https://www.faz.net/-gu9-77b39

Strafsache Doping : Nicht zuständig!

  • -Aktualisiert am

Der Sport hängt an der Spritze: aber die Spitzbuben lässt man fahren Bild: AFP

Der Sport fängt und verurteilt dopende Sportler, der Staat packt sich die Hintermänner: Ein aktueller Fall belegt, dass diese Konstruktion groteske Ergebnisse produzieren kann.

          Im Januar sind die Akten einer sieben Jahre alten Doping-Affäre geschlossen worden. Die Hauptdarsteller sind fein raus: Der Doping-Doktor praktiziert schon lange wieder, seinen Athleten wird nichts mehr passieren, einer gewann im November wieder ein Radrennen. Deshalb steht die Affäre um einen Hamburger Arzt und drei Radsportler Pate für alle Probleme der Doping-Bekämpfung in Deutschland. Trotz starker Indizien, trotz der Vorlage von Ermittlungsakten, trotz eines Strafbefehls gegen den Mediziner wegen der Weitergabe von Doping-Mitteln, trotz des engagierten Eingriffs der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) ist die sportjuristische Aufarbeitung gescheitert. Warum? Zum Finale, als alles noch einmal auf den Tisch kommen sollte, betrachtete sich das Deutsche Sportschiedsgericht nicht für zuständig. Das ist passiert:

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Im Januar 2006 wird der Hamburger Arzt X (Name der Redaktion bekannt), nach einem Hinweis verdächtigt, als Doping-Kontrolleur bei dem von ihm betreuten Athleten Y (Name der Redaktion bekannt) eine Manipulation der Probe organisiert zu haben. Das sportjuristische Verfahren gegen den Radsportler, dessen Urinprobe damals in einem Wert „stark“ von früheren Proben „abwich“, wird dennoch eingestellt. Die Indizien reichten angeblich nicht aus. Die Staatsanwaltschaft Hamburg aber verurteilt den involvierten Mediziner gut zwei Jahre später wegen der Weitergabe, der Verabreichung und Injizierung von starken Doping-Mitteln wie Erythropoietin, Anabolika und Synacthen an drei Radsportler zu einem Strafbefehl über 39.000 Euro. X akzeptierte. Er ist damit aus dem Spiel, will seither zu seiner Rolle im Doping-Netzwerk nichts mehr sagen. Was aber ist mit den potentiellen Adressaten der gerichtlich festgestellten „Verabreichung“ von Doping-Mitteln?

          Eine Tankquittung reicht zur Einstellung der Ermittlungen

          Es sind keine Freizeitradler, die schlucken und spritzen dürfen, was sie wollen. Es sind drei zwar nicht berühmte, aber in der Szene bekannte Leistungssportler. Einer hat kurz nach seiner letzten Versorgung durch den Arzt, so ermittelte es die Staatsanwaltschaft bei der Wiederherstellung von gelöschten Patientenkarteien im Computer des Mediziners, eine deutsche Meisterschaft gewonnen. Des Doktors Kunden waren Könner, um deren weitere Verwicklung in die Affäre sich allerdings niemand mehr scherte. Erst nach privater Vermittlung erhielt die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) 2010 Einblick in die Ermittlungsakten der Hamburger Staatsanwaltschaft. Und war bass erstaunt ob der konkreten Vorwürfe und der Aussage des mutigen Zeugen, der die Eintragung der Doping-Mittel in den Patientenakten entdeckt und Screenshots als Beweis angefertigt hatte.

          Es gab zwar keine positive Kontrolle, aber unzweideutige Indizien: Arzt verabreicht Stoff an Radsportler: „Der Verdacht lag nahe, dass dort gedopt worden war“, sagt Lars Mortsiefer, Vorstandsmitglied der Nada, im Rückblick. Und so drängte die Nada den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) mehrfach und nachdrücklich, gegen die drei Pedaleure vorzugehen. Der Verband ließ sich schließlich zu verbandsjuristischen Verfahren bewegen, ließ die Akten (über Monate) lesen, verlangte Stellungnahmen und organisierte Anhörungen. Das Ergebnis: In einem Fall verlangte der potentielle Delinquent, man möge ihm das alles nur beweisen. Der Zweite stritt alles ab und der Dritte präsentierte eine Tankquittung, die belegen sollte, dass er am Vergabetag der verbotenen Starkmacher gar nicht in Hamburg war. Die Anti-Doping-Kommission des BDR forderte zwar eine Bestrafung. Aber das Bundesschiedsgericht stellte alle drei Verfahren ein. Der Verdacht, so der Tenor der Begründungen, ließ sich nicht erhärten. „Wir konnten diese Begründung nicht nachvollziehen. Wir hatten ja einen erheblichen Verdacht“, sagt Mortsiefer, „und deshalb haben wir in zwei Fällen das Deutsche Sportsschiedsgericht angerufen.“

          Was bleibt? Die Radfahrer dürfen so tun, als habe der Staatsanwalt phantasiert

          Die in Köln angesiedelte Schiedsstelle, so regelt es eine Vereinbarung zwischen den deutschen Sportverbänden und der Nada, entscheidet - national - als letzte Instanz im Sport. Aber in beiden von der Nada vorgetragenen Beschwerden kam es nicht mal zu einer Verhandlung des Inhaltes. Also zu der Frage, ob die Radfahrer, wie von der Staatsanwaltschaft festgestellt, von ihrem Hamburger Medicus mit der pharmakologischen Keule angetrieben worden waren. Denn die beiden Schiedsrichter hoben die Hände. Sie hielten das Gericht für nicht zuständig: Die Athletenvereinbarung des BDR reicht demnach nicht aus, dem Sportschiedsgericht eine Klärung zu übertragen. Eine wohl individuelle Sicht der Dinge. In wenigstens einem anderen Streitfall um Doping hatte ein anderer Richter der Kölner Einrichtung die Athletenvereinbarung akzeptiert.

          Was bleibt? Die drei Radfahrer dürfen so tun, als hätte der Staatsanwalt phantasiert bei der Betrachtung der Patientenkarteien. Die Nada muss nach allen Mühen noch die Kosten der Verfahren zahlen und den Frust schlucken, weil BDR-Athletenvereinbarungen nicht kugelsicher sind. Und dann ist da noch der Zeuge, der alles ins Rollen brachte. Im Interview spricht er erstmals darüber, was es bedeuten kann, gegenüber Doping nicht die Augen zu verschließen und nicht zu schweigen.

          Weitere Themen

          Adler Mannheim verspielen Einzug ins Halbfinale

          Eishockey : Adler Mannheim verspielen Einzug ins Halbfinale

          Im Spiel um das Halbfinale in der Deutschen Eishockey Liga unterliegen die Adler Mannheim den Nürnberg Ice Tigers – aber nicht ohne es vorher in die Verlängerung zu schaffen. Eine Zusammenfassung der DEL-Spiele.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.