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Amerika gegen Russland : Der Kalte Krieg ist zurück im Sport

Schlussfeier von Sotschi: Was geht in diesen Köpfen vor? Thomas Bach ist froh über gut organisierte Spiele, Wladimir Purin hat gerade die Annexion der Krim angeordnet. Bild: AFP

Russlands Doping-Skandale stellen das ganze System in Frage. Die amerikanische Justiz treibt den Weltsport vor sich her. Nun provozieren beide einander wieder mit altbekannter Verve.

          Es ist, als wäre ein gespenstischer Startschuss gefallen: Der internationale Leistungssport, dem es stets gelungen ist, seine offensichtlichen Skandale - von Doping-Toten über Willkürherrschaft bis zur nackten Korruption - auszusitzen, bekommt jetzt alle Rechnungen auf einmal. Erst riss die Gier seiner Funktionäre den Fußball-Weltverband an den Rand des Abgrunds. Dann flog die amoralische Führung des Leichtathletik-Weltverbands auf und verursachte Schockwellen, die immer neue Schanden freilegen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Russlands Leichtathleten wurden als derart vom Doping verseucht entlarvt, dass ihr Verband bis auf weiteres für alle Wettkämpfe gesperrt werden musste. Und nun, Gipfel aller bisherigen Enthüllungen, beschuldigte ein aus Angst um sein Leben nach Kalifornien geflüchteter Profi-Doper den russischen Staat so ungeheuer skrupelloser Manipulationen, dass das gesamte Anti-Doping-System ins Rutschen gerät. Dass gleichzeitig die Ausrichter der Olympischen Spiele von Tokio 2020 verzweifelt gegen den Vorwurf des Stimmenkaufs ankämpfen, wird in all dem Wust fast schon übersehen. Als Vorwurf zu normal.

          Egal wie übel die Machenschaften, wie grotesk die von Hormonen getunten Sportlerkörper, wie unverfroren die Forderungen - in der Vergangenheit hat sich die Öffentlichkeit wenig darum geschert, den Fernseher wieder eingeschaltet und sich von den spannenden Wettkämpfen ablenken lassen. Wer auf die Missstände hinwies, wurde ignoriert oder als Spielverderber ausgegrenzt. Aber das ist jetzt anders. Die Zeiten haben sich geändert, die neue Transparenz durch das Internet hat viele Informationskonsumenten aufwachen lassen, und die allgemeine Haltung in Fragen der Fairness und Good Governance ist kritischer geworden. Aber das kann nicht die ganze Erklärung sein für den Energiezustrom, durch den sich Sportskandale zu Katastrophen für das etablierte System auswachsen.

          Was also hat sich geändert? Zwei Nachrichten aus den vergangenen Tagen geben einen wichtigen Hinweis. Erstens: Die „New York Times“ berichtete glaubhaft, dass die amerikanische Justiz im Zusammenhang mit den jüngsten Doping-Anschuldigungen gegen Russland Ermittlungen aufgenommen habe gegen Amtsträger der russischen Regierung, russische Athleten, Trainer und Anti-Doping-Behörden. Es gehe um Verschwörung und Betrug. Die amerikanische Justiz kann das - sie behält sich vor, in all jenen Fällen ein Verfahren aufzunehmen, in denen die Vereinigten Staaten in irgendeiner Form tangiert sind. Sei es durch die Überweisung über eine amerikanische Bank oder auch nur das Senden einer E-Mail über einen amerikanischen Server. In diesem Fall könnte die Begründung auch lauten, dass russische Athleten irgendwann einmal auf dem Boden der Vereinigten Staaten angetreten sind.

          Die Olympischen Winterspiele waren ein sportlicher Erfolg für die Russen.

          Zweitens: Als der russische Sportminister Witali Mutko von der Nachrichtenagentur Tass zu dem amerikanischen Verfahren gefragt wurde, holte er kurz Luft und blaffte dann zurück: „Ich würde den USA empfehlen, sich mit der eigenen Nationalmannschaft zu beschäftigen - dort gibt es auch Probleme.“ Welche das sind, sagte er zwar nicht. Aber er legte offen, was sich schon lange abzeichnet: Der Kalte Krieg ist zurück im Sport. Nur in moderner Form.

          Vor 36 Jahren betrat der heutige IOC-Präsident Thomas Bach die sportpolitische Bühne, um gegen den politisch initiierten West-Boykott der Olympischen Spiele in Moskau zu kämpfen. Er tat es vergeblich. Die heutige Lage zeigt wieder mal: Der Sport ist den Politmissbrauch nie losgeworden. Schon 2008 beutete China Olympia für sein wirtschaftliches Muskelspiel aus. Und nun benutzen Russland und die Vereinigten Staaten ihn wieder als billiges, aber medienwirksames Schlachtfeld. Es ist so einfach: Stoff für Provokationen ist reichlich zu finden - die Verbände mit ihren aktuellen Skandalen und ihren verschleppten Altlasten liefern ihn in Hülle und Fülle. Immer offener fliegen nun die Fetzen - und die internationale Sportführung verliert die Kontrolle. Der Fußball-Weltverband steht schon ein Jahr lang unter Aufsicht der amerikanischen Justiz, die wegen übler Machenschaften 40 Funktionäre und Geschäftsleute und zwei Verbände angeklagt hat. Und Olympia wird zum Spielball einer Auseinandersetzung, die schon vor einigen Jahren neu begann.

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          2007 flog der russische Präsident Wladimir Putin persönlich nach Guatemala zur Vollversammlung des IOC, um Sotschi die Winterspiele zu sichern. Das Ziel: auf sportlichem Wege wieder an den Großmachtanspruch der alten Sowjetunion anzuknüpfen. Es war ein Sieg auf der ganzen Linie: Die geschmeichelten IOC-Mitglieder gaben ihm den Zuschlag. Zwei Jahre später landete der amerikanische Präsident Barack Obama in Kopenhagen, um die Sommerspiele 2016 in seine Heimatstadt Chicago zu holen. Nachdem er in der Session seinen Charme hatte spielen lassen, verabschiedeten die IOC-Mitglieder Chicago bereits in der ersten Runde. Es siegte Rio de Janeiro.

          Im fatalen Jahr 2010 vergab das Exekutivkomitee des Internationalen Fußball-Verbandes die beiden Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Die Vereinigten Staaten, die sich eigentlich um 2018 hatten bemühen wollen, zogen diese Bewerbung zurück und konzentrierten sich auf 2022, weil sie davon ausgingen, dass die WM 2018 an Europa gehen würde. Es gewann: Russland. „Wladimir Wladimirowitsch“, sagte der einstige Fifa-Chef Blatter später über Präsident Putin, „ist ein guter Freund von Joseph Josephowitsch.“ In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Tass erklärte Blatter im Oktober vergangenen Jahres, dass eigentlich geplant gewesen sei, die folgende WM der anderen Großmacht, also den Vereinigten Staaten, zu geben. Aber das ging schief, weil unter anderem Frankreich nicht mitzog. Die Vereinigten Staaten verloren gegen Qatar.

          Nur bei der Eröffnungsfeier ging nicht alles ganz so glatt wie gewollt.

          Danach ging der Skandal los. Vor fast genau einem Jahr verhaftete die Schweizer Kantonspolizei in Zürich die ersten Fifa-Funktionäre - auf Ersuchen der amerikanischen Staatsanwaltschaft. Blatter musste demissionieren. Gegenüber der Tass bezeichnete er sich - in Verkennung der eigenen Verantwortung - als „Spielball im großen politischen Machtspiel“. Und jetzt ermittelt die amerikanische Staatsanwaltschaft also auch noch wegen russischer Doping-Manipulationen während der Winterspiele in Sotschi. Angeblich wurden mit Hilfe des Sportministeriums und des Geheimdienstes mehr als 100 Urinproben russischer Athleten ausgetauscht. Fünfzehn der 33 russischen Medaillengewinner seien gedopt gewesen. Ist es Zufall oder nicht? Beide Male eröffnete die Staatsanwaltschaft des Eastern District von New York das Verfahren. Beide Male profitierte die „New York Times“ davon.

          Bei den Verhaftungen im Züricher Luxushotel Baur au Lac war ein Reporter der Zeitung zur Stelle - um sechs Uhr morgens. Und der russische Doping-Organisator und jetzige Informant, der ehemalige Moskauer Laborchef Gregorij Rodschenkow, machte seine Angaben auch nicht etwa während der Untersuchung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, die im vergangenen Herbst veröffentlicht wurde. Sie erschienen kurz vor Pfingsten - in der „New York Times“. Auch die Meldung von den staatsanwaltlichen Ermittlungen hatte diese Zeitung zuerst.

          Die wichtigste Rückblende aber führt direkt nach Sotschi, zu den Feierlichkeiten, bei denen ein Olympia-Gastgeber sich üblicherweise vor der ganzen Welt produziert. Russland entfaltete seine Pracht - hohe politische Würdenträger der Vereinigten Staaten waren allerdings nicht zugegen. Erstmals seit langer Zeit erschienen weder der Präsident noch die First Lady noch der Vizepräsident zu einer olympischen Eröffnung. Stattdessen war die bekennende Lesbe Billie Jean King zusammen mit zwei weiteren homosexuellen Repräsentanten vorgesehen - die ehemalige Tennisspielerin kam dann wegen einer Erkrankung ihrer Mutter erst zur Schlussfeier.

          Die amerikanische Regierung ließ durchblicken, dass diese Besetzung ein Statement sei gegen das damals frisch verabschiedete russische Gesetz, das „homosexuelle Propaganda“ vor Kindern verbietet. „Ich habe keine Nachsicht mit Ländern, die versuchen, schwule oder lesbische oder transsexuelle Personen auf eine Art zu behandeln, die sie einschüchtert oder verletzt“, ließ Obama verlauten. Dass inzwischen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten Homosexuelle unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit per Gesetz diskriminiert werden dürfen, ist eine bittere Pointe. Putin mag die Provokation genervt haben. Aber eigentlich war er mit seinen Gedanken sicher woanders. Wie erst im vergangenen Jahr bekanntwurde, ordnete er schon in der Nacht vor der olympischen Schlussfeier am 23. Februar 2014 die geheime Krim-Annexion an. „Wir beendeten die Sitzung etwa um sieben Uhr morgens“, sagte er in einem Trailer, den der Staatssender Rossija 1 für eine Dokumentation ausstrahlte. „Als wir uns trennten, sagte ich zu meinen Kollegen: ,Wir sind gezwungen, die Arbeit an der Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands zu beginnen.‘“

          Das ist viel kaputtgegangen: Die Folgen von Sotschi 2014 wirken nach.

          Ein paar Stunden später sprach der ahnungslose IOC-Präsident Thomas Bach gegenüber den russischen Olympia-Helfern die feierlichen Worte, in ihnen zeige sich „das Gesicht des neuen Russlands: effizient und freundlich, patriotisch und offen für die Welt“. Als Bach einige Monate zuvor in Buenos Aires zum Präsidenten des IOC gewählt worden war, gratulierte ihm Putin umgehend am Telefon. Heute weiß man: Es war eine vergiftete Nähe zu dem mächtigen Mann. Er brach nicht nur als Gastgeber den Olympischen Frieden. Er versteckte hinter Olympia seine Aggression gegen die Ukraine. Und er duldete, sollten die Anschuldigungen Rodschenkows sich als richtig erweisen, während der Spiele in Sotschi einen in seiner kriminellen Energie einzigartigen staatlich gelenkten Doping-Betrug.

          Aber es stimmt ja: Wenn es um Doping geht, sollten die Vereinigten Staaten nicht nur anklagend nach Russland schauen, sondern sich auch mit den eigenen Athleten befassen. Nehmen wir zum Beispiel ihren prominentesten Doper, den einst siebenmaligen Gewinner der Tour de France, Lance Armstrong. Die gegen Ausländer so aggressive Justiz erwies sich in seinem Fall als zahnlos. Die Staatsanwaltschaft von Los Angeles ermittelte zwar zwei Jahre lang wegen Kriminalität im Zusammenhang mit Doping. Sogar eine Grand Jury wurde einberufen. Aber plötzlich wurde das Verfahren auf mysteriöse Weise eingestellt. Acht Monate später, im Oktober 2012, legte die amerikanische Anti-Doping-Behörde minutiöse Beweise für die Doping-Praxis des Radrennfahrers vor. Drei Monate später bekannte er sich in der Oprah-Winfrey-Show schuldig. Whistleblower Rodschenkow hat im Übrigen in seiner neuen Heimat bereits einen Job gefunden. Der Chemiker, der sich selbst als Kopf des russischen Betrugssystems bezeichnete, arbeitet jetzt in Santa Rosa bei Los Angeles als Angestellter der Firma Redwood Toxicology.

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          Einen guten Doper kann man halt immer gebrauchen - Redwood bietet auf privater Basis Steroid-Tests an. Wozu das dient? Der deutsche Doping-Fahnder Werner Franke beschrieb der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schon 2005 den Zusammenhang: „Die eigentlichen Täter, die Profis, werden von Leitstellen beraten und geführt. Im Osten sind das staatliche, im Westen kommerzielle Netzwerke.“ Im Westen prüfen also private Unternehmen, ob ein Sportler trotz Dopings unbesorgt an den Start gehen kann oder nicht. Ob er also die Einnahme verbotener Mittel ausreichend vertuscht hat.

          Das Doping in aller Welt, und besonders in den hochprofessionellen Sportwelten, ist also in der Struktur immer gleich. Die Doper tauschen sich jenseits der territorialen und ideologischen Auseinandersetzungen ganz ungeniert aus. Erst eine Etage höher beginnt der Propagandakrieg. Dort, wo die Werte des Sports nicht mehr nur, wie von den eigenen Leuten, verraten, sondern verhöhnt werden. Und die Messer bleiben scharf: Die Vereinigten Staaten bewerben sich mit Los Angeles für die Olympischen Sommerspiele 2024.

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