alfons Hörmann Bild: dpa

„Hinterhältige Spielchen“ und „Verhinderungsstrategien“: Ein angebliches Geheimtreffen führt zu gewaltigem Streit zwischen Deutschem Olympischen Sportbund und Fachverbänden. Der organisierte Sport steht hierzulande vor einer Zerreißprobe

          3 Min.

          So einen Streit hat es lange nicht gegeben im organisierten deutschen Sport. Wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in Brasilien und mitten im Aufbauprozess des künftigen Spitzensports in Deutschland ist es zu einem Zerwürfnis zwischen dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, und einigen Mitgliedsverbänden gekommen. Das geht aus E-Mails hervor, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegen. Adressaten waren Hörmann, der Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, Siegfried Kaidel, sowie unter anderen weitere fünf Verbände und das Bundesinnenministerium.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Auseinandersetzung ist so heftig, dass der DOSB-Chef Hörmann von neuen „Allianzen“ innerhalb seines Verbandes schreibt und die „Führungsrolle“ des DOSB bei der Entwicklung des Spitzensportkonzeptes (zusammen mit dem Bundesinnenministerium) in Frage stellt: „Insofern müssen wir ... selbstkritisch die Frage beantworten, ob die Zeit für eine strategische Weiterentwicklung überhaupt reif ist bzw. ob der Sport in dieser Konstellation in der Lage ist, die Führungsrolle in der Steuerungsfrage verantwortungsbewusst umzusetzen.“ Hörmann kündigt an, Bundesinnenminister Thomas de Maizière über die „nur noch bedingt stabile Aufstellung im Sport“ zu unterrichten.

          „Werden uns unterhaken müssen“

          In der Mail an Kaidel wirft der DOSB-Präsident dem Vertreter der Fachverbände vor, mit einigen Verbänden ein „Geheimtreffen“ ohne die Führung des DOSB mit dem Abteilungsleiter Sport des BMI, Böhm, für Anfang Juli verabredet zu haben, um „erste Verhinderungsstrategien“ zu erarbeiten. Hörmann bezieht sich dabei auf das Leistungssportkonzept, das nach den Sommerspielen vorgestellt und von 2017 an umgesetzt werden soll. Auf dem Weg zu mehr Effektivität und einer größeren Medaillen-Ausbeute hatte de Maizière einschneidende Maßnahmen angekündigt. „Wenn es darum geht, Stützpunkte zu verändern, wenn es darum geht, Kaderzahlen zu verändern, wenn es darum geht, Strukturen in Fachverbänden zu verändern, werden wir uns unterhaken müssen, damit das Erfolg hat“, sagte er im März der F.A.Z.. „Die Veränderungen werden auf Proteste stoßen.“

          De Maizière untersagte nach einem Telefonat mit Hörmann seinem Abteilungsleiter Böhm die Teilnahme an der Besprechung. Der Minister, schreibt Hörmann, sei wie er „entsetzt“ gewesen über „den Stil und die Vorgehensweise“. Als „wenig gelungene Begründung für ein Alibi“ wertet Hörmann die Erklärung von Kaidel, man habe vorrangig über die Finanzierung der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) sprechen wollen. Hörmann wirft Kaidel inkorrekte Informationen vor und klagt darüber, dass der Präsident des Deutschen Ruder-Verbandes drei Anfragen zu einem Treffen am Tag des angeblichen Geheimtreffens ablehnte. Mit Hinweis auf die Reaktion von de Maizière stellt er Kaidel vor die Wahl, „... ob er weiter mit uns und in der Lenkungsgruppe am Erfolg des Projekts arbeiten möchte oder in die Rolle des Oppositionsführers wechseln will“.

          Hörmann deutete Schützenhilfe an, indem er die Reaktionen „einiger Verbandspräsidenten“ anführt. Sie sollen „entsetzt über dieses unkollegiale und inakzeptable Verhalten“ sein. Der DOSB-Präsident schreibt von einer „Stunde der Wahrheit“. „Denn mit ,hinterhältigen Spielchen‘ und dem Versuch, am DOSB vorbei die Dinge zu regeln, wird die Zukunft des deutschen Sports nicht erfolgreich zu meistern sein.“ In diesem Zusammenhang stellte er die Vertrauensfrage mit den Worten: „Deshalb gilt es wohl, die Dinge offen zu regeln und dann zu entscheiden, wer in welcher Rolle künftig Verantwortung tragen soll.“ Das Vorgehen von Kaidel und den Verbänden bezeichnet er als „Schlag ins Gesicht“ der Mitarbeiter und Ehrenamtlichen. In mühevoller und teilweise nervtötender Arbeit hätten sie daran gearbeitet, Sportdeutschland voranzubringen. Was geschehen sei, sei „Demotivation pur“.

          Kaidel nimmt die Attacke in seiner Antwort vom vergangenen Montag auf. Er halte die „Schilderung und Empfindlichkeiten“ Hörmanns, schreibt er in einer Mail an einen ähnlichen Verteiler, für „mehr als unangemessen“. Als Sprecher der Verbände sei er diesen zwar verantwortlich. Aber sie alle handelten im Interesse des deutschen Sports. Der Ruder-Präsident wies den Vorwurf, neue Allianzen gegründet sowie eigene Konzepte und damit eine Verhinderungsstrategie erarbeitet zu haben, als „bodenlose und substanzlose“ Unterstellung zurück.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Dies gelte auch für die Behauptung Hörmanns, es habe ein Geheimtreffen geben sollen mit dem Thema Nada-Finanzierung als Alibi. Kaidel verweist auf sein Recht, mit Funktionsträgern zu sprechen, wenn dies geboten sei. „Im übrigen unterliege ich nicht der Inquisition oder lasse mir vorwerfen, nicht die ,Wahrheit‘ zu sagen.“ Es gebe keine „hinterhältigen Spielchen“, aber es gebe die Redefreiheit. Dieses Recht könne auch der DOSB den Spitzenverbänden nicht nehmen. Kaidel spielt in seiner Mail auf den Versuch einer Spaltung der Fachverbände an: „Dies wird nicht gelingen.“ Die Spitzenverbände entschieden, wie und von wem sie sich vertreten ließen. „Ich werde mich nicht verbiegen oder dem DSOB-Präsidenten unterwerfen“, schreibt Kaidel.

          Nach F.A.Z.-Informationen wäre es bei dem Treffen wohl nicht nur um die Nada-Finanzierung gegangen. Nachdem die DOSB-Führung beim letzten Treffen der Spitzenverbände die Streichung von 50 der etwa 200 Bundesstützpunkte vorgestellt hatte, klagen manche Verbände über eine ungenügende Aufklärung. Demnach soll der DOSB zur Begründung schulterzuckend auf eine Direktive der Länder hingewiesen haben. Sie sind an der Finanzierung entscheidend beteiligt. Nach Recherchen des Deutschen Schwimmverbandes habe es eine solche Entscheidung der Sportministerkonferenz der Länder aber gar nicht gegeben. Das Misstrauen innerhalb des organisierten deutschen Sports stellt diesen vor eine Zerreißprobe.

          Weitere Themen

          Die Eintracht begeistert wieder

          3:0 gegen Leverkusen : Die Eintracht begeistert wieder

          In einer mitreißenden Partie bezwingen die Frankfurter Leverkusen 3:0. Die Tore erzielen Paciencia und Dost. Rönnow hält den Sieg fest. Bayer verpasst die Tabellenführung.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.