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Doping-Kommentar : Ungestrafte russische Sünden

  • -Aktualisiert am

Die Strafen für Doping-Manipulationen dürften gering ausfallen. Bild: AP

Was passiert eigentlich jetzt mit den hunderten Athleten aus Russland, deren Doping-Tests manipuliert wurden? Gar nichts. Nein, das ist kein schlechter Scherz.

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          Die Aufregung war groß am Mittwoch: Russland gibt systematisches Doping zu. Auch für das Dementi gab es noch Platz in den Weltnachrichten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Leiterin der russischen Anti-Doping-Agentur irgendetwas eingeräumt hat oder ihre Aussage aus dem Zusammenhang gerissen worden sein soll.

          Die Fakten sind längst bekannt, fein säuberlich aufgeschrieben im zweiten Report des kanadischen Richters McLaren. Selbst der so vorsichtige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, sprach von „Beweisen“. Nun wartet die Welt auf Konsequenzen. Was passiert den 635 der rund 1000 manipulierten russischen Athleten, deren Daten McLaren an internationale Fachverbände weiterreichte? Gar nichts.

          Nein, das ist kein schlechter Scherz, sondern eine realistische Einschätzung der Rechtslage. Bei den Winterspielen in Sotschi sind Doping-Behälter mit den Proben unter Mithilfe des Geheimdienstes geöffnet und die Flüssigkeiten getauscht worden. Dabei kamen kuriose Dinge heraus. Zwei Eishockey-Spielerinnen waren demnach Männer - zumindest fand sich im Urin entsprechende DNA. Aber keine Spuren (mehr) von einer im Sport verbotenen Substanz.

          Ergo: Es gibt nach Lage der Dinge keinen positiven Test etwa im Fall des Langlauf-Olympiasiegers Legkow. Der aber ist eine evidente Voraussetzung für eine Verurteilung durch ein Sportgericht, wo zwar die Umkehr der Beweislast gilt - der Athlet muss einwandfrei belegen, dass er nicht für die positive Probe verantwortlich sein kann; aber ohne Doping-Spuren wird es dem Richter schwerfallen, einen Verdächtigen aus dem Verkehr zu ziehen. Zumal so ein Goldläufer noch behaupten wird, seine Probe wäre negativ ausgefallen, wenn sie nicht von einer ihm unbekannten Macht und natürlich ohne sein Wissen manipuliert worden wäre.

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          Sportler können nach der Kontrolle nicht für den weiteren Umgang mit dem Beweismittel verantwortlich gemacht werden. Vor diesem Hintergrund haben Legkow und sein Langlauf-Kollege Below über ihren deutschen Anwalt einen Antrag auf Aufhebung ihrer vorläufigen Sperre durch den Internationalen Ski-Verband FIS gestellt. Sie wollen zum ersten Lauf der Tour de Ski an Silvester antreten.

          Ihre Chancen, auf Dauer laufengelassen zu werden, sind gut. Es sei denn, es gäbe Belege für eine Beteiligung, Dokumente oder Zeugenaussagen. Aber wird sich der einzige Kronzeuge, der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregorij Rodschenkow, an jeden der 635 Fälle glaubhaft erinnern können? Oder glaubt jemand, aus der Tiefe des russischen Winters tauche plötzlich ein weiterer Zeuge auf?

          Ein durchsichtiges Manöver des IOC

          Was mit Whistleblowern passiert, die zur Aufdeckung von Manipulationssystemen beitragen, hat der Sport jüngst wieder vorexerziert: Dem Internationalen Olympischen Komitee erschien Julija Stepanowa, sie dokumentierte als Kronzeugin das Doping der russischen Leichtathletik, nicht mehr würdig genug für einen Startplatz bei den Sommerspielen in Rio. Whistleblower werden in der Regel als Verräter isoliert, gemobbt, ausgestoßen aus dem Kreis der Sportfamilie - in demokratischen Staaten. Was in autokratisch geführten Ländern nach den wüsten Beschimpfungen noch passiert, weiß man nicht. Weil sich offenbar niemand traut, die Wahrheit zu sagen.

          Von McLarens Aufklärung könnte also dies übrig bleiben: Es gab ein Staatsdoping in Russland, aber konkret bestraft wird kaum jemand. Dann dürfte sich das IOC bestätigt fühlen. Es hatte aus formalen Gründen eine Startsperre für Russland bei den Sommerspielen abgelehnt und eine Einzelfallprüfung an die Fachverbände delegiert. Ein durchsichtiges Manöver. Es diente von vornherein dazu, Doping zu individualisieren und den russischen Staat zu schützen. Dessen Einfluss auf die Sportgeschäfte ist zu groß.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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