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Dopingprozeß : 16 Monate auf Bewährung für Trainer Springstein

Verurteilt: Thomas Springstein Bild: AP

Der ehemalige Leichtathletik-Trainer Thomas Springstein ist wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und Weitergabe von Dopingmitteln an Minderjährige zu einer sechzehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden.

          3 Min.

          Das Amtsgericht Magdeburg hat den Leichtathletiktrainer Thomas Springstein wegen Dopings der minderjährigen Hürdensprinterin Anne-Kathrin Elbe am Montag zu einem Jahr und vier Monaten Haft verurteilt. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Oberstaatsanwalt Wolfram Klein hatte, bevor er auf eine Haftstrafe von 18 Monaten plädierte, die Einstellung des Verfahrens in sieben weiteren Fällen beantragt sowie die Einstellung von Ermittlungen in weiteren Dopingfällen versprochen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Damit war die Beweisaufnahme am siebten Verhandlungstag nach fünfzehn Minuten beendet. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch. Sie wird voraussichtlich keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen. Springstein muß die Kosten des Verfahrens tragen und 150 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Er ist Trainer und Lebensgefährte der früheren Welt- und Europameisterin in der 4mal-400-Meter-Staffel, Grit Breuer.

          „Die absolute Spitze eines Eisberges“

          Der Trainer werde lediglich für eine einzige Tat - die Weitergabe des Testosteronproduktes Andriol an die damals 16 Jahre alte Leichtathletin Anne-Kathrin Elbe im Trainingslager in Zinnowitz - belangt, sagte Anklagevertreter Klein. „Aber das ist die absolute Spitze eines Eisberges“, fuhr er fort. „Der Angeklagte ist im wahrsten Sinne des Wortes als Dopingmitteldealer aufgetreten, und zwar über einen längeren Zeitraum.“ Strafmildernd berücksichtigte das Schöffengericht unter Vorsitz der Richterin Angelika Raue, daß der 47 Jahre alte Springstein bislang unbescholten gewesen war; strafschärfend war, daß er die Dopingmittel der Sportlerin gegenüber als Kreatin und Vitamine bezeichnet und damit deren Gefährlichkeit verschwiegen hatte.

          Thomas Springstein

          Springstein wurde nach dem Arzneimittelgesetz verurteilt, das für die Weitergabe von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport an Personen unter 18 Jahren eine Haft von mindestens einem Jahr vorschreibt. Das Gericht hielt diesen für einen besonders schweren Fall. Springstein war auch Trainer der Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe und in zwei Fälle von manipulierten Dopingproben und Arzneimittelmißbrauch verwickelt.

          Vier von 18 Zeugen der Anklage wurden gehört

          Die Hürdensprinterin Anne-Kathrin Elbe hatte einige Andriolkapseln aufgehoben, die sie 2003 von Springstein erhalten hatte. Im Jahr darauf vertraute sie sich Trainingspartnerinnen und einem Bundestrainer an. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) erstattete daraufhin Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Magdeburg, die sich zur Hausdurchsuchung entschloß. Mehrere Aktenordner mit Korrespondenz über Doping sowie zwanzig verschiedene Substanzen wurden beschlagnahmt, darunter Steroide, Insulin und Wachstumshormon. Doch das Ausmaß des Dopings und der Verbindungen Springsteins in einem Netzwerk aus Beratern und Dealern bleibt unklar. Lediglich vier von 18 Zeugen der Anklage wurden gehört.

          Klein bestätigte, daß ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen Springstein geführt werde. Darin gehe es um das Doping Erwachsener im Zeitraum von 1998 bis 2004. Akzeptiere der Trainer seine Verurteilung, werde dieses Verfahren eingestellt. Würde weiterermittelt, hatte er in seinem Plädoyer gedroht, würden Folgen von einiger Schwere für den Angeklagten dabei herauskommen. Am Montag verlas er einige Briefe und eine Bestellung Springsteins; neben den bisher bekanntgewordenen Medizinern Peraita und Nikkels aus Spanien und den Niederlanden war dabei auch von einem Niederländer namens „Jos“ die Rede, der Dopingmittel besorgen und verschicken sollte.

          „Seltsam und unbefriedigend“

          Das Urteil nannte Klein angemessen. Die Staatsanwaltschaft war aus Gründen der Prozeßökonomie, wie er betonte, daran interessiert, den Prozeß schnell zu beenden. Das Dopingproblem der Leichtathletik zu lösen sei nicht Aufgabe der Justiz. DLV-Präsident Clemens Prokop, Leiter des Amtsgerichts Kelheim, nannte das Verfahren „seltsam und unbefriedigend“ und bemängelte die unterbliebene Sachaufklärung.

          Rechtsanwalt Johann Schwenn bestätigte, daß sein Mandant zwar kein milderes Urteil erhalten habe, als die Staatsanwaltschaft vor Eröffnung des Hauptverfahrens mit einem Strafbefehl angeboten hatte, wohl aber ein besseres. Er meinte damit, daß die Forderung nach einem Geständnis Springsteins am Montag vom Tisch war. Die Staatsanwaltschaft befreite den Trainer damit aus dem Dilemma, Doping einzuräumen, obwohl er in einer eidesstattlichen Versicherung für verschiedene presserechtliche Auseinandersetzungen, auch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, behauptet hat, er habe von ihm als Trainer betreuten Sportlern und Sportlerinnen noch nie Mittel verabreicht oder besorgt, deren Einnahme verboten ist.

          Streit um eidesstattliche Versicherung

          Just dafür ist er nun verurteilt worden. Springstein unterzeichnete die eidesstattliche Versicherung am 6. Oktober 2004 in Zislow, dem Sitz der Kanzlei seines Rechtsanwaltes Peter-Michael Diestel. Er tat dies gut eine Woche nach der Durchsuchung des Hauses in Gerwisch, das er gemeinsam mit Grit Breuer bewohnt.

          Man könne einem Angeklagten, der schweigt, nicht Mängel in der juristischen Beratung vorwerfen, sagte Oberstaatsanwalt Klein. Er griff aber Diestel an, der darüber informiert gewesen sei, welche Beweismittel Springstein belasteten. „Wer in Kenntnis dieser Dinge eine eidesstattliche Versicherung seines Mandanten einreicht, der nimmt zumindest billigend in Kauf, daß sein Mandant eine falsche Versicherung an Eides Statt abgibt“, sagte Klein. Er kündigte an, die Prozeßakten der Pressekammer in Hamburg zu übersenden. Er hege einen Anfangsverdacht gegen Springstein. Diestel sagte dazu später: „Dieser Anwurf ist so aberwitzig, daß ich ihn nicht öffentlich kommentieren möchte.“ Diestels Kanzlei vertritt Grit Breuer gegenüber dem Welt-Leichtathletikverband IAAF in der Forderung nach Schadensersatz für eine Dopingsperre. Der Rechtsfrieden und die Interessen Dritter und Vierter seien zu berücksichtigen, sagte Diestel. Er werde versuchen, seinem Mandanten das Urteil schmackhaft zu machen.

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