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Dopingskandal : "Wir haben es mit knallharter Ware zu tun"

  • -Aktualisiert am

Ein dicker Fisch? Kugelstoßer Kevin Toth Bild: dpa

Amerika entdeckt sich selbst: Ein neuer Dopingskandal zieht weite Kreise. Erstmals in der Historie der viel zu kurzen amerikanischen Anti-Doping-Geschichtsschreibung haben Offizielle in den Vereinigten Staaten eine Skandalmeldung nicht blockiert, sondern sogar selbst veröffentlicht.

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          Neuer könnten die Neuigkeiten aus der Neuen Welt gar nicht ausfallen. Erstmals in der Historie der viel zu kurzen amerikanischen Anti-Doping-Geschichtsschreibung haben Offizielle in den Vereinigten Staaten eine Skandalmeldung über Hochleistungs-Manipulationen im Profisport nicht blockiert, sondern sogar selbst veröffentlicht. Bislang stets unter internationalen Druck gesetzt und in der nationalen Defensive verschanzt, ist Terry Madden, Exekutivdirektor der erst drei Jahre alten Nationalen Anti-Doping-Agentur der Vereinigten Staaten (USADA), mit einem Statement in die Offensive gegangen, das einem Aufschrei der Empörung ähnelt.

          „Doping der übelsten Sorte“

          "Was wir aufgedeckt haben, das scheint Doping der übelsten Sorte zu sein." Ein Komplott mithin, an dem Chemiker, Trainer und diverse Athleten noch unbekannter Anzahl beteiligt seien, sagt Madden. "Diese Sache hat nicht im mindesten mit Athleten zu tun, die zufällig mal positiv getestet worden sind, als Ergebnis der Einnahme von kontaminierten Nahrungsergänzungsmitteln. Hier haben wir es mit knallharter Ware, mit anabolen Steroiden zu tun."

          Die bisher unbekannte, unbenannte und unter notorischen Betrügern wohl als unentdeckbar geltende Dopingsubstanz, die nach ihrer Analyse durch Don Catlin, den Leiter des vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditierten Labors in Los Angeles, den biochemischen Namen Tetrahydrogestrinone (THG) erhalten hat, ist während des vergangenen Sommers in den Urinproben amerikanischer Sportler aufgespürt worden. Aus den Quellen derer, die an den Untersuchungen der USADA beteiligt sind, verlautet, daß es sich um mindestens ein halbes Dutzend positiver A-Proben handelt, darunter angeblich auch die des amerikanischen Kugelstoß-Meisters Kevin Toth und des Baseball-Stars Barry Bonds von den San Francisco Giants.

          Große Namen, die vorerst nur gerüchteweise kursieren. Klarnamen will Madden mit Hinweis auf die Regeln noch nicht nennen. Erst wenn die B-Proben analysiert seien und ebenfalls positiv ausfielen, werde man weitersehen. Darüber könne es Dezember werden. Vorsichtshalber hat USADA seine bisherigen Erkenntnisse aber schon ans Justizministerium weitergegeben. Den internationalen Applaus für den wissenschaftlichen Fahndungserfolg und den sportpolitischen Zugriff haben die Amerikaner prompt zu hören bekommen. "Das ist eine ernste Warnung an die Betrüger", versicherte der Kanadier Richard Pound, der als Vorsitzender der Welt-Anti-Doping-Agentur in der jüngsten Vergangenheit keine guten Erfahrungen mit der amerikanischen Kooperationsbereitschaft gemacht hat; besondere Defizite beklagte man in der Leichtathletik. Aber, so räumte der Ungar Istvan Gyulai, Generalsekretär des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), ein: "Man hat die Initiative ergriffen. Auch die Amerikaner machen Fortschritte."

          Lobenswerte Indiskretion brachte die Lawine ins Rollen

          Selbst wenn sie hinterherhinken, wie der nationale IAAF-Mitgliedsverband der Vereinigten Staaten (USATF), der sich jahrelang gegen die Veröffentlichung von Namen positiv getesteter und unter fragwürdigen Umständen freigesprochener Athleten gesträubt hat. Nun stimmt auch USATF demonstrativ in den Chor der Lobsänger ein und fordert: "Chemiker, Trainer, Athleten, alle sollten für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen werden."

          Daß die Lawine überhaupt ins Rollen kam, ist einer lobenswerten Indiskretion, einer anonymen Information zu danken. Anfang Juni hatte ein "hochrangiger Leichtathletiktrainer" der USADA telefonisch mitgeteilt, viele amerikanische und nichtamerikanische Athleten bedienten sich einer neuen "unentdeckbaren" Droge. Zum Beweis schickte der Anrufer eine gebrauchte Spritze, in der noch Spuren des injizierten Mittels waren. Die Agentur gab das Corpus delicti umgehend an Catlin in Los Angeles weiter, der seine liebe Müh und Not damit hatte, die suspekte Substanz zu identifizieren: "Für uns war das die Nadel in einem Heuhaufen. Und wir sind nicht gerade unerfahren." Nach zwei Monaten hatte der Stoff seinen Namen, Catlin dehnte die Standardanalyse auf ein THG-Screening aus - und unterzog auf Veranlassung von USADA rund 350 Wettkampfproben von den amerikanischen Leichtathletik-Meisterschaften, 100 Trainingsproben der Leichtathleten und 100 weitere Testrückstände aus anderen Sportarten einer abermaligen Untersuchung. Mit dem jetzt bekannten Ergebnis.

          Die direkte Spur von THG, das natürlich noch nicht auf der internationalen Verbotsliste steht, führt zum Hersteller Bay Area Laboratory Co-Operative (BALCO) in Burlingame. Das kalifornische Unternehmen für die Produktion von Nahrungsergänzungsmitteln gehört Victor Conte; seine Kunden sind unter anderen die amerikanischen Sprinter Marion Jones, Tim Montgomery und Kelli White. Geschäftspartner von Victor Conte ist übrigens Brian Goldman, der New Yorker "Hausarzt" - der dopingverdächtigen Doppelweltmeisterin White aus Kalifornien, die angeblich unter Narkolepsie leidet. Dagegen hat ihr Goldman den aufmunternden Wirkstoff Modafinil verschrieben, auf den sie nach dem 100-Meter-Sieg in Paris positiv getestet wurde. Und den BALCO ebenfalls verarbeitet. Und der während der Nachuntersuchung nun auch bei anderen, nicht als schlafkrank bekannten Sportlern gefunden wurde. So schließt sich der Dopingkreis, irgendwie.

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