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Kommentar : DOSB-Präsident auf Bewährung

  • -Aktualisiert am

DOSB-Präsident Alfons Hörmann Bild: dpa

Alfons Hörmann verstieß nach Ansicht des Bundeskartellamts gegen Wettbewerbsrecht und akzeptierte eine hohe Geldstrafe. Kann so ein Mann DOSB-Präsident bleiben? Ja – und in dem Fall steckt für den deutschen Sport gar eine Chance.

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          Kann ein Mann, der als Vorstand eines Unternehmens nach Auffassung des Bundeskartellamtes gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen hat und eine Geldbuße in Höhe von 150.000 Euro plus Zinsen akzeptiert, an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) stehen? Kann er von Athleten und Kollegen einen sauberen Wettkampf einfordern, wenn er selbst für eine Manipulation der Spielregeln in der Wirtschaft vom Bundeskartellamt mitverantwortlich gemacht wird?

          Man könnte es sich mit der Antwort einfach machen: Alfons Hörmann muss das unangefochtene Vorbild seiner Organisation sein. Er ist nicht nur für den Erfolg des Dachverbandes politisch verantwortlich. Er muss auf dem Weg zu den Zielen des DOSB auch eine moralisch einwandfreie Haltung vorleben und dafür sorgen, dass sie eingehalten wird, dass sie Schule macht. Chancengleichheit, Fairness, Gemeinschaft statt Feindschaft, Inklusion und Integration, der Kampf gegen jede Form der Manipulation: Abgesehen von den Kirchen gibt es keine Massenorganisation in unserer Gesellschaft, die so hohe Ansprüche an sich selbst stellt.

          Sie verkauft diese Tugenden als Alleinstellungsmerkmal an Politik und Wirtschaft. Daraus resultiert ihre herausragende Stellung. Staat wie Unternehmen werben mit den großen ideellen wie materiellen Leistungen eines „sauberen“ Sports und zahlen dafür Abermillionen. Also ist es nicht nur legitim, sondern ständig notwendig, den DOSB an seinen eigenen Ansprüchen zu messen.

          Alfons Hörmann hat in seinen eineinhalb Jahren als Präsident des DOSB so engagiert, schnell und wirkungsvoll gearbeitet wie es seinen Vorgängern in den vergangenen dreißig Jahren nicht gelungen ist. Das haben die Mitglieder des Verbandes längst gemerkt und ihn im vergangenen Dezember, vom Verlauf des Kartellrechts-Verfahrens unterrichtet, einstimmig wiedergewählt.

          Hörmann räumt einen „schmerzhaften“ Fehler ein

          Wohl niemand innerhalb des DOSB wird nun aufstehen und Hörmann öffentlich in Frage stellen. Denn auch im Sport ist der Gedanke weit verbreitet, Gegenrechnungen aufzustellen. Hörmann steht in den Augen des DOSB stark im Plus. Aber diese Kalkulation wird dem Thema nicht gerecht. Eine gelungene Auswahl des deutschen Olympiabewerbers, die erfolgreiche Umstrukturierung der Verbandsführung können Fehlern im operativen Geschäft gegenüber gestellt werden. Verstöße gegen den Geist des Wettbewerbs aber sind von einer anderen, unvergleichbaren Qualität. Der Sport lebt von seiner Moral.

          Hörmann weiß das. Er betrachtet sich nicht als schuldig im Sinne des Vorwurfs, räumt aber ein, einen „schmerzhaften“ Fehler gemacht zu haben auf einem Feld, das selbst Kartellrechtsexperten für komplex halten. Immerhin hat es acht Jahre gedauert, bis es in der nächsten Woche zu einem Prozess kommen soll, den auch Hörmann mit seinem Widerspruch in Gang gesetzt hat und an dem er nun nicht mehr teilnimmt. Da Kartellrechtsverstöße Ordnungswidrigkeiten sind, wäre Hörmann selbst bei einem Richterspruch nicht vorbestraft gewesen, nun ist er es schon gar nicht.

          Hörmann hat reichlich Gelegenheit zur Bewährung

          Auf dieser Ebene ist der Fall also nicht annähernd mit der Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß oder mit Vorstrafen anderer, munter weiter wirkender Funktionäre des Sports zu vergleichen. Die zweite, die moralische Ebene ist aber für den DOSB auch zur Abgrenzung von übermächtigen Profisportarten und ihren beklagenswerten Auswüchsen von existentieller Bedeutung. Es besteht die Gefahr, dass Hörmann von Fußballkollegen milde belächelt wird, falls er in Zukunft ihnen gegenüber auf die Werte des Sports pocht.

          In dieser Konstellation steckt, bei allem Widerspruch, aber eine Chance. Der Fehler vor Jahren auf einem anderen Spielfeld zwingt Hörmann, der sich als Sportsmann betrachtet, in die Offensive zu gehen. An Gelegenheiten wird es nicht mangeln. Sie reichen von der Antwort auf die Frage, ob man mehr Medaillen gewinnen kann, wenn man gleichzeitig sauber sein will, über die Integration der Menschen im Sport bis hin zur Einbindung der Opfer eines gnadenlosen, verlogenen deutschen Leistungsfetischismus Ost wie West. Vor diesem Hintergrund ist es wichtiger, den fähigen Gestalter Hörmann auf allen Ebenen zu fordern, statt ihn grundsätzlich in Frage zu stellen. Hörmann soll bleiben: Er hat reichlich Gelegenheit zur Bewährung.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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