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Streit um Doping-Opfer-Hilfe : Sind Opfer Versager?

Als Quelle dient ihnen laut eigener Darstellung ein Bericht der F.A.Z.  von einer Veranstaltung im Oktober 2017 in Schwerin. Darin heißt es: „Freyberger vertritt die These, dass gedopte Athleten einer vorzeitigen Zellalterung unterliegen, die alle Körpersysteme betreffe und deshalb, vergleichbar mit den Folgen langjähriger Haft oder dem Aufenthalt im Konzentrationslager, zu einem erhöhten Erkrankungs- und Mortalitätsriskio führe.“ Er gibt keinerlei Hinweis darauf, dass Freyberger Massenmord und Genozid der Nationalsozialisten dadurch verharmloste, dass er Konzentrationslager mit dem Staatssport der DDR gleichsetzte, wie Franke et al insinuieren. Freyberger kann sich nicht mehr dagegen wehren.

Der Mediziner war ein Experte für das Leid der Betroffenen. Bis zu seinem überraschenden Tod war Freyberger Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald im Helios-Hanseklinikum Stralsund. Er forschte und publizierte über die Traumata von Überlebenden der Konzentrationslager der Nazis, von Betroffenen von Zersetzungskampagnen des Staatssicherheitsdienstes der DDR und von Kriegsflüchtlingen. Erst vor wenigen Jahren ließ er sich, ehemaliger Läufer und Sport-Begeisterter, auf die Forschung über ehemalige DDR-Spitzensportler ein.

In der Broschüre „Staatsdoping in der DDR“, herausgegeben von der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, schreibt er: „Vollkommen unzureichend wurde bisher untersucht, welche Folgen derartige komplexe Erfahrungen (Hormon-Doping und dessen Folgen, d. Red.) für die Kinder der Betroffenen haben. Aus Untersuchungen anderer Betroffenengruppen, die ein vergleichbares Lebensschicksal erlitten haben, wissen wir aber, das die sog. Transgenerationale Traumatransmission zur Weitergabe bestimmter körperlicher und psychischer Symptome in die nächste Generation führt und erhebliche Lebens- und Krankheitsrisiken mit sich bringen kann. Dabei handelt es sich nicht nur um psychologische und soziale, sondern auch um genetische Risikoübertragungen.

Obwohl bisher in diesem Themenbereich empirische Untersuchungen ausstehen, ist vor dem Hintergrund der Befunde anderer Betroffenengruppen davon auszugehen, dass zumindest 25% der Kinder gesundheitliche Schäden davongetragen haben.“ Ein substantieller Anteil von minderjährigen Sportlerinnen und Sportlern sei Opfer gewalttätiger und/oder sexueller Übergriffe geworden. Daraus resultiere posttraumatische Belastungsstörung. Unangemessene Betreuung in Sportinternaten habe darüber hinaus bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen zu einer emotionalen Vernachlässigung geführt mit nachhaltiger Prägung für das spätere Leben.

Vorwurf der Übertreibung

Diese Beschreibung deckt sich mit der Erfahrung der Doping-Opferhilfe. „Wenn wir als Verein die konkreten Geschichten Revue passieren lassen, geht es um achtjährige Turnerinnen, um zwölfjährige Schwimmerinnen, um siebzehn- oder auch zwanzigjährige Leichtathleten“, beschrieb Ines Geipel diese im Oktober im Interview mit der F.A.Z.. „Es geht um Chemie, Druck, Abhängigkeiten, Gewalt, Missbrauch, vorenthaltenes Wissen. Sie leiden unter so schwerwiegenden Folgen, dass wir das der Gesellschaft offenbar nur schwer vermitteln können. Die Kluft zwischen dem, was wir in unserer Beratungsstelle täglich erfahren, und dem öffentlichen Bild vom Sport ist nicht zu überbrücken.“

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