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Politik contra DOSB : Zoff um Trainerakademie und Europa-Spiele

Michael Vespers Enthaltung bei der Vergabe der Europa-Spiele 2019 stößt auf Kritik. Bild: dpa

An den Entsendungskosten für die Europa-Spiele 2019 in Minsk entzündet sich Streit zwischen Politik und DOSB. Die Kritik richtet sich auch an Vorstand Michael Vesper.

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          Zwischen Politik und Sport herrscht Verstimmung. Nach der Ankündigung des Bundesinnenministeriums, die Teilnahme einer deutschen Auswahl an den Europa-Spielen 2019 in Minsk nicht durch die Übernahme der Reisekosten zu unterstützen, droht nun auch noch die Kürzung der staatlichen Unterstützung der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Köln. Dort hat DOSB-Präsident Alfons Hörmann dem Förderverein unverblümt aufgetragen, auf der inzwischen abgesagten Vollversammlung ein Mitglied des DOSB-Vorstandes zum Präsidenten zu wählen - obwohl der bisherige Amtsinhaber Thomas Weikert, Präsident des Tischtennis-Weltverbandes, nicht die Absicht hat, sein Amt aufzugeben.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Zugleich hat der DOSB angekündigt, seine ohnehin geringe Beteiligung von 38.000 Euro am Budget der Einrichtung (643.000 Euro) um 5000 Euro zu verringern. Das Innenministerium droht nun damit, seine wesentlich größere Zuwendung ebenfalls um gut 13 Prozent zu kürzen. Auch das Land Nordrhein-Westfalen, der andere große Förderer, scheint verärgert.

          Auch das Votum des DOSB-Vorstandsvorsitzenden Michael Vesper bei der Vergabe der Europa-Spiele nach Minsk stößt offenbar auf Kritik. Für den DOSB enthielt er sich, als allein die Nationalen Olympischen Komitees von Norwegen und Dänemark dagegen stimmten, diese offenbar überall sonst ungewollten Spiele dem weißrussischen Diktator und NOK-Präsidenten Aleksandr Lukaschenka zu übertragen. Der Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu erhielt vom Innenministerium auf entsprechende Anfrage die Antwort, dass eine Zuwendung zu den Entsendungskosten seitens der Bundesregierung nicht beabsichtigt sei.

          Ein klares Signal vom Innenministerium

          Die Reise eines deutschen Teams zu den ersten European Games 2015 nach Baku hatte der Bund noch mit einer halben Million Euro unterstützt; Aserbaidschan ist im Gegensatz zu Weißrussland immerhin Mitglied des Europarats. Nun heißt es vom Innenministerium, das Vorliegen eines erheblichen Bundesinteresses sei Voraussetzung für die Zuwendung. Im Übrigen obliege die Entscheidung, wo welche Sportveranstaltungen ausgetragen werden, allein den Sportverbänden. Auf gut Deutsch: Macht, was ihr wollt, aber rechnet nicht mit unserer Hilfe dabei.

          „Ich finde dieses Signal richtig“, lobt Mutlu. „Der Sport, der sich immer als unabhängig geriert, soll sich mehr Gedanken machen, wie und für wen er sich bei solchen Entscheidungen einsetzt.“ Die neu geschaffenen Europa-Spiele zum zweiten Mal in ein Land zu vergeben, in dem Demokratie und Menschenrechte mit Füßen getreten würden, sei sehr problematisch. Enthaltung sei Duldung, urteilt Mutlu, er habe sich ein Nein vom DOSB gewünscht. Leichtathleten und Schwimmer nehmen an den Europaspielen ohnehin nicht teil.

          Freitag: „Eine Frage des Stils“

          „Das Verhältnis zwischen Sport und Politik scheint generell schwierig sein“, sagt die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag, „aber das mag gelegentlich auch von Personen abhängen.“ Der Sportausschuss des Bundestages, dem sie vorsitzt, habe mehrmals feststellen müssen, dass er nicht erster Ansprechpartner des DOSB in Berlin sei. Die Parlamentarier hofften im Sinne der Verbände, dass es zukünftig zu einer Verbesserung der Beziehungen komme. Die Europa-Spiele seien ein Anlass, wieder einmal zu fragen: „An welche Länder vergibt der Sport eigentlich seine Veranstaltungen? Schließlich werden normalerweise ja Steuermittel beispielsweise für Entsendungskosten zu internationalen Meisterschaften eingesetzt.“

          Die Enthaltung des DOSB bei der Abstimmung sei alles andere als ein überzeugendes Signal gewesen. Die Politikerin kritisiert das Vorgehen des DOSB gegenüber der Trainer-Akademie: „Es ist schlichtweg einmal mehr eine Frage des Stils und des persönlichen Umgangs, der seitens des Dachverbandes an den Tag gelegt wird. Personalentscheidungen regelt man nicht per Dekret.“

          Auch Mutlu stellt fest, dass es anscheinend des Öfteren Unstimmigkeiten gebe zwischen Sportministerium und Dachverband fest. „Bei der Spitzensportreform, die nach anderthalb Jahren Vorbereitung hinter verschlossenen Türen nun heftig kritisiert wird, tut der DOSB so, als sei das BMI allein verantwortlich.“ Dies und auch das Thema Trainerakademie würden voraussichtlich bald auch im Sportausschuss des Bundestages thematisiert werden.

          Eberhard Gienger, sportpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, ehemaliger Turner und ehemaliges Präsidiumsmitglied des DOSB, sieht keine Verschlechterung des Klimas. Gerade einem Projekt wie der Reform des Spitzensports sei es immanent, weh zu tun. Dies sei aber, beschwört Gienger, im gemeinsamen Interesse des Sports.

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