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Amerika gegen Russland : Der Kalte Krieg ist zurück im Sport

Die amerikanische Regierung ließ durchblicken, dass diese Besetzung ein Statement sei gegen das damals frisch verabschiedete russische Gesetz, das „homosexuelle Propaganda“ vor Kindern verbietet. „Ich habe keine Nachsicht mit Ländern, die versuchen, schwule oder lesbische oder transsexuelle Personen auf eine Art zu behandeln, die sie einschüchtert oder verletzt“, ließ Obama verlauten. Dass inzwischen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten Homosexuelle unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit per Gesetz diskriminiert werden dürfen, ist eine bittere Pointe. Putin mag die Provokation genervt haben. Aber eigentlich war er mit seinen Gedanken sicher woanders. Wie erst im vergangenen Jahr bekanntwurde, ordnete er schon in der Nacht vor der olympischen Schlussfeier am 23. Februar 2014 die geheime Krim-Annexion an. „Wir beendeten die Sitzung etwa um sieben Uhr morgens“, sagte er in einem Trailer, den der Staatssender Rossija 1 für eine Dokumentation ausstrahlte. „Als wir uns trennten, sagte ich zu meinen Kollegen: ,Wir sind gezwungen, die Arbeit an der Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands zu beginnen.‘“

Das ist viel kaputtgegangen: Die Folgen von Sotschi 2014 wirken nach.

Ein paar Stunden später sprach der ahnungslose IOC-Präsident Thomas Bach gegenüber den russischen Olympia-Helfern die feierlichen Worte, in ihnen zeige sich „das Gesicht des neuen Russlands: effizient und freundlich, patriotisch und offen für die Welt“. Als Bach einige Monate zuvor in Buenos Aires zum Präsidenten des IOC gewählt worden war, gratulierte ihm Putin umgehend am Telefon. Heute weiß man: Es war eine vergiftete Nähe zu dem mächtigen Mann. Er brach nicht nur als Gastgeber den Olympischen Frieden. Er versteckte hinter Olympia seine Aggression gegen die Ukraine. Und er duldete, sollten die Anschuldigungen Rodschenkows sich als richtig erweisen, während der Spiele in Sotschi einen in seiner kriminellen Energie einzigartigen staatlich gelenkten Doping-Betrug.

Aber es stimmt ja: Wenn es um Doping geht, sollten die Vereinigten Staaten nicht nur anklagend nach Russland schauen, sondern sich auch mit den eigenen Athleten befassen. Nehmen wir zum Beispiel ihren prominentesten Doper, den einst siebenmaligen Gewinner der Tour de France, Lance Armstrong. Die gegen Ausländer so aggressive Justiz erwies sich in seinem Fall als zahnlos. Die Staatsanwaltschaft von Los Angeles ermittelte zwar zwei Jahre lang wegen Kriminalität im Zusammenhang mit Doping. Sogar eine Grand Jury wurde einberufen. Aber plötzlich wurde das Verfahren auf mysteriöse Weise eingestellt. Acht Monate später, im Oktober 2012, legte die amerikanische Anti-Doping-Behörde minutiöse Beweise für die Doping-Praxis des Radrennfahrers vor. Drei Monate später bekannte er sich in der Oprah-Winfrey-Show schuldig. Whistleblower Rodschenkow hat im Übrigen in seiner neuen Heimat bereits einen Job gefunden. Der Chemiker, der sich selbst als Kopf des russischen Betrugssystems bezeichnete, arbeitet jetzt in Santa Rosa bei Los Angeles als Angestellter der Firma Redwood Toxicology.

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Einen guten Doper kann man halt immer gebrauchen - Redwood bietet auf privater Basis Steroid-Tests an. Wozu das dient? Der deutsche Doping-Fahnder Werner Franke beschrieb der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon 2005 den Zusammenhang: „Die eigentlichen Täter, die Profis, werden von Leitstellen beraten und geführt. Im Osten sind das staatliche, im Westen kommerzielle Netzwerke.“ Im Westen prüfen also private Unternehmen, ob ein Sportler trotz Dopings unbesorgt an den Start gehen kann oder nicht. Ob er also die Einnahme verbotener Mittel ausreichend vertuscht hat.

Das Doping in aller Welt, und besonders in den hochprofessionellen Sportwelten, ist also in der Struktur immer gleich. Die Doper tauschen sich jenseits der territorialen und ideologischen Auseinandersetzungen ganz ungeniert aus. Erst eine Etage höher beginnt der Propagandakrieg. Dort, wo die Werte des Sports nicht mehr nur, wie von den eigenen Leuten, verraten, sondern verhöhnt werden. Und die Messer bleiben scharf: Die Vereinigten Staaten bewerben sich mit Los Angeles für die Olympischen Sommerspiele 2024.

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