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Sportarzt und Doping-Gegner Johannes Lüke : „Imageverlust und Karriereknick“

  • Aktualisiert am

„Ich wurde isoliert und musste Tausende Euro Anwaltskosten zahlen“, sagt Johannes Lüke Bild: dpa

Der Hamburger Mediziner hat das getan, was der Sport fordert: Als er feststellte, dass in einer Hamburger Praxis eine Doping-Mittel-Vergabe in Patientenakten eingetragen worden war, veröffentlichte er den Fall. Diese Bereitschaft brachte nur Nachteile.

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          Wie kam es dazu, dass Sie auf Doping-Praktiken hinwiesen?

          „Weil ich nicht wusste, wie man das ausdruckt, habe ich Screenshots der Karteikarteneinträge über die Verabreichung von unterschiedlichen Medikamenten, die auf der Doping-Liste stehen, erstellt. Die betreffenden Patienten waren Radsportler. Die Motivation zur Recherche und Beweissicherung ergab sich daraus, dass der Kollege mich in meiner Funktion als Rennarzt im Radsport zur Manipulation einer Dopingprobe anstiften wollte und es damit begründete, dass er dies auch schon gemacht habe.“

          Warum haben Sie den Fall öffentlich gemacht?

          „Einige Zeit nach den oben beschriebenen Vorfällen erschien ein Artikel im „Stern“ über „Die gedopte Gesellschaft“, in dem der betreffende Kollege sich über die Mentalität der Patienten, für die Doping alltäglich sei, empörte und dass er das als Sportarzt mit seinem Ruf nicht vereinbaren könne. Die Vorstellung, dass Menschen das lesen und glauben und dann in seiner Praxis quasi beim Wolf im Schafspelz landen, konnte ich nicht ertragen. Es war offensichtlich ein offenes Geheimnis, dass in der Praxis gedopt wurde, wie ich in der Folge zahlreichen Foren im Internet entnehmen konnte.“

          An wen haben Sie sich gewandt, und wie hat man reagiert?

          „Zunächst habe ich mich an die Nationale Anti-Doping-Agentur gewandt, der ich von der Anstiftung des Kollegen zur Manipulation erzählte. Sinngemäß wurde mir gesagt, dass man nichts tun könne, außer zu versuchen, den Kollegen in flagranti zu erwischen, falls er wieder eine Manipulationen vornehmen würde. Das schien mir allerdings nicht wirklich umsetzbar. Es war wohl noch vor Erscheinen des „Stern“-Artikels. Ich habe die Vorfälle dann erstmal auf sich beruhen lassen. Nach dem Erscheinen des Artikels habe ich einen neuen Versuch gestartet, Öffentlichkeit herzustellen. Ein Bekannter stellte den Kontakt zu einer überregionalen Tageszeitung her, die die Geschichte zeitnah herausbrachte. Leider war ich ziemlich naiv, und alles ging so schnell, dass ich mir der Tragweite nicht bewusst war. Ich habe zum Beispiel nicht darauf geachtet oder hingewiesen, dass Namen geschwärzt werden. Das hat mich in die Bredouille gebracht. Auch die Arbeit der Staatsanwaltschaft, die aus der Zeitung von diesem Fall erfuhr, wurde so sicher nicht erleichtert.“

          Welche Reaktionen haben Sie erfahren?

          „Die Reaktionen waren überwiegend negativ, der Tenor aus der Kollegenschaft lautete: ,Das macht man doch nicht.‘ Eine gewisse Sympathie und Verständnis waren zwar zu spüren, aber keiner hat wirklich verstanden, warum ich das mache und, schlimmer noch: Offensichtlich fand keiner das, was der Kollege getan hatte, besonders schlimm. Es wurde mit ,Die typische Doping-Geschichte‘, ,Machen doch alle‘ und so fort argumentiert. Auch die Menschen, mit denen ich vorher in der Praxis zusammengearbeitet habe, wie Physiotherapeuten und Sportwissenschaftler, reagierten eher negativ. Sie fürchteten wohl, mit hineingezogen zu werden. Der Sponsor des betroffenen Radteams hat dann meinen Namen veröffentlicht und zusammen mit dem dopenden Mediziner versucht, Stimmung gegen mich zu machen. In den Internetforen, die ich regelmäßig verfolgte, fand ich auf Seiten der Sportler sehr gemischte Reaktionen. Es gab Unterstellungen, dass ich das aus finanziellen Gründen machen würde, Lob für meinen Mut und alle Nuancen dazwischen. Vor allem gab es immer wieder auch Menschen, die bestätigten, dass in dieser Praxis gedopt wurde. Hier hätte man meiner Meinung nach auch mehr ermitteln können. Leider kann ich auch nicht behaupten, dass mein privates Umfeld mich uneingeschränkt unterstützt hat. Meine mittlerweile ehemalige Frau fand das zwar irgendwie gut, was ich gemacht habe, dennoch hat uns die Geschichte enorm, auch finanziell, unter Druck gesetzt, so dass sie sich gewünscht hat, dass ich das nicht gemacht hätte.“

          Haben Sie Unterstützung erfahren?

          „Weder emotional noch finanziell, noch sonst irgendwie. Von meinem Anwalt insofern, als dass er mir geholfen hat, größeren Schaden von mir abzuwenden. Der betreffende Arzt hat mich wegen der Verletzung der Schweigepflicht angezeigt. Ich habe in der Zeit gemerkt, welche Freunde echt sind. Aber davon abgesehen hatte mein Engagement keinerlei positiven Auswirkungen für mich. Ich hatte den Eindruck, dass ich permanent betonen musste, dass ich doch ,der Gute‘ bin.“

          Welche Nachteile haben Sie hinnehmen müssen?

          „Jede Menge, sowohl emotionale durch soziale Isolation als auch finanzielle durch die Anwaltskosten in Höhe von mehreren tausend Euro. Und auch negative Auswirkungen, was die berufliche Seite angeht. Als es mit einem Kollegen, in dessen Praxis ich danach arbeitete, zu Streitigkeiten kam, hat er mir die alte Geschichte vorgehalten und gesagt, dass ich ja damals schon Nestbeschmutzer gewesen sei. Auch später habe ich immer mal wieder in vagen Andeutungen gehört, dass ich keinen guten Ruf in der Hamburger Ärzteschaft hätte, was ich schlecht verifizieren oder falsifizieren kann. Am meisten getroffen hat mich die Episode mit einem namhaften Sportverein. Ende 2011 wurde ich dort als betreuender Mannschaftsarzt der ersten Mannschaft vorgestellt, aber nach zwei Tagen wieder abberufen. Grund war angeblich eine anonyme E-Mail, in der es hieß, dass ich wegen der Doping-Geschichte untragbar sei. Insgesamt empfinde ich das als einen Imageverlust, aber auch als einen Karriereknick, der mittlerweile dazu geführt hat, dass ich kaum noch Spitzensportler betreue.“

          Würden Sie wieder so handeln?

          „Genauso sicher nicht mehr, grundsätzlich aber schon. Ich würde die Fehler von damals vermeiden, indem ich zuerst die Staatsanwaltschaft und einen Anwalt kontaktieren würde. Beweise würde ich, wenn möglich, anders sichern. Vor allen Dingen habe ich aber meine Naivität abgelegt. Auch was Informationen gegenüber der Ärztekammer anbelangt. Wer in einem derartigen Fall erst umständlich nachfragt, leistet nur der Möglichkeit Vorschub, Beweise zu vernichten.“

          Wie beurteilen Sie das Ergebnis des Falles?

          „Ich finde schon, dass der Arzt generell ,mehr Schuld‘ im Sinne von größerer Verantwortung hat. Heilen muss das ärztliche Ziel sein. Es dürfen keine Medikamentenstudien an Gesunden betrieben werden. Insofern begrüße ich den Strafbefehl sehr. Strafrechtlich denke ich, ist es in Ordnung, dass die Sportler ungeschoren davongekommen sind, zumal Betrug bei der bestehenden Gesetzeslage wohl auch nicht zu greifen ist. Aber sportrechtliche Konsequenzen hätte ich mir schon gewünscht. Zumal ich in diesem Fall auch seinerzeit bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur umfassend ausgesagt habe. Bei diesem Treffen war Rudolf Scharping als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, des zuständigen Sportfachverbands, anwesend. Konsequenzen hätte es nicht nur für die Sportler, sondern insbesondere auch für die Hintermänner, wie die Teammanager, Trainer, Sponsoren und so weiter haben müssen. Ich gehe in diesem Fall davon aus, dass alle mehr oder weniger Bescheid wussten. Dieser Fall hat ebenso wenig nachhaltige Änderungen bewirkt wie alle anderen Doping-Fälle. Und das ist schade für den Sport.“

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