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Wahl der neuen Führung : Hörmann kommt nicht zur DOSB-Versammlung

  • -Aktualisiert am

Präsident Alfons Hörmann wird in Weimar bei der Mitgliederversammlung nicht erscheinen. Bild: dpa

Nach F.A.Z.-Informationen wird der scheidende Präsident bei der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes fehlen. Doch den Geist Alfons Hörmanns wird der Verband so schnell nicht los.

          3 Min.

          Tagesordnungspunkte müssen sein. So erhalten komplexe sportpolitische Veranstaltungen eine Struktur. Etwa die Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an diesem Samstag in Weimar. Am Freitag wurde noch eifrig an der Liste gearbeitet. Die Organisatoren sind froh, dass die Wahlveranstaltung in der vierten Pandemiewelle überhaupt stattfinden kann.

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          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Allerdings sind für den Weg zum „Neuanfang“ Abkürzungen notwendig. Was nicht unbedingt sein muss, in die Länge zieht, fliegt raus. Top 7 zum Beispiel, sonst ein zentraler Kern: Rede des Präsidenten. Selbstverständlich ist dieser Programmpunkt nicht einfach so gestrichen worden. Der scheidende Chef des DOSB gilt bis zur Wahl einer neuen Führung als Herr im Haus.

          Aber Alfons Hörmann wird sich am Samstag nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht persönlich verabschieden. Er kommt nicht. Vizepräsident Kaweh Niroomand vertritt das amtierende Präsidium in Weimar. Mancher Delegierte mag die Abwesenheit von Hörmann bedauern. Andere scheinen erleichtert. Das Fehlen des Chefs verstärkt den Eindruck, er sei nun endgültig Vergangenheit und die Zukunft des DOSB, die Bewältigung der gewaltigen Aufgaben, ohnehin an diesem Wahltag das Wichtigste.

          Ganz so aber wird es nicht sein. Selbst wenn Hörmann in der Stadt der großen Humanisten nicht das Wort ergreift, begleitet seine Ära die neue Führung, nolens, volens. Das hängt auch mit der Tagesordnung zusammen. Kommt es zur Entlastung des alten Präsidiums? Eigentlich hatte die Abstimmung über den Geschäftsbricht nicht auf der Tagesordnung stehen und verschoben werden sollen auf 2022. Denn es gibt ein großes Interesse von Verbänden, ein ungeklärtes Kapitel der Ära Hörmann aufklären zu lassen.

          Keine Ehrenpräsidentschaft

          Sind Gelder des DOSB angemessen eingesetzt worden, als der Präsident sich entschloss, Unterlassungsklagen in alle Himmelsrichtungen mit Hilfe einer aggressiven Anwaltskanzlei anzustrengen? Vor Wochen noch ist über eine Ehrenpräsidentschaft für Hörmann im Kreis der Sportgestalter ernsthaft gesprochen worden. Bis Karin Fehres, über Jahre Vorstandsmitglied des DOSB, in einem Brief offenbarte, wie vor allem Hörmann ihr mit Anwälten zu unterstellen suchte, sie sei Autorin eines anonymen Briefes vom Mai.

          Darin war von einer „Kultur der Angst“ unter den Mitarbeitern des DOSB die Rede. Frau Fehres sollte gestehen. Andernfalls, drohte die Kanzlei, könnten strafrechtliche und zivilrechtliche Folgen auf sie zukommen. Karin Fehres wies den Vorwurf empört zurück und verwahrte sich gegen das Vorgehen. Auf Unterstützung aus dem DOSB brauchte sie nicht lange warten. Hörmanns Ehrenpräsidentschaft löste sich in Luft auch. Und mit ihm sein Machtgefüge. Die Vorstandsvorsitzende Veronica Rücker, involviert in die Attacke auf Fehres, kündigte ihren Rückzug zum neuen Jahr an. Auch sie wird nicht in Weimar auftreten.

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          Vermutlich hätten die Delegierten bei Hörmanns Abtritt coram publico eine fulminante wie emotionale Verteidigungsrede erlebt, wie er die im Herbst beim Badischen Sportbund Süd laut Ohrenzeugen zum Besten gab. Ein in sportpolitischen Themen versierter Reporter schrieb prompt von einem fiesen Intrigenspiel mit Hörmann als Opfer. Es gibt keine Aufzeichnung von der Suada. Aber den Delegierten bleibt immerhin der Jahresbericht des Präsidiums an die Mitgliedsverbände. Darin wird die Entwicklung nach dem anonymen Brief skizziert, die Anrufung der Ethik-Kommission des DOSB und nach der Empfehlung dieses Gremiums die Entscheidung Hörmanns, bei Neuwahlen im Sinne einer Vertrauensabstimmung nicht mehr anzutreten.

          Deshalb stehen am Samstag der Jurist Thomas Weikert, er ist der Favorit, und Claudia Bokel, zur Wahl. Allerdings wird auch die Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes „nur“ zugeschaltet. Beide argumentieren sachlich. Hörmann neigt eher zu Überhöhung. Im Jahresbericht heißt es zur Stimmung im Führungszirkel: „Die Zusammenarbeit zwischen Präsidium und Vorstand war gerade auch in dieser für den DOSB so schwierigen Zeit immer von hohem Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung geprägt…“

          Hohes Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung? Die F.A.Z. veröffentlichte in dieser Woche Antworten von Präsidiumsmitgliedern auf Fragen der Landessportbünde mit einem ganz anderen Eindruck. Der Athletenvertreter Jonathan Koch fühlte sich im Präsidium unter Druck gesetzt und teils abgeschnitten vom Informationsfluss. Er bot Belege dazu an. Seine Kolleginnen Gudrun Doll-Tepper und Petra Tzschoppe schrieben von „eklatanten Verstößen insbesondere gegen die Prinzipien der Transparenz und Partizipation in Präsidium und Vorstand“. Beide meldeten diese „Verstöße“ der Ethikkommission. 

          Das dient indirekt als Signal zur Befreiung von Hörmann. Sie wollen auch dem neuen Präsidium angehören und kandidieren. Es nahm am Freitag weiter Konturen an. Stefan Klett, der Präsident des Landessportbundes NRW, zog zurück. Er steigerte damit die Chancen von  Olympiasiegerin Miriam Welte. Die Vizepräsidentin des LSB Rheinland-Pfalz wäre die einzige Repräsentantin der Landessportbünde im neuen Führungszirkel.

          Thomas Weikert will unbedingt mit Verena Bentele, der Präsidentin des VdK, und der Kinderärztin Kerstin Holze, Vorstand Deutsche Kinderturn-Stiftung, zusammenarbeiten. Insgesamt haben acht Personen Interesse, einen der fünf Vizepräsidentenposten zu besetzen. Wie schnell der DOSB den Geist Hörmanns los wird, hängt von der Frage ab, ob der Neuanfang halbwegs reibungslos gelingt.   

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