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Doping-Skandal : „Russlands Leichtathletik hat Olympia nicht verdient“

Stepanow war Kontrolleur bei der russischen Anti-Doping-Agentur. Schnell wird klar, welches Spiel gespielt wird. „Mir wurde Geld angeboten dafür, keine Probe zu nehmen. Vom Vizepräsidenten des Leichtathletik-Verbandes.“ Stepanow nimmt es nicht. Aber er nimmt auch keine Proben mehr. Ende Februar 2011 wird er rausgeschmissen: Umstrukturierung. Julija Stepanowa ist Leichtathletin, 800-Meter-Läuferin. Doperin, seit sie 17 war. Weil sie zu den Besten Russlands gehören wollte. Weil ihr die Trainer sagten, dann müsse sie dopen. Weil es alle machen. Stepanowa wird immer besser, die Doping-Methodik immer ausgefeilter, die Blutwerte immer abenteuerlicher. Jahrelang kein Problem, denn die besten Russinnen dürfen „voll“ laufen, mit Stoff, Steroiden, Epo, Wachstumshormon von den Verbandsärzten und -trainern, mit dem Segen der Funktionäre des russischen Leichtathletik-Verbandes Araf. Auch bei Qualifikationen für internationale Meisterschaften, Olympische Spiele. Acht russische Leichtathleten werden 2012 in London Olympiasieger, zehn weitere gewinnen Silber und Bronze. Die WM 2013 in Moskau bringt sieben Titel, 17 Medaillen: erfolgreichste Nation.

Wieder am Start: Julia Stepanowa
Wieder am Start: Julia Stepanowa : Bild: dpa

Was erwarten Sie von der Untersuchung der Wada-Kommission, Herr Stepanow?

„Ich denke, die Russen, der russische Leichtathletik-Verband verdient es, von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen zu werden. Das ist meine Meinung. Wenn Athleten nicht reden, wenn Trainer nicht reden, wenn Offizielle nicht reden wollen, und alle meinen, das sei der richtige Weg, dann sollte das sein. André (Höhne, der frühere Geher) trainiert zehn junge Geher. Wenn es jetzt so weitergeht, wenn der Sportminister Russlands und Tschegin, der Trainer der Geher, weitermachen wie bisher, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es die Disziplin Gehen in zehn Jahren nicht mehr gibt. Wenn du junger Sportler bist, willst du gerne einen Traum haben. Ich merke, dass russische Offizielle gerade viele Träume auf der ganzen Welt zerstören.“

Zweieinhalb Stunden redet Witalij Stepanow. Draußen peitscht der Sturm. In einer Sporthalle trainiert Julija Stepanowa, 30-Meter-Sprints. Ihr Sohn, 16 Monate alt, läuft nebenher, winkt, ruft seine Mutter, seinen Vater. Peter Selzer trainiert sie inzwischen in Berlin. Neben ihm sitzt Höhne, bis 2012 Deutschlands bester Geher, nun selbst Trainer. Mit dem 50-Kilometer-Wettkampf von London 2012 hatte Höhne seine Geher-Karriere beendet, als Elfter. Sergeij Kirdjapkin, Russland, wurde Olympiasieger. Drei Russen unter den ersten sechs. Darauf angesprochen, dass Stepanow den Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Spielen in Rio gefordert hat, sagt Höhne: „Kann ich unterschreiben. Ich hatte immer ein Bauchgefühl.“ Ein Bauchgefühl? Oder mehr? Einen Verdacht? „Mehr. Jetzt wissen wir, wie die uns verarscht haben.“

„Die Regeln sind so klar: Doping ist Betrug. Fertig“, hatte Stepanow im Häuschen gesagt. „Die großen Sportorganisationen, das IOC, die Wada, die großen Verbände, haben die Macht, die Regeln durchzusetzen. Aber mein Eindruck ist, dass zu viele Funktionäre finanziell von den existierenden Systemen profitieren. Ich glaube, diese Leute wollen nichts verändern.“ Walerij Borsakowskij, Olympiasieger über 800 Meter von Athen 2004, nun neuer Cheftrainer der russischen Leichtathleten, hat gerade gesagt, Russland habe ein neues Team. Die Vergangenheit sei abgeschlossen. Sebastian Coe, Cheforganisator der Spiele von London, aussichtsreichster Kandidat, im Sommer Nachfolger des greisen Senegalesen Lamine Diack an der Spitze der IAAF zu werden, hat vor wenigen Tagen gesagt, dass er nichts davon halte, die russische Leichtathletik von Sportveranstaltungen auszuschließen.

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