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Video-Protest von Harting : Zerstörte Kindheitsträume

Mit kleiner Geste und großem Gefühl illustrieren sie das Unwohlsein über immer neu aufkommende Verdächtigungen. Bild: dpa

Das Versagen der Verbände protokollieren Robert Harting, Julia Fischer und Co. in Schwarzweiß und ohne Musik. Mit kleiner Geste und großem Gefühl illustrieren sie das Unwohlsein über neue Vermutungen und Verdächtigungen.

          Der kleine Film hat die emotionale Durchschlagskraft eines Musikvideos: In weniger als achtzig Sekunden entziehen Diskus-Olympiasieger Robert Harting und eine Handvoll weiterer Leichtathleten ihrem Weltverband das Vertrauen. „Du hast meine Kindheitsträume zerstört“, wirft Diskuswerferin Julia Fischer der von Doping- und Manipulationsvorwürfen umtosten IAAF vor. „Geld ist dir wichtiger als die Athleten“, stellt die Hammerwerferin Kathrin Klaas fest. „Ich habe eine weiße Weste“, sagt herausfordernd der amerikanische Kugelstoßer Eric Werskey. „Und du?“ Der ehemalige Geher André Höhne erinnert daran, dass er in ungezählten Rennen gedopten Konkurrenten unterlag: „Ich bin ein Opfer.“ Mittelstreckenläufer Robin Schembera fordert: „Ich will gegen saubere Athleten laufen, nicht gegen Monster.“ Und Harting konstatiert: „Du hast verraten, woran ich glaube.“

          Die Aufnahmen in Schwarzweiß und ohne Musik sind in ihrer Schlichtheit so spektakulär, dass sie sich seit Sonntag in rasender Geschwindigkeit im Internet verbreiten. Mit kleiner Geste und großem Gefühl illustrieren sie das Unwohlsein, das immer neue Vermutungen und Verdächtigungen über den Zustand der Leichtathletik und des Verbandes hervorrufen.

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          Leichtathleten sind nicht die einzigen, die mit allem Recht der Welt von ihrem Verband Ehrlichkeit, Integrität und Transparenz einfordern können. Schwimmer sollen nach ernst zu nehmenden Vermutungen ihre Weltmeisterschaft gerade in einem Sumpf aus Machenschaften und Doping hinter sich gebracht haben. Fast könnte man Sympathie für den Vorschlag von Henning Lambertz entwickeln, diejenigen, die in einem Jahr als Olympiasieger aus dieser Brühe auftauchen, mit einer Million Dollar oder Euro zu belohnen. Das wäre ein Anreiz, sagt der Schwimm-Bundestrainer, und es wäre ein Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung. Da hat er Recht, doch das ist Gefühlssache.

          Ob das Internationale Olympische Komitee, der Bundesinnenminister oder ein privater Sponsor die Prämie auslobte: Sie dürfte nur als Rente ausgezahlt werden. Wer wollte anders die Wirksamkeit von nachträglichen Doping-Analysen garantieren, wer wollte Athleten zumuten, Jahre nachdem sie von Dopern um Sieg und Siegerehrung betrogen wurden, auch noch ihrem Geld hinterherlaufen zu müssen? Noch verheerender wäre das Signal: Nur der Sieg zählt und nichts als der Sieg, um jeden Preis. Sollen Athleten in einem Weltverband, der Doper begünstigt, in einem Sport, der Skrupellosigkeit belohnt und - da sind wir nicht mehr allein beim Schwimmen - dazu verlockt werden, Ruf und Gesundheit für einen Jackpot aufs Spiel zu setzen? Nachdem man sie zu ihrer Kinderzeit mit dem Geist Olympias verzaubert hatte.

          Die historische Erfahrung in Deutschland lehrt, dass Doping zum System gehört und gedopte Athleten nicht schwarze Schafe sind, sondern Sündenböcke der Scheinheiligkeit. Verbände haben die Pflicht, ihren Athleten große und harte Wettkämpfe abzuverlangen. Und sie haben die Pflicht, sie und ihre Jugendträume zu schützen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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