https://www.faz.net/-gtl-8b2pg

Kommentar : Zwischen Pragmatismus und Moral

  • -Aktualisiert am

DOSB-Präsident Alfons Hörmann übte deutliche Kritik. Bild: dpa

Der Vorstoß von DOSB-Präsident Alfons Hörmann muss zu einer Diskussion über das Dilemma der Sportfunktionäre führen. Sie sollten sich nicht gegenseitig Vorwürfe machen, sondern ehrlich mit ihrer Haltung auseinandersetzen.

          Helmut Digel ist empört. Das kann man verstehen. Vor nicht mal einem Jahr hat ihn Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), mit der Ehrennadel seines Verbandes ausgezeichnet für eine lange Funktionärskarriere in der nationalen und internationalen Leichtathletik. Am Samstag nun warf Hörmann bei der Mitgliederversammlung des DOSB in Hannover dem abwesenden Professor sowie dem früheren Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, vor, den deutschen Sport im internationalen Geschäft nicht verantwortungsbewusst vertreten zu haben.

          Beiden könnte doch kaum verborgen geblieben sein, was sich in ihrem Dunstkreis an Korruption und Manipulation abspielte. Digel antwortet mit einem offenen Brief und verweist auf seine Reden und Schriften wider die Manipulation. Er fragt nach Belegen für die Behauptung. Und verwahrt sich gegen die heftige Kritik, sinngemäß, nicht den Mund aufgemacht zu haben, nicht eingetreten zu sein für die Werte des Sports. Er verlangt eine Entschuldigung.

          Digel verdient es, differenzierter betrachtet zu werden. Aber er weiß selbst sehr gut, welche Wendungen er nahm, wann er mit scharfem Verstand Fehlentwicklungen offen analysierte und wo er sich im nächsten Moment Mächtigen des Sports anbiederte. Dem kritischen Blick auf Digel müsste konsequenterweise eine Betrachtung der Kollegen in und aus Deutschland folgen.

          Ihr erfolgreichster, Thomas Bach, hat es an die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees geschafft. Auch er stammt aus dem Land, in dem Doping in den vergangenen fünfzig Jahren entwickelt, auch an Minderjährigen vorgenommen, hier brutal gefördert und dort zumindest schulterzuckend geduldet wurde. Gehört er damit in die Reihe von Funktionären, die es, in der Diktion Hörmanns, wissen, wenigstens hätten ahnen müssen? Es gibt zu viele, die weder aufstanden noch protestierten. Heuchler, Gutgläubige, Betrüger, Athleten-Verführer, Sportvergifter. Die Liste ist lang.

          Nur wenige Verbände haben gehandelt

          Hörmann sagt gern, dass man die Dinge vom Ende her betrachten müsse. Falls er bei den Attacken von Hannover seinen Leitspruch im Hinterkopf hatte, dann war ihm das Risiko bewusst, selbst in die Kritik zu geraten. Der DOSB-Chef saß, wie Leichtathleten nun süffisant anmerken, einst als Präsident des Deutschen Ski-Verbandes in der Exekutive der internationalen Organisation, fiel aber nicht als offensiver Manipulations-Gegner auf. Obwohl es Doping-Fälle und handfeste Manipulations-Skandale zuhauf gab, auch mit deutscher Beteiligung.

          Statt sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, sollten Funktionäre sich ehrlich mit ihrer Haltung auseinandersetzen. Damit wäre dem Sport gedient. Noch im Spätherbst lehnte die große Mehrheit des DOSB eine strafrechtliche Verfolgung von Dopern entschieden ab, obwohl der organisierte Sport längst bewiesen hat, dass er sich nicht selbst befreien kann - und will. Nur wenige Verbände - Digels Leichtathleten, die Radfahrer, Triathlon und Tischtennis - haben das eingesehen und gehandelt.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Das war ein Anfang. Hörmanns Vorstoß muss nun zu einer Diskussion über das Dilemma der Sportfunktionäre führen. Sie sollen moralisch und pragmatisch sein, den hehren Wertvorstellungen und den Erfolgsansprüchen genügen. In den meisten Fällen ist das nicht vereinbar. Falls die Attacke Hörmanns auf Digel zu einem neuen Selbstverständnis führte, wäre der erste Schritt auf dem Weg zu mehr Glaubwürdigkeit getan. Selbst Digel müsste dann irgendwann Hörmann dankbar sein.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Keine Mammut-WM in Katar Video-Seite öffnen

          Nur 32 statt 48 Teams : Keine Mammut-WM in Katar

          Wie die Fifa bekannt gab werden bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar genau so viele Teams wie in den letzten Jahren antreten. Zuvor hieß es, die Anzahl an teilnehmenden Nation sollte auf 48 Mannschaften aufgestockt werden.

          Ein Herz in tiefster Finsternis

          FAZ Plus Artikel: Ebola-Ausbruch in Afrika : Ein Herz in tiefster Finsternis

          Tausende Menschen starben in der Demokratischen Republik Kongo bereits an Ebola. Der aktuelle Ausbruch ist bisher nicht zu stoppen. Ärzte werden attackiert, und das Misstrauen in der Bevölkerung ist so groß, wie das Land reich ist an Bodenschätzen .

          Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

          Tod einer Formel-1-Legende : Die Erfolge des Niki Lauda

          Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

          Topmeldungen

          Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

          FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

          Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.