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Weitere Enthüllungen möglich : Wie weit reicht der Doping-Skandal wirklich?

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Polizisten im Skigebiet: Bei der WM in Seefeld hat es eine Doping-Razzia gegeben. Bild: dpa

Der Doping-Skandal bei der Nordischen Ski-WM könnte sich massiv ausweiten. In der Praxis des festgenommenen Arztes sollen auch Athleten anderer Sportarten behandelt worden sein.

          Nach dem Schlag gegen Doping bei der Nordischen Ski-WM muss der Spitzensport weitere Enthüllungen fürchten. Medienberichten zufolge wurden in der Praxis des am Vortag festgenommenen Sportmediziners in Erfurt auch Fußballer, Schwimmer, Radsportler, Handballer und Leichtathleten behandelt. „Es werden sicherlich auch noch andere Sportarten betroffen sein“, hatte am Mittwoch Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt gesagt und von einem seit Jahren weltweit agierenden Netzwerk und einer „kriminellen Organisation“ gesprochen.

          Über weitere Ermittlungsergebnisse und ob die Festgenommenen in Untersuchungshaft bleiben, war am Donnerstagvormittag offiziell zunächst nichts bekannt. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sprach von einem „Schatten auf dem gesamten Sport“. „Wir sehen es daher als großen Erfolg der Ermittlungsbehörden, dass ein kriminelles Netzwerk mit offenbar großer Reichweite zerschlagen werden konnte“, teilte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes am Donnerstag mit.

          Bis zu drei Jahre Haft drohen

          Bei der Doping-Razzia in Seefeld waren sieben Personen, darunter fünf Athleten aus Österreich, Kasachstan und Estland, festgenommen worden. Zudem wurden in Erfurt ein deutscher Sportmediziner, dem in seiner früheren Rolle als Radsport-Teamarzt Verwicklungen in Dopingpraktiken vorgeworfen worden waren, und ein mutmaßlicher Komplize festgenommen. Der Mediziner hatte die Vorwürfe in der Vergangenheit bestritten. Mittlerweile ist der Mediziner in Erfurt einem Ermittlungsrichter vorgeführt worden. Es sei möglich, dass am Nachmittag ein Haftbefehl gegen den Mann erlassene werde, sagte ein Sprecher des zuständigen Zollfahndungsamts München.

          Den fünf festgenommenen Langläufern drohen nach Angaben der Staatsanwaltschaft bis zu drei Jahre Haft. Sie könnten wegen des Vergehens des Sportbetrugs angeklagt werden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck, Hansjörg Mayr, der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Doping selbst sei nach österreichischer Rechtslage nur strafbar, wenn man es bei anderen anwendet.

          Wenn man sich als Sportler selbst dopt, sei das nach dem Dopinggesetz nicht strafbar. „Es gibt aber eben das Vergehen des Sportbetrugs“, erklärte Mayr. Die Sportler wurden am Donnerstagvormittag noch vernommen. Ob sie in Untersuchungshaft kommen, müsse bis spätestens Freitagmittag entschieden werden. Auf freiem Fuß sei aber noch keiner von ihnen, sagte Mayr. Das Ermittlungsverfahren wird von der Staatsanwaltschaft Innsbruck durchgeführt. Es sei aber möglich, die Verfahren gegen die ausländischen Athleten an ihre jeweiligen Heimatländer abzutreten, führte Mayr aus. Dies sei aber noch offen.

          Dem festgenommenen Mediziner droht neben ebenfalls strafrechtlichen Konsequenzen auch ein berufsrechtliches Verfahren durch die Landesärztekammer Thüringen. „Sollten sich die Vorwürfe gegen den Arzt bestätigen, wird die Kammer mit aller Härte vorgehen“, sagte eine Kammersprecherin. Das könne für den Arzt den Verlust der ärztlichen Zulassung (Approbation) bedeuten. „Wir sind sehr betroffen über das, was bekannt geworden ist“, sagte die Sprecherin. Der berufsrechtliche Sanktionskatalog der Ärztekammer reicht von Rügen über Geldstrafen bis hin zu einem Berufsgerichtsverfahren, bei dem Mediziner in besonders schweren Fällen für berufsunwürdig erklärt werden können. Dies hätte den Entzug der Approbation zur Folge, Ärzte dürfen dann nicht mehr in ihrem Beruf tätig werden – weder als Vertragsarzt für gesetzlich Krankenversicherte noch als Privatarzt.

          Der Landessportbund Thüringen hat der betroffenen Arzt-Praxis bereits mit sofortiger Wirkung die Lizenz als „Sportmedizinische Untersuchungsstelle“ in Thüringen entzogen. Dabei räumte der Verband eigene Versäumnisse ein. Denn bei der Fortschreibung der ursprünglich bis 2018 laufenden Lizenz um weitere vier Jahre entging dem LSB, dass in der Zwischenzeit der nun festgenommene Arzt in die Praxis eintrat.

          „Diesen Umstand haben wir leider bei der Fortsetzung der Lizenz für die betroffene Arztpraxis nicht berücksichtigt. Wir haben an dieser Stelle nicht tiefgründig genug die bestehenden Dopingbelastungen im Prozess um die Anerkennung der Lizenzfortschreibung als sportmedizinische Untersuchungsstelle bewertet. Dies war falsch und wir müssen und wollen jetzt die Konsequenzen schnellstmöglich tragen und limitieren“, sagte LSB-Präsident Stefan Hügel.

          Nach Aussagen des DSV-Vorstandsmitglieds Stefan Schwarzbach gibt es keinen Kontakt zwischen dem Mediziner und dem deutschen Dachverband. „Der Arzt, wenn man ihn denn überhaupt noch so bezeichnen mag, hat keine Verbindungen zum Deutschen Skiverband, zumindest keine Verbindungen, die uns irgendwie bekannt wären“, sagte Schwarzbach und ergänzte: „Insofern gehen wir fest davon aus, dass da auch keine (deutschen) Athletinnen oder Athleten in dieses System, das da zerschlagen wurde, involviert waren.“ Er könne definitiv ausschließen, „dass der Deutsche Skiverband in irgendeiner Weise Zellen hat, beziehungsweise auch nur ansatzweise irgendwelche systematischen Dopingpraktiken praktiziert wurden“, sagte er.

          Nach ausführlichen Eigenrecherchen bestätigte der DSV diese Haltung wenig später. Es habe keinerlei Zusammenarbeit, Behandlungen oder Untersuchungen von DSV-Athletinnen und -Athleten mit und bei dem Sportarzt gegeben, betonte Schwarzbach. „Es gibt keinerlei Verbindungen, weder zwischen dem Thüringer Skiverband, noch mit dem Olympiastützpunkt Thüringen und gleich gar nicht mit dem Deutschen Skiverband“. Auch bei der sportärztlichen Betreuung beim Bund Deutscher Radfahrer habe der verdächtige Arzt „keine Rolle“ gespielt, versicherte BDR-Sportdirektor Patrick Moster. Das Gleiche erklärte der Deutsche Leichtathletik-Verband: „Es gibt keine Form der Zusammenarbeit. Er hat keine Funktion im DLV“, sagte der Generaldirektor Sport Idriss Gonschinska.

          Das ZDF wird trotz der Ereignisse weiter von der WM berichten. „Wir nutzen die Live-Berichterstattung, um auch über diese kriminellen Aspekte im Sportumfeld zu berichten. Ein Ausstieg aus der Berichterstattung hilft nicht weiter“, sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann.

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