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„Kultur der Angst“ : DOSB braucht „unbedingt Kompetenz von außen“

Bild: dpa

Der Anti-Korruptionsexperte Jochen Reinhardt rät von einer Untersuchung des „Falls Hörmann“ durch die Ethikkommission ab. Deren Vorsitzender ist der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière.

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          Die Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) scheint inzwischen zumindest teilweise an die Authentizität eines anonymen Briefes zu glauben, in dem unter anderem von einer „Kultur der Angst“ unter der Führung von Präsident Alfons Hörmann die Rede ist. Das Präsidium erklärte am Samstag nach einer Sitzung in Frankfurt, es habe sich mit dem „Schreiben vom 06.05.2021 auseinandergesetzt, das vermutlich von Mitarbeiter*innen (des DOSB/d. Red.) stammt“. Am Donnerstag hatte der DOSB-Vorstand von einem „angeblich“ offenen Brief „aus der Mitarbeiterschaft“ gesprochen. Die Autoren, hinter dem Schreiben soll ein Drittel der Belegschaft stehen, werfen Hörmann einen respektlosen, entwürdigenden Umgang mit Angestellten vor.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Bevor der DOSB von „angeblich“ auf „vermutlich“ schwenkte, hatte der Landessportbund Nordrhein-Westfalen am Freitagabend auf eine DOSB-interne Quelle hingewiesen: „Schon vor Wochen haben Mitarbeitende des DOSB uns gegenüber über Vorgänge berichtet, die sich vollständig und teilweise wortgleich mit dem decken, was gestern im Rahmen eines anonym veröffentlichten offenen Briefes an Vorwürfen gegenüber Herrn Hörmann geäußert worden ist. Darüber hinaus wurden uns die Vorgänge auch nach Erscheinen des Briefes von Mitarbeitenden des DOSB bestätigt.“

          Ethikkommission soll aufklären

          Das Präsidium entschied am Samstag, die Ethikkommission des Verbandes um Aufklärung und Bewertung zu bitten. Vorsitzender der Kommission ist seit der Mitgliederversammlung 2018 Thomas de Maizière, der frühere Bundesinnenminister. Ein Teilnehmer der Veranstaltung berichtete der F.A.Z., dass de Maizière in einem Gespräch berichtet habe, er sei von Hörmann und der Vorstandsvorsitzenden Veronika Rücker vorgeschlagen worden.

          „Falls das stimmt, dann ist das hochgradig problematisch“, sagt Jochen Reinhardt, einer von zwei Leitern der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland. „Das ginge auf keinen Fall. Der Weg zur Aufklärung über die Ethikkommission wäre dann nicht zu akzeptieren.“ Satzungsgemäß muss die Ethikkommission beim Verdacht auf Verstöße gegen die Grundsätze guter Verbandsführung von sich aus tätig werden. Neben dem Sportkenner de Maizière gehören ihr die frühere Biathletin Kati Wilhelm und Hansjörg Geiger, einst Direktor der Stasi-Unterlagen-Behörde und Chef des Bundesnachrichtendienst, an.

          Um zu erfahren, was sich im DOSB zugetragen hat, ob die Vorwürfe stimmen und die beschriebe Atmosphäre der Wahrheit entspricht, müsste das Gremium zunächst herausfinden, wer zu den Klägern gehört, und diese befragen. Die Untersuchung müsste, soll sie umfassend sein, auch Gespräche mit Menschen umfassen, die im Verlauf der vergangenen acht Jahre kündigten, der Amtszeit von Hörmann. Ihre Anonymität erklären die Kläger in ihrem Brief mit der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Den Gremien des DOSB gegenüber scheinen sie misstrauisch zu sein. Der frühere WDR-Redakteur Reinhardt schlägt vor über einen anderen Weg Vertrauen aufzubauen: „Der DOSB sollte sich unbedingt Kompetenz von außen holen. Wir hatten beim WDR seinerzeit ähnliche Probleme, wie sie jetzt mit Blick auf den DOSB geschildert werden. Daraufhin wurde klug entschieden, Monika Wulf-Mathies (Gewerkschafterin und Politikerin/d. Red.) zu beauftragen. Sie hat das ordentlich gelöst und einen Kulturwandel eingeleitet.“

          Während der Präsident des LSB Nordrhein-Westfalen, Stefan Klett, Hörmann zum Rücktritt aufgefordert hat, attackierte der Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Matthias Große, die Autoren der Klageschrift. In einer Erklärung des Verbandes nannte er sie „Denunzianten“: „Mir sind Menschen, die aus niederen, persönlichen Motiven andere anzeigen, öffentlich brandmarken und vorverurteilen, zutiefst zu wider. (...) Besonders schäbig und geradezu unerträglich wird es dann, wenn es sich bei den Denunzianten um feige Heckenschützen handelt, die sich nicht zu erkennen geben.“ Große behauptet, die Autoren könnten ihre Anschuldigungen „nicht durch Fakten und Beweise unterlegen“. Hörmann sei Opfer eines Hinterhalts geworden.

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