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Sportwissenschaftler Sandro Donati : „Die Mehrheit der Olympiateilnehmer dopt"

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Italienischer Kämpfer gegen Doping: Sandro Donati Bild:

Sandro Donati bekämpft seit über 25 Jahren Doping und Manipulation im Sport. Im F.A.Z.-Interview sagt der italienische Sportwissenschaftler: „Doper sind Opfer. Trainer, Ärzte und Funktionäre haben eine viel größere Verantwortung.“

          3 Min.

          Der italienische Sportwissenschaftler Sandro Donati bekämpft seit über 25 Jahren Doping und Manipulation im Sport. Er entlarvte den Dopingarzt Francesco Conconi, der als Dopingbekämpfer auftrat, er entdeckte, dass Epo im Radsport flächendeckend eingesetzt wurde, und er deckte auf, dass im staatlichen Dopingkontrolllabor Acqua Certosa in Rom systematisch Proben manipuliert wurden. Trotz des offiziellen Lobes für seine Arbeit wurde Donati innerhalb des Nationalen Olympischen Komitees von Italien (Coni), bei dem er angestellt war, isoliert. Donati über das Doping von heute, unglaubwürdige Politiker und die wahren Schuldigen.

          Frühere Radprofis haben mit ihren Geständnissen von Doping in den neunziger Jahren Deutschland geschockt, von den Fans bis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bereits 1994 haben Sie mit einem Bericht über den verbreiteten Einsatz von Epo im Radsport Aufsehen erregt. Was denken Sie?

          Diese Geständnisse nach zwölf, fünfzehn Jahren sind ein Witz. Auch der Schock ist ein Witz. Die Leute wollen nicht wirklich wissen, was los ist. Sie wollen eine Show. Vielleicht kam meine Analyse zu früh für die Öffentlichkeit. Aber 1998, beim Festina-Skandal bei der Tour de France, hätten alle verstehen müssen, was los ist. Der Schock von Politikern ist deshalb noch weniger glaubwürdig, weil sie dafür verantwortlich sind, dass Sport gefördert wird für das Ansehen ihres Landes.

          Welche Doping-Mittel werden heute benutzt?

          Im Ausdauersport: Hormone sowie künstliches Hämoglobin und das von Kühen. Wenn man Hämoglobin benutzt, verändert sich der Hämatokritwert nicht, denn es bleibt außerhalb der roten Blutkörperchen. Gleichwohl transportiert es Sauerstoff. Weil Wasser zugegeben wird, steigt die Blutmenge. Dadurch sinkt der Hämatokritwert sogar. Das ermöglicht Athleten, zusätzlich auch noch Epo einzusetzen.

          Ist das nur bei Radprofis im Einsatz?

          Alle konzentrieren sich auf den Radsport, und die anderen Sportarten verstecken sich dahinter. Diese Mittel wirken auch im Schwimmen, im Rudern, im Paddeln, im Lauf, im Skilanglauf. Da werden sie auch eingesetzt.

          Welche Mittel gibt es für die Kraft?

          Immer noch Steroide, Testosteron. Und besonders Wachstumshormon, das nicht nachgewiesen wird, außerdem verwandte Substanzen, etwa Insulinsubstanzen. Sie steigern die Muskelkraft, können auch die Sauerstoffleistung erhöhen, und sie reduzieren Fett. Das macht sie für die Allgemeinheit attraktiv.

          Der verurteilte Trainer Thomas Springstein erkundigte sich per E-Mail nach Repoxygen. Wird Gen-Doping bereits praktiziert?

          Derzeit ist es noch eine Hypothese. Im Tierversuch ist es tödlich, denn es löst Krebs aus. Auch im Sport gibt es Verrückte, die zu allem bereit sind. Aber die Diskussion von Gen-Doping birgt das Risiko, die Gegenwart mit ihren vielen Substanzen zu übersehen.

          Würden Sie sagen, dass die Mehrzahl der Olympiateilnehmer dopt?

          Selbstverständlich. Man muss in den Einzelsportarten nur die Körper der Athleten mit denen von vor zwanzig Jahren vergleichen. Livio Berruti hat 1960 in Rom die Goldmedaille im 200-Meter-Lauf gewonnen. Er war 1,82 Meter groß und wog 69 Kilo. Solche Athleten gibt es heute nicht mehr. Wenn sich die Physiognomie stark verändert, auch das Gesicht, wenn jemand täglich sechs Stunden Krafttraining machen kann, wenn er aggressiv ist, dann spricht alles dafür, dass er mit Hormonen dopt, mit Steroiden oder mit Wachstumshormon.

          Hat Fifa-Präsident Joseph Blatter recht, dass es im Fußball kein Doping gibt?

          Leichtathletik war der Lehrmeister des wissenschaftlichen Dopings. Man konnte die täglichen Leistungssteigerungen messen. In den letzten fünfzehn Jahren ist Doping in den Mannschaftssportarten angekommen.

          Woher haben Sie Ihre Erkenntnisse?

          Ich habe an vielen staatsanwaltlichen Ermittlungen als Berater teilgenommen, ich hatte Einblick in Dokumente, ich habe mit Experten gesprochen, auch mit solchen, die aus dem Sport ausgestiegen sind.

          Gehen Ihre Erkenntnisse über Italien hinaus? Waren Sie an internationalen Ermittlungen beteiligt?

          Dies ist ein schwacher Punkt: Doping ist ein internationales Phänomen. Aber es gibt keine internationalen Ermittlungen. Auch bei nationalen Ermittlungen gilt: Es gibt politische Protektion, es gibt wirtschaftliche Protektion.

          Was halten Sie vom Vorgehen des Internationalen Olympischen Komitees? Es vertritt ja eine Politik der Null-Toleranz.

          Es geht immer gegen Sportler. Sie waren und sind am leichtesten zu bestrafen. Das IOC hat niemals Straffreiheit dafür angeboten, dass Athleten Doping-Systeme offenlegen. Sportler sind vielleicht sieben Jahre im Hochleistungssport aktiv. Trainer, Ärzte und Funktionäre bleiben für Jahrzehnte. Das IOC hat unter ihnen eine negative Auslese getroffen.

          Als was sehen Sie dopende Sportler?

          Doper sind Opfer. Sie zahlen mit ihrer Gesundheit, und sie zahlen mit ihrem Geist. Athleten dopen nicht nur wegen des Geldes. Sie wollen als besser erscheinen, als sie sind. Selbstverständlich muss man Profisportlern das Geld abnehmen, um das sie ihre Konkurrenten betrogen haben. Aber auch sie sind überwiegend Opfer.

          Wer sind dann die Schuldigen?

          Diejenigen, die die Augen verschließen: unehrliche Erwachsene mit Einfluss. Trainer, Ärzte und Funktionäre haben eine viel größere Verantwortung als die Athleten selbst. Sie sind es, die Generationen von Athleten korrumpieren.

          Halten Sie dem IOC und seinem Präsidenten Jacques Rogge zugute, dass sie das System ändern wollen?

          Nein. Dafür müsste sich das IOC dafür bedanken, dass ich das System Conconi und die Manipulationen des Coni offengelegt habe. Aber es hat Manuela di Centa als Mitglied aufgenommen - eine Frau, die an dem Tag, an dem sie in Lillehammer Olympiasiegerin im Skilanglauf wurde, einen Hämatokritwert von 54 Prozent hatte. Sie zum IOC-Mitglied zu machen ist ein schlechtes Signal.

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