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Kronzeugen-Regelung : Staatsanwalt spürt Aufbruchstimmung

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses: „Sämtliche Praktiker haben uns gesagt, dass eine Kronzeugen-Regelung im Anti-Doping-Gesetz hilfreich wäre“. Bild: dpa

Selbst Vertreter des organisierten Sports geben die Sonntagsrede von den Selbstheilungskräften auf. Kommt die Kronzeugen-Regelung noch in diesem Jahr ins Anti-Doping-Gesetz?

          Die Realität des Dopings scheint Fakten zu schaffen in der Gesetzgebung und im Sport. Fünf Wochen nach der Razzia von Seefeld und der Festnahme des Arztes Mark S. in Erfurt wegen des Vorwurfs des Blut-Dopings scheint über die Ergänzung des dreieinhalb Jahre alten Anti-Doping-Gesetzes Einvernehmen zu herrschen. „Sämtliche Praktiker haben uns gesagt, dass eine Kronzeugen-Regelung im Anti-Doping-Gesetz hilfreich wäre“, sagte die SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag am Mittwoch, nachdem der Sportausschuss des Bundestages, dem sie vorsitzt, Vertreter der Staatsanwaltschaft, der Nationalen und der Welt-Anti-Doping-Agentur angehört hatte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Wenn ich die Stimmung im Ausschuss richtig beurteile“, ergänzte Eberhard Gienger von der CDU, „werden wir auch Fürsprecher in der Opposition haben.“ Er selbst, räumte er ein, ließ sich von der Sorge abbringen, „dass durch eine Kronzeugen-Regelung Denunziantentum innerhalb der Athletenschaft geschürt werden könnte“.

          Selbst die einst größte Opposition zum Anti-Doping-Gesetz, der organisierte Sport, hat die Rede von Selbstheilungskräften aufgegeben und fordert bessere Möglichkeiten für den Staatsanwalt. „Wir sind eindeutig und klar dafür und waren das auch immer“, behauptete Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Es habe sich bestätigt, dass es keine bessere Möglichkeit als eine Kronzeugen-Regelung gibt, Betrüger im Kreis der Athleten und im Umfeld aufzudecken.

          Razzia und Verhaftungen waren ausgelöst worden durch den österreichischen Langläufer Johannes Dürr, der Mitte Januar in einem Fernsehinterview beschrieb, wie er sich vor Wettkämpfen in Hotels und Autos eigenes Blut zur Leistungssteigerung injizieren ließ. Ermittlungen in Österreich und Deutschland führten zur Razzia am 27. Februar bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld mit der Festnahme von neun Personen sowie der Festnahme des Arztes und eines Helfers in Erfurt. Gegen 21 Athleten wird wegen Dopings ermittelt, unter ihnen Dürr. An diesem Donnerstag fand auf Antrag des Hauptverdächtigen S. ein erster Haftprüfungstermin in München statt, wo dieser in Untersuchungshaft sitzt. Das Ergebnis ist noch nicht bekannt.

          Justizministerin Katarina Barley scheint eine Novelle des Gesetzes im Zuge der turnusgemäßen Evaluierung 2020 zu bevorzugen; Ermittler und Sportpolitiker drängen auf die Verschärfung des Gesetzes noch in diesem Jahr. Er habe im Ausschuss Aufbruchstimmung wahrgenommen, sagte Kai Gräber, Leiter der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft Doping in München, der die Ermittlungen gegen den Erfurter Arzt und dessen Helfer führt. „Der Fall zeigt, dass es ohne Informationen aus der Szene nicht geht“, sagte er. Alle Beteiligten, so sein Eindruck, wollten die Situation nutzen, um gesetzgeberisch tätig zu werden. Darüber hinaus lobte er Verbände und Organisationen, die präventiv tätig werden und Ermittlungen anstellen. „Doch letztlich gibt es Bereiche, die den Staatsanwaltschaften vorbehalten bleiben“, sagte er, „und dabei soll es bleiben.“

          Die Organisatoren der sechs bedeutendsten Marathonläufe machten am Mittwoch bekannt, dass sie die Athletics Integrity Unit (AIU), die Kontroll- und Ermittlungseinheit des Weltverbandes für Leichtathletik (IAAF), mit gut einer halben Million Euro unterstützten. Dafür wird diese rund 150 Läuferinnen und Läufer besonders aufmerksam überwachen. „Seefeld ist nicht Grund oder Anlass dafür“, sagte Mark Milde, Race Director des Berlin-Marathons, der wie die Läufe von New York, Boston, Chicago, London und Tokio zu den „Majors“ gehört. „Aber Seefeld zeigt, dass man Doping offenbar mit herkömmlichen Mitteln nicht beikommt.“

          Athletenvertreter Amelie Ebert und Jonathan Koch im Sportausschuss: „Was ist mit Ärzten, mit Trainern, mit Betreuern?“

          In jüngerer Zeit sind Olympiasiegerin Jemima Sumgong, Rita Jeptoo, die Siegerin von Boston und Chicago (beide aus Kenia), sowie die Russin Lilja Schobuchowa, die Chicago und London gewonnen hatte, des Dopings überführt worden. Von den zwanzig Beschäftigten der AIU sind sechs mit der Planung von Kontrollen befasst und sieben mit „Intelligence“, was für Ermittlungstätigkeit steht. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat den bayerischen Kriminalpolizisten Günter Younger verpflichtet, eine Abteilung aufzubauen, die Hinweisen nachgeht und kompetent ermittelt.

          „Verbände und Veranstalter merken, dass der große Sport vor die Hunde zu gehen droht, wenn sie sich nicht glaubwürdig in einen Anti-Doping-Kampf einbringen“, kommentierte die Abgeordnete Freitag. „Es kann nicht immer nur um Rekorde und um Zeiten unter zwei Stunden im Marathon gehen.“

          „Wir brauchen ein engmaschiges Kontrollsystem“, sagte Athletenvertreter Jonathan Koch. „Aber Fakt ist, dass allein die Athleten diesen Kontrollen unterliegen. Die Frage steht im Raum: Was ist mit Ärzten, mit Trainern, mit Betreuern?“

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