https://www.faz.net/-gu9-a33tk

Wada-Präsident Banka : Der Athlet, der den Amerikanern droht

Wada-Präsident Witold Banka Bild: Reuters

Muss die Wada eine Reform anstrengen? Nach der Ankündigung der Vereinigten Staaten, der Anti-Doping-Agentur die Mittel zu streichen, geht deren Präsident in die Offensive. Eigentlich will er eine andere Botschaft vermitteln.

          3 Min.

          Was ist ein Sportminister, der in eines der wichtigsten Ämter des internationalen Sports wechselt? Witold Banka, drei Jahre und 364 Tage Minister für Sport und Tourismus der Republik Polen, seit dem 1. Januar 2020 Präsident der Welt-Anti-Doping Agentur Wada, hat die Antwort in einem offenen Brief an „meine lieben Mitathleten“ formuliert: „Ich sehe mich als unabhängiger Athlet.“

          Unabhängiger Athlet? Banka, als Leichtathlet einst Studenten-Weltmeister in der 400-Meter-Staffel, ist als Repräsentant der Regierungen ins Wada-Amt gekommen. Aber er geriert sich als einer, der noch mal die Spikes überziehen könnte. Er ist nicht der einzige eminente Funktionär, der klingt, als wollte er sich jeden Moment aus Anzug und Krawatte schälen, um wieder seiner wahren Bestimmung zu folgen, ob nun in Spikes oder auf der Planche. Die englische Anrede „my dear fellow athletes“ benutzt auch Thomas Bach, vor 44 Jahren Fecht-Olympiasieger geworden, wenn er sich, wie im März bei der Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio, als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, an Sportlerinnen und Sportler wendet – als lege er das Florett erst aus der Hand, wenn diese zum Redemanuskript greift.

          Drohung von den Amerikanern

          Der Stereoklang aus der olympischen Funktionärswelt ist kein Zufall. Im November 2019 in Kattowitz, Banka stellte sich als kommender Präsident auf dem Wada-Kongress vor, war es Bach, der damit drohte, den amerikanischen Sport ins Schach zu stellen, indem man die Doping-Bekämpfung der Vereinigten Staaten als „non-compliant“, nicht regelkonform, erklärt. Nun ist es Banka, der ankündigt, die Wada-Exekutive werde sich in der kommenden Woche mit dieser Frage befassen müssen: ob angesichts der amerikanischen Drohung, der Wada die Finanzzuschüsse zu streichen, nicht die Regeln geändert werden müssten, um die Amerikaner in die Schranken zu weisen. „Wir werden uns die Regeln anschauen und prüfen, ob sie geschärft werden müssen“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Polen.

          F.A.Z.-Newsletter für Deutschland

          Jeden Morgen ordnen unsere Redakteure die wichtigsten Themen des Tages ein. Relevant, aktuell und unterhaltsam.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Bei Banka und Bach, in Wada und IOC, ist die Sorge zum einen angesichts der legislativen Entwicklung des „Rodchenkov Acts“ im Kongress in Washington groß. Das Gesetz soll Doping internationaler Sportler bei Wettkämpfen mit amerikanischen Athleten kriminalisieren. Flankiert wird es von der Drohung der amerikanischen Regierung, die Überweisungen an die Wada zu stoppen – 2020 sind das über 2,7 Millionen Dollar bei einem Wada-Budget von 37,4 Millionen Dollar, das zur Hälfte vom IOC bestritten wird. Drittens sind da all jene Sportlerinnen und Sportler, die mit dem Selbstverständnis derjenigen, die angeben, sie zu vertreten, wenig anfangen können. Nicht nur die Funktionäre Bach und Banka sehen sich als Athleten unter Athleten, auch die Athletenkommission des IOC wird von einer Ministerin geführt: Kirsty Coventry aus Zimbabwe, einst Schwimmerin. Das ruft Willen zur Selbstbehauptung hervor, die im Verein Athleten Deutschland zum Ausdruck vor, aber auch in Initiativen wie „Global Athlete“, die vom früheren stellvertretenden Wada-Direktor Rob Koehler und dem britischen Bahnrad-Olympiasieger Callum Skinner geführt wird. Sie meint Banka, wenn er in seinem Brief die Transparenz der Wada betont und zum Angriff übergeht: „Ich erwarte, dass sie ihre Statuten öffentlich machen. Dass sie der Welt sagen, wer sie finanziert und wer ihnen angehört. Ich bin sicher, die Athletengemeinschaft wüsste es auch gern.“ Und so steckt auch das hinter dem Gruß an die „lieben Mitathleten“ – die Botschaft, dass doch die Funktionäre selbst das Sportlerwohl bestens im Blick haben.

          Kritik aus den eigenen Reihen

          Doch Bankas Offensive ist nicht allein Reaktion auf amerikanische Interessenpolitik und den Separatismus eigensinniger Sportler, sondern auch auf anhaltende Kritik aus den eigenen Reihen. Am Donnerstag forderten 17 Anti-Doping-Organisationen (Nado), darunter die der Vereinigten Staaten, die aus Bachs Heimat Deutschland und die aus Bankas Heimat Polen, die Wada möge „sinnhaltige Anti-Doping-Reformen vertiefen und beschleunigen“. Bereits vor vier Jahren, als das IOC, die Sportverbände, die Wada und das Internationale Sportschiedsgericht trotz des staatlichen Dopings russischen Sportlern die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro ermöglicht hatten, forderten diese 17 weitreichende Reformen. Nun eröffnete Banka ihr Online-Treffen mit einem Grußwort. Trotzdem beklagte die Gruppe anschließend, die Forderung nach „mehr Autonomie der Wada, verbesserter Führung und Transparenz, mehr Unterstützung und Schutz für Whistleblower, mehr Unterstützung für Ermittlungen und adäquate Sanktionsmöglichkeiten“ sei nach wie vor nicht umgesetzt. Zudem gefährde die Absetzung von Juri Ganus, dem Chef der russischen Anti-Doping-Agentur, die Fortschritte der vergangenen Jahre mit Blick auf Russland.

          Also schrieb Banka den „lieben Mitathleten“ in seinem offenen Brief, die Wada habe im Laufe der Jahre „Fehler natürlich nicht vermeiden können. Nur diejenigen, die nichts tun, machen keine Fehler.“ Mit Blick auf Russland lässt sich festhalten: Der Fehler der Wada war – über Jahre nichts zu tun.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.