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Schumacher gesteht Doping : Erst die Nudeln, dann die Spritze

  • Aktualisiert am

„Ich habe Epo genommen, auch Wachstumshormon und Kortikosteroide“: Stefan Schumacher Bild: dapd

Nach langem Leugnen gibt Radprofi Stefan Schumacher jahrelanges Doping zu. Es könnte nun sehr heikel werden für seinen früheren Teamchef Hans-Michael Holczer. Das Aufeinandertreffen der beiden vor Gericht wird nun noch brisanter.

          Es könnte nun sehr heikel werden für Hans-Michael Holczer, den Mann, der in Deutschland jahrelang am großen Rad gedreht hatte als Eigner des Teams Gerolsteiner. Die Vergangenheit hat den Schwaben jetzt wieder eingeholt, mit großer Wucht. Sie erscheint in Gestalt des Radrennfahrers Stefan Schumacher, der nun nach langem Leugnen, angeblich unter Tränen, Doping zugegeben hat, in größerem Stil. Dabei geht es auch um seine Zeit beim Team Gerolsteiner. Und um die Rolle von Holczer.

          Schumacher jedenfalls behauptete jetzt gegenüber dem „Spiegel“, dass Holczer über die Zustände in seinem Rennstall „bestens im Bilde“ gewesen sei: „Der hat schon mitbekommen, was um ihn herum passiert ist.“ Diese Aussage dürfte dem Aufeinandertreffen der beiden demnächst vor dem Landgericht Stuttgart zusätzliche Brisanz verleihen. Schumacher, bereits sportrechtlich als Dopingsünder verurteilt, muss sich vom 10. April an in einem Betrugsprozess verantworten.

          Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen Juli und Oktober 2008 von seinem damaligen Team Gerolsteiner 150.000 Euro Gehalt erhalten zu haben, dabei aber gedopt gewesen zu sein. Das Verfahren ist auf acht Verhandlungstage angesetzt. Holczer, der Schumachers Vorhaltungen zurückweist, wurde für den 18. April vorgeladen, „als Zeuge“, wie er sagt.

          Schumacher könnte mit seinem Geständnis bezwecken wollen, Holczer bei dem Stuttgarter Gerichtstermin, dem ersten deutschen Betrugsprozess wegen Dopings in einem Hauptverfahren, massiv in die Bredouille zu bringen. Der schwäbische Profi, WM-Dritter von 2007 und zweifacher Etappensieger bei der Tour de France 2008, schildert seinen Werdegang als Doper sehr detailliert. Schon mit Anfang 20 habe er damit begonnen, sich Spritzen zu setzen: „Ich habe mich in ein System eingefügt. Das macht mich nicht stolz, aber es war eben so.“

          Anfangs habe er wegen der Dopingmittel einen inneren Kampf geführt, erzählte der 31 Jahre alte Rennfahrer, „aber dieses Zerrüttetsein ist irgendwann weg. Doping wird zum Alltag wie der Teller Nudeln nach dem Training.“ Letztlich hatte Schumacher keine Hemmungen, den Gepflogenheiten der Branche zu folgen und auf die bevorzugten illegalen Beschleuniger zurückzugreifen: „Ich habe Epo genommen, auch Wachstumshormon und Kortikosteroide.“

          Bei Olympia in Peking 2008 war ihm die Einnahme des Blutdopingmittels Cera nachgewiesen worden

          Schumacher verwies auf Unterstützung beim Team Gerolsteiner, wo es auch Dopingaffären um Danilo Hondo und Bernhard Kohl gegeben hatte. Während seiner Zeit bei dieser Equipe, von 2006 bis 2008, hätten die Teamärzte „zum Teil aktiv beim Dopen mitgemischt“. Im Mannschaftsbus sei eine Vielzahl von Medikamenten transportiert worden: „Die meisten Sachen konnte sich jeder aus der Medikamentenbox nehmen. Das war völlig verrückt“, so Schumacher gegenüber dem „Spiegel“.

          Es seien auch falsche Rezepte für Kortisonpräparate ausgestellt worden. „Einen so laxen Umgang mit Medikamenten habe ich nur bei Gerolsteiner erlebt.“ Über Holczer sagte er, dass der beim Thema Doping nach außen den großen Mahner gegeben habe, intern habe sich aber nie etwas geändert.

          „Ich habe an meiner Aussage nichts zu revidieren“

          Schumacher war im Juli 2008 bei der Tour de France und danach bei den Olympischen Spielen in Peking der Einnahme des Blutdopingmittels Cera überführt worden. Der Nürtinger war daraufhin vom Internationalen Sportgerichtshof (Cas) bis 27. August 2010 gesperrt worden. Nun erweckt er den Anschein, als Aufklärer tätig werden zu wollen. „Ich bin bereit, mein Wissen mit den relevanten Organisationen wie Wada, Nada, UCI zu teilen - wenn es gewünscht ist.“

          Holczer reagierte am Freitag gelassen auf die jüngsten Äußerungen von Schumacher. Eine Mitwisserschaft, betonte er, sei „vollkommen aus der Luft gegriffen“. Er habe auch kein Problem damit, vor dem Landgericht nun möglicherweise mit „schärferen Fragen“ konfrontiert zu werden. Holczer hatte auch in seinem Buch „Garantiert positiv“ eine Verteidigungsposition eingenommen: „Ich habe an meiner Aussage nichts zu revidieren.“

          „Einen so laxen Umgang mit Medikamenten habe ich nur bei Gerolsteiner erlebt“: Schumacher belastet Teamchef Hans-Michael Holczer

          Damals hatte er geschrieben, von Rennfahrern mit krimineller Energie instrumentalisiert und von den Erkenntnissen über das eigene Team überrollt worden zu sein. „Doping sieht man niemandem an“, sagte Holczer. Er führte als prägnantes Beispiel den Italiener Davide Rebellin an, der bei Olympia in Peking positiv auf Cera getestet worden war. Rebellin habe sich immer, sagte Holczer, so klinisch rein wie ein Operationssaal gegeben. Der Italiener verkörperte für ihn nahezu idealtypisch „die Schizophrenie“ der Szene.

          Holczers Team war im Oktober 2008 im Zuge der Dopingwirren aufgelöst worden. Später wurde der Schwabe als Generalmanager beim Team Katjuscha tätig; inzwischen fungiert Holczer als Berater des russischen Radsportverbandes. Sein Gegner Schumacher verdingt sich in der dritten Liga des Radsports, bei Christina Watches in Dänemark. Als sein Motto gibt er an: „Das Leben ist wie Radfahren. Du fällst nicht, so lange du in die Pedale trittst.“

          Stefan Schumacher im Porträt

          Geboren: 21. Juli 1981 in Ostfildern-Ruit
          Disziplin: Straßenfahrer

          Profi-Teams:

          2002-2003: T-Mobile
          2004: Team Lamonta
          2005: Shimano-Memory Corp
          2006-2008: Gerolsteiner
          2010-2011: Miche-Guerciotti
          seit 2012: Christina Watches

          Wichtigste Siege:

          Polen-Rundfahrt 2006
          Circuit de la Sarthe 2006
          2 Etappenerfolge Giro d’Italia 2006
          Eneco-Tour 2006
          Amstel Gold Race 2007
          3. Platz Straßen-WM 2007
          Bayern-Rundfahrt 2007
          2 Etappenerfolge Tour de France 2008 (wegen Dopings aberkannt)
          Serbien-Rundfahrt 2012

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