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Pechstein und die Causa Cas : Urteile mit Fehl und Tadel

Erwartet Spruch des Gerichtshofs für Menschenrechte: Claudia Pechstein Bild: dpa

Olympiasiegerin Claudia Pechstein führt seit Jahren einen Rechtsstreit gegen eine Sperre des internationalen Sportgerichtshofs Cas. Nun wird ein wichtiges Urteil erwartet. Doch dabei gibt es auch Gefahren. Ein Kommentar.

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          Kann der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte Claudia Pechstein ihrer Millionenforderung gegenüber dem Weltverband für Eislauf (ISU) näherbringen? An diesem Dienstag will das Gericht in Straßburg in der Causa Pechstein wie in der Causa Mutu sein Urteil sprechen. Beide Fälle verbindet, dass sich die Kläger gegen Urteile des Internationalen Sportgerichtshofs wenden, des Cas in Lausanne.

          Der rumänische Fußballprofi Adrian Mutu wurde 2006 von Chelsea London wegen Kokain-Konsums gefeuert und auf Rückzahlung eines Teils der Ablösesumme von 26 Millionen Euro verklagt, die er gekostet hatte. Der Cas verurteilte ihn zur Zahlung von 17 Millionen. Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein dagegen zieht seit bald zehn Jahren gegen ihre Sperre von zwei Jahren durch die Instanzen; ein Fehlurteil, das auf einem einzigen Parameter ihrer Blutwerte basiert. Die Zahl ihrer Retikulozyten schwankt, bis heute übrigens, weil sie an einer angeborenen Anomalie leidet. Der Cas befand 2009, sie müsse manipuliert haben. Kurz darauf wurde die Regel geändert; ein Wert allein reicht nicht mehr für eine Sperre.

          Das Argument: Der Cas sei nicht unparteiisch

          Der koksende Fußballspieler und die fälschlicherweise gesperrte Eisschnellläuferin argumentieren gleich: Der Cas sei nicht unabhängig und nicht unparteiisch. Vor mehr als zwei Jahren scheiterte Claudia Pechstein mit einer Klage vor dem Bundesgerichtshof. Dieser fand, sinngemäß, dass die Gerichtsbarkeit des Sports zu respektieren sei, da Verbände und Athleten eigentlich im selben Boot sitzen. Man will sich nicht vorstellen, welche Folgen es hätte, wenn die Sperren gedopter Gewichtheber oder Langläufer von Gerichten in deren Heimat aufgehoben würden. Doch es ist eine Ungerechtigkeit, ein Fehlurteil wie das im Fall Pechstein nicht zu revidieren.

          Seit der Entscheidung des BGH hat sich der Wind gedreht. Erst vor wenigen Wochen befand ein Gericht in Belgien in der Auseinandersetzung eines Fußballklubs mit dem Weltverband Fifa, es sei nicht rechtens, dass der Kläger sich mit dem Votum des Cas bescheiden müsse; dieser sei nicht unabhängig. Geführt von einem Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), finanziert von Organisationen des Sports und lange mit einer handverlesenen Gruppe von Richtern besetzt, schien der Cas eher den Interessen der Verbände zugeneigt als denen der Athleten. Längst ist klar, dass sie nicht im selben Boot sitzen; Verbände agieren als Veranstalter, Arbeitgeber, Monopolisten.

          Das Ansehen des Cas litt, als Thomas Bach und sein IOC ihn vor den Winterspielen von Pyeongchang mit Auseinandersetzungen über individuelle Sperren und Nicht-Einladungen russischer Athleten an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit brachten – und als Bach auf Urteile, die ihm nicht gefielen, mit Reform des Cas drohte.

          Der Gerichtshof für Menschenrechte wird Claudia Pechstein keinen Schadensersatz zusprechen können. Aber sein Spruch könnte womöglich etwas bewirken im Hinblick auf ihre Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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