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Schumachers Prozess : „Holczer wusste, was gespielt wird“

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„Die Leute waren Teil des Systems, so wie ich Teil des Systems war“: Stefan Schumacher Bild: dpa

Stefan Schumacher wehrt sich vor Gericht gegen den Vorwurf, als Doper das Team Gerolsteiner betrogen zu haben. Auch sein früherer Chef scheint mit auf der Anklagebank zu sitzen.

          Es ist wirklich kein Zuckerschlecken, Radprofi zu sein, manchmal auch finanziell. Für den Nürtinger Stefan Schumacher zum Beispiel gab es Zeiten, in denen er sich mit 1000 Euro monatlich bescheiden musste. Momentan geht es ihm ein bisschen besser, bei dem dänischen Drittligateam Christina Watches verdient er 45.000 Euro im Jahr.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Das ist allerdings immer noch deutlich weniger als zu seinen besten Tagen. Darüber sprach Schumacher am Mittwoch, als vor dem Stuttgarter Landgericht der Betrugsprozess gegen ihn begann. Schumacher soll sich, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, etwa 151.000 Euro erschlichen haben. Als Rennfahrer, der dopte und damit seinem damaligen Rennstall, dem Team Gerolsteiner, geschadet habe.

          Die Summe setzt sich zusammen aus drei Monatsgehältern des Jahres 2008, als Schumacher des Cera-Dopings bei der Tour de France und bei Olympia in Peking überführt wurde. Der Schwabe, der wegen der Manipulation bis August 2010 gesperrt worden war, betrachtet die Anschuldigung als haltlos. Schließlich habe der damalige Teamchef Hans-Michael Holczer, das betonte Schumacher am Mittwoch, durchaus eine Ahnung von den illegalen Praktiken gehabt.

          Schumacher sagte auch, dass Ärzte des Ende 2008 aufgelösten Teams beim Doping mitgewirkt hätten. „Sie haben Informationen und zum Teil auch Produkte rausgegeben.“ Namen nannte Schumacher allerdings nicht. „Ich kann jetzt nicht öffentlich Leute denunzieren.“

          „Die eigentlichen Täter werden nicht angeklagt“

          Dieses Verhalten von Schumacher sorgte in einer Verhandlungspause für einen kleinen Aufruhr vor Saal 18. Er wurde von dem Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke provoziert, der ebenso Zuhörer war wie Holczers Ehefrau Renate, die den Saal dann aber nach einem Gespräch mit dem Staatsanwalt verließ. Franke, der inzwischen Strafanzeige gegen mehrere medizinische Mitarbeiter vom einstigen Team Gerolsteiner gestellt hat, nannte das Stuttgarter Verfahren bizarr: „Die eigentlichen Täter werden nicht angeklagt.“

          Franke ging auch direkt auf Schumacher los: Er bezeichnete es als „hinterfotzig“, dass der Radprofi keine Details über die Männer preisgab, die ihm bei Doping geholfen hatten. „Das ist nicht so einfach“, entgegnete Schumacher. Angeblich will er in dieser Angelegenheit aber mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur und der Welt-Anti-Doping-Agentur kooperieren.

          Hans-Michael Holczer

          Schumacher, der unlängst eine Dopingbeichte abgelegt hatte, ließ im ersten deutschen Betrugsprozess wegen Dopings in einem Hauptverfahren aber keinen Zweifel daran, dass bei Holczer über den Einsatz illegaler Beschleuniger in seiner Equipe Klarheit geherrscht habe. Zwar sei Doping in diesem Zusammenhang nie direkt angesprochen worden, „aber durch die Form der Kommunikation wusste man, was gespielt wird“.

          Schumacher wies auf den Cortison-Missbrauch hin, „da war er voll im Bilde“. Als weiteren Beleg für Holczers Wissen führte Schumacher das Jahr 2007 an, in dem er das Amstel Gold Race gewonnen hatte. Holczer habe damals zu ihm gesagt: „Du fährst für einen Weltklassefahrer relativ sauber.“ Der 31 Jahre alte Schumacher behauptete, dass Holczer mit Sicherheit davon ausgegangen sei, „dass ich dope. Er hat mich halt darauf hingewiesen, dass man aufpassen muss“.

          „In keiner Weise aktiv gegen Doping vorgegangen“

          Der Arzt-Sohn aus Nürtingen beurteilte deswegen die Rolle Holczers als vermeintlicher öffentlicher „Anti-Doping-Kämpfer“ kritisch. „Er ist in keiner Weise aktiv gegen Doping vorgegangen. Er hat keine Ambitionen gehabt, es im Team zu unterbinden.“ Schumacher schilderte in Stuttgart seine „Doping-Karriere“, die angeblich 2003 ihren Anfang hatte, bei einem Aufenthalt in der Freiburger Uniklinik.

          Der Schwabe fuhr damals noch beim Team Telekom. „Ich hatte es als Notwendigkeit betrachtet, zu unlauteren Mitteln zu greifen, es war ein Teil des Jobs.“ In seinem Fall sollen das Wachstumshormon, Epo und Cortison gewesen sein. Schumacher sagte, dass er Holczer deutlich zu verstehen gegeben habe, „dass ich nicht sauber bin“.

          Ob er den früheren Teamchef mit seinen Äußerungen tatsächlich in die Defensive drängen kann, erscheint fraglich. Schließlich berichtete Schumacher vorwiegend über Gespräche mit Holczer, die ohne Zeugen stattgefunden hatten. Doping sei immer ein privates Thema gewesen, sagte der Nürtinger, ein Fall für Unterhaltungen nur unter vier Augen. Holczer, der wie Schumacher auf der Anklagebank zu sitzen schien, wurde vom Landgericht für den 18. April vorgeladen, als Zeuge.

          Schumacher gab sich am Mittwoch zunächst eloquent und forsch, später gereizt bei Fragen des Staatsanwalts. Er erklärte sein Dopinggeständnis vor einigen Tagen damit, dass „ich meine Geschichte nicht erstmals im Gerichtssaal erzählen wollte“. Er gerierte sich zudem als geläuterter Sünder: „Ich bereue, was ich getan habe.“ Und schon vor dem Stuttgarter Prozess war ihn das Doping teuer zu stehen gekommen, durch Anwaltskosten etwa. „Das Reihenhaus ist weitgehend abgezahlt“, sagte Schumacher, „sonst ist nicht mehr viel übrig.“

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