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DOSB : Gienger gewinnt - die Chance, seine Gegner zu widerlegen

Eberhard Gienger hat viele Gegner Bild: dpa/dpaweb

Im ersten sportpolitischen Wettkampf hat sich Eberhard Gienger nach seinem rhetorischen Salto rückwärts gerade noch qualifizieren können. Von allen DOSB-Präsidiumsmitgliedern erhielt er das schwächste Votum.

          Gewählt, gelandet! Eberhard Gienger hat wieder festen Boden unter den Füßen. In der Woche vor dem entscheidenden Votum am Samstag schien der leidenschaftliche Fallschirmspringer aus allen Wolken zu fallen, im Sturzflug dem Crash entgegen. So heftig prasselte die Kritik auf den Bundestagsabgeordneten der CDU nach seinen veröffentlichten, zuvor von ihm autorisierten Dopingthesen ein.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Natürlich ist Gienger, der ehemalige Reckweltmeister, gegen jede Manipulation. Das hat er auch am Samstag noch einmal bekräftigt. Nur wirkten Haltung und Ansichten Giengers zum heikelsten Thema des Spitzensports wie aus dem Antiquariat entnommen. Jetzt aber will sich Gienger aufschwingen in die Moderne. Für den durchtrainiert wirkenden Mittfünfziger beginnt das Leben als Vizepräsident Leistungssport, als ehrenamtlicher Strategiechef - so die Stellenbeschreibung -, wie einst in der Halle: "Ich werde trainieren, so wie sich das für einen Spitzensportler gehört."

          Das schwächste Votum

          Im ersten Wettkampf hat sich Gienger nach seinem rhetorischen Salto rückwärts gerade noch qualifizieren können. Von allen Präsidiumsmitgliedern erhielt er das schwächste Votum. Nur etwa 63 Prozent der abgegebenen Stimmen. Und wenn ein Teil der Delegierten (mit 61 Stimmen) im kritischsten Augenblick des Vereinigungsprozedere Gienger, dem DOSB und der Demokratie "auf dem Weg zum Kaffeetrinken" (Versammlungsleiter Ulrich Feldhoff) nicht den Rücken gezeigt hätte, wäre das Einheitswerk vielleicht durch eine gescheiterte Stellenbesetzung ramponiert worden.

          Wahrscheinlich hat sich Fußball-Boß Theo Zwanziger deshalb um Gienger verdient gemacht. Der Chef der Personalfindungskommission leistete dem ehemaligen Kunstturner kurz vor dem Absprung in die hohe Sportpolitik mit einer persönlichen Anmerkung Hilfestellung und umarmte den Gestützten schließlich nach der wackeligen Kür. "Wir sollten ihm nicht unterstellen, er hätte das Grundwesen unseres Sports nicht begriffen", sagte Zwanziger, der die Ergebnisse seiner Kommission als "Vorschläge" bezeichnete, um auch so dem Vorwurf entgegenzutreten, der Souverän, die Mitglieder, seien um ihr Wahlrecht gebracht worden. Bach entspannte die Situation zusätzlich: durch seinen Antrag auf geheime Wahl für alle Präsidiumspositionen.

          Strammer Gegner Richthofen

          Auch wenn Gienger in der Stunde seiner Wahl nicht wie ein Sieger wirkte, so hat er doch etwas gewonnen: die Chance, alle Kritiker zu widerlegen: "Wenn ich in dem Interview Fehler mit Worten gemacht habe, dann werde ich in den nächsten Jahren diejenigen, die gegen mich gestimmt haben, überzeugen, daß sie mich das nächste Mal wählen." Das wird ihm wahrscheinlich schwerer fallen, als die Punktlandung nach einem höchst komplizierten Abgang vom Reck. Denn Giengers Gegnerschaft ist nicht homogen. Da sind Landessportbünde (LSB) aus dem Osten, die ihn allein schon aus Revanchegelüsten ablehnen. "Wenn sich so ein Ostdeutscher verhalten hätte wie Gienger", sagte Thüringens LSB-Präsident Gösel mit betoniertem Ost-West-Bild im Oberstübchen, "dann wäre der hier zerrissen worden." Er hätte, so Gösel, auch in offener Abstimmung gegen Gienger votiert.

          Aber auch die Frage, ob Gienger dem Anforderungsprofil des Headhunters Zwanziger ("Kompetenz und Kommunikationsfähigkeit") genügt, wurde am Samstag vor und nach der Wahl quer durch die Verbände und Gruppierungen gestellt: Ist Gienger bereit und in der Lage, der "komplexen", stetig wachsenden Problematik des Anti-Doping-Kampfes, wie sie Bach in seiner Paulskirchenrede ansprach, mit Konzepten zu begegnen? Kann er seine treue Haltung zu einem äußerst zweifelhaften Mediziner öffentlich aufgeben? Hat er als CDU-Abgeordneter im Bundestag die Unabhängigkeit, im DOSB-Präsidium pro Sport und gegen die Partei zu votieren? Gienger ist zumindest davon überzeugt. Parteizugehörigkeit und Sportamt will er wie ein Turner vereinen: mit einem Spagat. "Ich könnte einen Stellvertreter abstimmen lassen oder mich zurücknehmen."

          „Wadenbeißerin“ auf wichtigem Terrain

          So beweglich Gienger auch ist, das Mißtrauen blieb und wurde am Samstag offener denn je formuliert: "Die Wahl des Präsidiums lief reibungslos, bis auf die Position des Vizepräsidenten. Das wird starken Widerstand geben", sagte Manfred von Richthofen, der erste Ehrenpräsident des DOSB, und stach zu: "Ich meine, daß die Position, das kann ich nach der Wahl sagen, nicht gut besetzt ist." Die Kritik von "interessierter Seite", wie Gienger die Affäre einschätzt, ist durchaus von Parteilichkeit gefärbt. Freiherr von Richthofen gilt als entschiedener Förderer der an Bachs Personalpräferenz gescheiterten Christa Thiel. Die Präsidentin des Schwimm-Verbandes wurde statt dessen am Freitag zur Sprecherin der Fachverbände gewählt und bemühte sich gleich vielversprechend um Stärke durch Einheit in diesem potenten Gremium. Gelingt ihr der Coup, dann droht Bach nach Ansicht eines Ballsport-Präsidenten eine "Wadenbeißerin" auf einem wichtigen Terrain.

          So wie der Präsident in der Paulskirche sprach, wird er das Feld Spitzensport kaum Gienger überlassen. Das würde den Posten des Vizepräsidenten in Frage stellen - aber auch den ganzen Fall relativieren.

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