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„Athleten Deutschland“ e.V. : Ein weiterer Schritt zur Emanzipation

Max Hartung ist Vereinspräsident des neu gegründeten Klubs. Bild: Picture-Alliance

Die deutschen Athletenvertreter gründen einen Verein, der ihnen eine größere Unabhängigkeit vom DOSB und eine professionellere Struktur bieten soll. Die Kritik vom DOSB folgt prompt.

          3 Min.

          In einem fensterlosen Kellerraum des Olympiastützpunktes Rheinland in Köln ist am Sonntag einer der wohl exklusivsten Klubs Deutschlands gegründet worden: „Athleten Deutschland“ e.V. Mitglied können nur die gewählten Athletenvertreter der gut sechzig Sportverbände des Landes werden.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Selbst wer zeitweise außerordentliches Mitglied werden will, muss einer National-, Olympia- oder eine Paralympics-Mannschaft angehören. Präsident ist Max Hartung, Europameister im Säbelfechten und Athletenvertreter im Deutschen Olympischen Sportbund; Vizepräsidentin die Kanutin Silke Kastner.

          „Die Themen werden mehr und komplexer, der Sport wird professioneller“, sagte der Vorsitzende der Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und neue Vereinspräsident Max Hartung. „Es ist ein neuer Bedarf für professionelle Athletenvertretung entstanden und die neue Notwendigkeit, sie zu unterstützen.“ Die Athleten erwarteten die nötige Rückendeckung, sagte er an die Adresse von Staat und Politik.

          Professionelle Strukturen müssen her

          Sein schlechtes Abschneiden bei der Weltmeisterschaft in Leipzig führte der Europameister im Säbelfechten als Beleg für die Notwendigkeit professioneller Strukturen an. Er sei sicher, sagte er in Köln, dass sein Engagement für die Vertretung der Athleten dafür gesorgt habe, dass er bei den Titelkämpfen seine Erwartungen nicht erfüllt habe.

          Bisher habe man „händisch und hemdsärmelig“ gearbeitet, sagte er. Schon bei der Aufgabe, eine Haltung zum Anti-Doping-Gesetz zu finden, das im Dezember 2015 eingeführt worden war, hätte er gern professionelle Unterstützung erhalten. Die Interessen der Athleten zu vertreten zusätzlich zu Beruf oder Studium sowie zu einer Karriere im Spitzensport mit Training und Reisen überfordere die dafür gewählten Sportlerinnen und Sportler. Man brauche eine ergänzende Struktur.

          Gerhard Böhm, Abteilungsleiter Sport im Bundesinnenministerium, das für die Förderung des Spitzensports zuständig ist, versprach bei seinem Besuch der Vollversammlung der Athletenvertreter am Samstag: „Wir stehen bereit, die Athleten im Sinne unserer Reform zu unterstützen.“ In Parlament und Regierung gebe es die Bereitschaft zur Unterstützung der Athletenvertreter; der finanzielle Bedarf wird auf 300.000 bis 400.000 Euro pro Jahr geschätzt. Wo die Geschäftsstelle mit Sekretariat und Pressesprecher eingerichtet werden soll, werde entschieden, sobald die Finanzierung stehe, sagte Silke Kassner.

          DOSB kritisiert den neuen Verein

          Hartung trat dem Vorwurf entgegen, dass die Athleten die Mittel von der Spitzensportförderung abzweigen wollten. „Man sollte das Geld nicht irgendwo rausschneiden, sondern draufsatteln“, sagte er. „Wer die Summen kennt, die zu Recht in die Strukturen fließen sollen, der sieht, dass dies ein kleiner Teil ist, der in unsere Vertretung investiert wird.“ Der Verein wird als juristische Person betrachtet und darf Spenden annehmen. Das ist der Athletenvertretung im DOSB nicht gestattet.

          Michael Vesper, Vorstandsvorsitzender des DOSB, kritisierte, dass mit der Gründung des Vereins eine Parallel-, gar eine Hybridstruktur geschaffen werde. Das gebe es nicht einmal auf Ebene des Internationalen Olympischen Komitees. „Dies wirft womöglich die ein oder andere Frage der Praxis auf“, prognostizierte er und stellte sogleich klar, wen die DOSB-Führung akzeptieren werde: „Für uns ist der Ansprechpartner die Athletenkommission.“

          Vesper wandte sich gegen den Eindruck, DOSB-Präsident Alfons Hörmann und er hätten den Athleten in einem Brief vom vergangenen Donnerstag (siehe F.A.Z. vom 14. Oktober) gedroht für den Fall, dass sie ihre Vertretung aus dem Verband auslagerten. Der Brief sei konstruktiv gewesen, behauptete er, und habe lediglich der Information der Fachverbände gedient. Athletenvertretung, wie deutsche Sportlerinnen und Sportler sie beim IOC, bei der Welt-Anti-Doping-Agentur und in vielen Organisationen wahrnähmen, sei eine wichtige Errungenschaft.

          Den Stimmen der Sportler mehr Gewicht verleihen

          Der Verein soll vor allem der Stimme der Sportler mehr Gewicht verleihen und die Arbeit ihrer Vertreter professionalisieren. Harting versprach, dass der Klub auch den international engagierten Athletensprechern zuarbeiten werde. Zu den Aufgaben des Vereins gehört laut Satzung auch die Unterstützung der Bildung von Gewerkschaften für einzelne Sportarten. „Athleten Deutschland“ strebt an, wie knapp hundert Sportorganisationen Mitglied im DOSB zu werden.

          Jeder der anwesenden Athletenvertreter habe nach dem einstimmigen Beschluss die Gründungsurkunde unterschreiben wollen, berichtete Hartung. Der Klub hat demnach 45 Mitglieder. Sie erwarten eine Stärkung ihrer Rechte auch bei der Umsetzung der Spitzensport-Reform.

          Diese sieht die Konzentration der stärksten Athleten an einigen Stützpunkten vor. Für die rund 250 Sportlerinnen und Sportler, die bei der Polizei eine Ausbildung und eine Perspektive für das Leben nach dem Sport gefunden haben, ist dies unter Umständen ein existentielles Problem: Ein Wechsel von der Polizei des einen zu der des anderen Landes ist derzeit nicht möglich, selbst wenn beide Sportfördergruppen unterhalten sollten. „Es gibt keine Lösung für den Übergang“, sagte der Verantwortliche für Spitzensport im Vorstand des DOSB, Dirk Schimmelpfennig: „Aber ich würde nicht vom Grundprinzip (Konzentration/d. Red.) abweichen wollen.“

          Ruderer und Beachvolleyball-Spielerinnen berichteten, dass sie von ihren Verbänden zum Umzug gezwungen würden, selbst wenn am neuen Standort nicht bessere Bedingungen herrschten. Es gehe darum, so ihr Eindruck, dass die Verbände Vorgaben erfüllen oder Strukturen schaffen wollten, selbst wenn dies zu Lasten der Athleten und ihrer Leistungen gehe. „Die einfachste Lösung wäre“, sagte ein Sportler, „wenn ich mit dem Sport aufhörte.“

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