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Vorwürfe gegen Oregon Project : Ein schrecklicher Albtraum

Ehemals als „Wunderläuferin“ bezeichnet: Mary Cain, hier 2016 in Des Moines Bild: AP

Mary Cain sieht sich als Missbrauchsopfer eines Systems, in dem sich Männer junger Frauen bemächtigen, um sich selbst zu profilieren. Doch auch mit mehr Frauen in Machtpositionen würde diese Skrupellosigkeit wohl nicht enden. Das Problem ist vielschichtig.

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          Mary Cain war 16 Jahre alt, als sie einen Anruf bekam. Sie war Alberto Salazar aufgefallen: „Der berühmteste Trainer der Leichtathletik rief an und sagte mir, ich sei das schnellste Mädchen, das er je gesehen habe.“ So erzählte es Mary Cain, inzwischen 23, der „New York Times“. Und auch wenn Salazar, jüngst von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur für vier Jahre gesperrt, alles bestreitet, was seine einstige Athletin über ihn und seine Methoden sagt – da wird er kaum widersprechen.

          Mary Cain trainierte fortan bei Salazar und Nike in Oregon. Es wurde ihr Albtraum. Ihre Trainer, allesamt Männer, hätten ihr aufgetragen, dünner und dünner und dünner zu werden. Drei Jahre sei ihre Periode ausgeblieben, auf Grund des Östrogenmangels habe sie fünf Knochenbrüche erlitten. Schließlich habe sie begonnen, sich selbst zu verletzen. Sie sei missbraucht worden, physisch und emotional.

          Mehr Mut, mehr Frauen

          Cain sagt von sich, sie sei Opfer eines Systems, in dem Männer sich junger Frauen bemächtigten, um sich über deren Leistungen zu profilieren. Sie wünsche sich, abseits der Aufarbeitung der Doping-Anschuldigungen gegen Salazar und der Abwicklung von Nikes Oregon Project, mehr Ernährungsberaterinnen, Psychologinnen, Trainerinnen. Wie gesagt, Salazar bestreitet das alles. Was gewiss stimmt: Mehr Mut. Mehr Frauen. Es wäre ein Anfang.

          Aber nicht immer die Lösung, wie sich zeigt, wenn man, zum Beispiel, den Globus ein wenig dreht. Und sich anschaut, wie russische Teenagerinnen aus dem Eiskunstlauf eine Artistikshow machen. Immer mehr, immer höher. Und immer jünger. Anna Schtscherbakowa, 15 Jahre alt, sprang jüngst als erste zwei Vierfach-Lutz-Sprünge in einer Kür. Zumeist kommen die Sprungwunder aus der Moskauer Schule von Eteri Tutberidse, die sich rühmt, kein Mitleid mit ihren Sportlerinnen zu kennen.

          Wie sagte es die damalige Weltmeisterin Jewgenija Medwedewa bei den Olympischen Spielen vorvergangenen Winter? „Wenn wir auf das Eis kommen, ist es Sport. Echter Sport. Sport ist Krieg.“ Ein Vierteljahr später verabschiedete sie sich von ihrer Trainerin Tutberidse und ging zum Kanadier Brian Orser. Demnächst wird sie 20 Jahre alt – und ist vier, fünf Jahre älter als die Konkurrentinnen aus Moskau, die immer neue Rekorde setzen.

          Noch nicht mal zwanzig, doch langsam aber sicher zu alt? Es ist eiskalt unter den Kufen. Ohne die bewusste Bereitschaft zum Zynismus lässt sich das kaum ertragen: Goldmedaillen werden für Skrupellosigkeit verteilt, im Eiskunstlaufen und anderswo. Es fehlt nicht nur der Mut, das zu ändern. Aber auch.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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