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Streit um Doping-Opfer-Hilfe : Sind Opfer Versager?

Die vier Experten zum Thema Doping gehen nicht darauf ein, dass dem DDR-Spitzensport ein Zwangssystems innewohnte, der Sport hierarchisch organisiert und Doping, so es vom Apparat angeordnet war, von der Staatssicherheit überwacht wurde. Vom Druck, dem Kinder und Jugendliche in der Leistungsmaschinerie des DDR-Sports ausgesetzt waren, von den Ansprüchen der Trainer und Funktionäre gegenüber den Athleten sowie von all den angeordneten, in den Stasi-Akten dokumentierten und von Zeugen beschriebenen Täuschungen ist nichts zu lesen: Doping-Mittel, zur Kaschierung „UM“, „Unterstützende Mittel“ genannt, wurden auch als Vitamin-Präparate ausgeben oder in Süßigkeiten versteckt. Wie überhaupt Pillen, vom Staatsunternehmen Jenapharm eigens für Doping-Zwecke produziert, nicht in der Produktionspackung samt Beipackzettel verteilt wurden, sondern zum Beispiel das Anabolikum Oral-Turinabol von der Hand des Trainers teils in den Mund der Kinder wanderte.

Haben Athleten wie Uwe Trömer, der als Radrennfahrer nach eigener Darstellung in den Graben kippte und im Krankenhaus beinahe gestorben wäre an beiderseitigem Nierenversagen nach Doping-Mittelvergabe, also gelogen? „Sie sagten uns, nehmt mal, das sind Vitamine“, schilderte Trömer das Prozedere der F.A.Z.: „Die Pillen lagen zu den Mahlzeiten auf dem Teller.“ Stasi-Akten, Zeugenaussagen und die vom Geheimdienst überwachte Anordnung, die Manipulation so geheim wie möglich zu halten, sprechen für seine Version und die vergleichbar vieler anderer. 1991 schreibt der Spiegel, stets in bestem Kontakt zu Prof. Franke: „So berichtete eine Kanutin, daß ihr unbekannte Doping-Mittel eingetrichtert wurden, obwohl der Magen rebellierte und ihr Hormonhaushalt so sehr durcheinander geriet, daß die Regel ausblieb. Das Mädchen wurde von Medizinern und Trainern derart eingeschüchtert, daß es selbst nach Karriereende nicht wagte, die Leiden ihrer Mutter anzuvertrauen...“

In der Kritik: Professor Werner Franke.

Selbst Henner Misersky, Co-Autor der Anklage, hat offensichtlich mal eine andere Sicht gehabt als nun behauptet. Er war Langlauf-Trainer in der DDR, weigerte sich, Doping-Mittel an seine Athletinnen zu verteilen oder verteilen zu lassen und wurde laut eigenen Angaben „gefeuert“. Im September 2010 wird er in einem Artikel der „Zeit“ („Wenn Geschichte verfälscht wird“) so zitiert: „’1985 gab es dann aber ein neues Verbandsprogramm im Skilanglauf: Wie im Rudern und im Kanu sollten auch bei den Nachwuchssportlern Dopingmittel eingesetzt werden’, sagt Misersky. (...) ,Später habe ich erfahren, dass die Mittel aufgrund des Widerstandes der Läuferinnen schließlich ohne deren Wissen zugeführt werden sollten.’“

Was wussten erwachsene Athleten?

Nur wenige DDR-Athleten wurden von ihren Eltern oder ihren Trainern vor Doping geschützt. Das Internatsystem, die Delegierung an eine der Kinder- und Jugendsportschulen, spielte dabei eine große Rolle. „Ärzte, Trainer, Betreuer waren für mich wie Elternersatz“, erinnerte sich Trömer. „Ich hatte Vertrauen (...) Mein Vater würde mir doch nichts geben, was für mich schädlich ist.“ Eltern, die ihre Kinder zu schützen vermochten, gerieten in einen inneren Konflikt: ihre Sprösslinge durften nicht mehr mitmachen. Im Dossier des Quartetts, „Blackbox DOH“ genannt, heißt es nun: „Wer gedopt wurde, kann (...) nur Opfer sein? (...) Waren all diese Sportler unwissend und gezwungen, diesen Plan zu erfüllen? Mitzumachen? Ein Hohn für jene, die standhaft und konsequent blieben.“ Wie Misersky. Eine Kapitelüberschrift lautet: „Eigenverantwortung lässt sich nicht outsourcen“. Und in der kürzeren der beiden „Blackbox“-Versionen erzählt Misersky: „Auch weil der Vater und ein weiterer Trainerkollege mit seinen Athletinnen über Risiken und Nebenwirkungen des Hormondopings sprachen, wurde deutlich, dass deren Eltern weniger zimperlich waren: Sie haben alles mitgemacht, geduldet im vollen Bewusstsein dessen, was passieren könnte. Keine hat aufgehört, außer unserer Tochter.“

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