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Streit um Doping-Opfer-Hilfe : Sind Opfer Versager?

Gegen Freybergers These von der Übertragbarkeit von Schädigungen wenden sich die Blackbox-Autoren auch mit der Behauptung: „Wissenschaftler von internationalem Renommee, die seit Jahrzehnten zu Dopingfolgen forschen, bestreiten zudem ausdrücklich – auch in gültigen, toxikologischen Gutachten – die Behauptung, gesundheitliche Dopingschäden seien genetisch, das heißt per DNA (und damit über Generationen) auch an eine zweite Generation Dopingopfer vererbbar.“ Sie benennen weder die Wissenschaftler noch zitieren sie deren Gutachten.

Aber sie werfen der Doping-Opferhilfe und insbesondere der im Dezember vom Vorsitz zurückgetretenen Ines Geipel vor, die Opferzahlen aus politischem und wirtschaftlichem Eigennutz zu übertreiben. 15.000 potentiell Anspruchsberechtigte? Das bedeute: „Jeder, der in der DDR Leistungssport trieb, wurde gedopt und ist heute anspruchsberechtigt. Indem die DOH-Chefin diese Behauptung als Grundannahme wiederholt, öffnet sie Geschichtsklitterung und Trittbrettfahrern Tür und Tor, die ebenfalls von der geringen Ablehnungsquote des Bundesverwaltungsamts profitieren wollen.“

Franke und Mitstreiter schreiben unter Hinweis auf „historische und wissenschaftliche Quellen“ von circa 10.000 Leistungssportlern im Doping-System zwischen 1973 und 1989. Die Autoren erwähnen nicht, dass lange vor dem 1974 vom Zentralkomitee der SED beschlossenen Staatsplan 14.25 zur Zentralisierung des Dopings verbotene und gesundheitsschädigende Mittel zur Leistungssteigerung eingesetzt wurden. „So stellte der Pharmabetrieb (VEB Jenapharm/d. Red.) seit den 1960er Jahren neben den sogenannten ,unterstützenden Mitteln‘ für den Sport auch Medikamente zur Verschleierung des Dopings her“, schreibt Klaus Latzel in „Doping und die pharmazeutische Industrie der DDR“. Bei den Olympischen Spielen von Mexiko 1968 wurde dies offensichtlich. Und außerdem manipulierten nach der Verstaatlichung des Dopings Trainer und Mediziner auch auf eigene Faust: „Mir wurde der Fall M.B. bekannt“, gab Höppner bei seiner Vernehmung am 21. Mai 1996 zu Protokoll: „Bei der Olympiade 1976 musste ich sie wegen eines fieberhaften Infektes behandeln. Dabei stellte ich bei ihre Virisilierungserscheinungen fest, nämlich eine extreme Behaarung. Sie war damals, meine ich, 18 Jahre alt. Ich war damals der Ansicht, dass diese Erscheinung auf einen verstärkten, nicht genehmigten Einsatz von Anabolika beruhen könnte.“

Auch die Behauptung, nur aussichtsreiche Kader seien ins Programm aufgenommen worden, stimmt offenbar nicht. Ein ehemaliger Leichtathlet schilderte der F.A.Z. im vergangenen Dezember, dass er nach einem Disziplin-Wechsel keine Chance gehabt habe auf eine internationale Karriere: Trotzdem habe er Anabolika erhalten. Die Schätzung, 15 000 Athleten seien zu DDR-Zeiten gedopt gewesen, erscheint vor diesem Hintergrund weder als Hirngespinst noch als Anstoß zur „Geschichtsklitterung“.

Im Zuge der wissenschaftlichen Aufarbeitung des DDR-Dopings haben anerkannte Forscher wie der Berliner Historiker Giselher Spitzer den Zwangs-Charakter des DDR-Doping-System und die flächendeckende Verbreitung von Doping auf Anordnung der Staats-Führung festgestellt und anhand der Quellenlage belegt: In den Staatsplan-Protokollen ist etwa von „Turnerinnen, Fechtern und Schützen“ zu lesen, die in acht Versuchsreihen die nur als Laborchemikalie zugelassene Substanz P erhielten. „Substanz P. in der Doping-Kontrolle bisher nicht erfaßt!“, frohlockte das Drogen-Kollektiv, wie der „Spiegel“ 1992 berichtete. Die Blackbox-Autoren bestreiten das.

Franke und Misersky aber wussten schon als Gründungsmitglieder, was gelaufen war. Sie standen bis zur ihren Attacken für die Satzung des DOH. Demnach ist das „zentrale Anliegen“ des Vereins, „jede nur erdenkliche ideelle, informelle sowie in Akutfällen finanzielle Hilfe“ zukommen zu lassen. Und zwar „zuerst den Opfern des organisierten Zwangsdopings der ehemaligen DDR“. Wie Recht sie hatten, erzählte Uwe Trömer als einer von vielen Zeugen: „Doping war Geheimsache, da wurde nicht aufgeklärt. Und eine freie Wahl hatte der Athlet auch nicht.“

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