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Schilddrüsenhormon : Seefisch statt Thyroxin

Thyroxin half auf die Sprünge: Carl Lewis Bild: dapd

Schon Sprinter Carl Lewis soll die Einnahme des Schilddrüsenhormons Thyroxin auf die Sprünge geholfen haben. Das Medikament ist nicht verboten, aber gefährlich.

          5 Min.

          Doppel-Olympiasieger und Doppel-Weltmeister Mo Farah würdigte den Langstreckenlauf als Mannschaftssport. Nachdem er auch in Moskau überlegen die Goldmedaillen im 10.000-Meter- und im 5000-Meter-Lauf gewonnen hatte, dankte der Brite seinem Trainer Alberto Salazar: „Er hat meine Karriere gemacht.“ Dann lobte er sein Team. „Ich weiß, dass ich hart dafür arbeite“, sagte er. „Aber man braucht die richtigen Leute, und ich bin froh, dass ich die richtigen Leute habe.“

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Vom Krafttrainer bis zum Diagnostiker, von der Kältekammer bis zum Unterwasserlaufband bietet das „Oregon Project“ des amerikanischen Sportartikelherstellers Nike alles und jeden auf, der Leistung steigern und stabilisieren kann. Seit Farah ins Zentrum dieses Hochleistungslaboratoriums gerückt ist, dominiert er den Langstreckenlauf; seit Daegu 2011 hat er bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen fünf Goldmedaillen und eine silberne gewonnen. Vor wenigen Wochen ist er, als sei es Training für seinen Endspurt, in 3:28,81 Minuten Europarekord über 1500 Meter gelaufen. Im kommenden Jahr will er sein Debüt im Marathon geben, auf der fast dreißig Mal so langen Strecke.

          Keine Frage: Die Dominanz von Mo Farah ist das Ergebnis von Talent, erweitert um die Erfahrung und das Wissen seiner Mannschaft. Mancher erinnerte sich während der Moskauer Tage daran, dass im April ein Mediziner seine Kooperation mit dem Team öffentlich machte, der, zurückhaltend gesagt, eine unkonventionelle Überzeugung vertritt. Es geht um die Gabe von Thyroxin, dem Schilddrüsenhormon T4. Er sei ein Revolutionär auf seinem Gebiet, behauptete Jeffrey Brown im Gespräch mit dem „Wall Street Journal“; er diagnostiziere und therapiere bei jungen Athleten, was vor allem als Problem von Frauen nach den Wechseljahren bekannt ist und eben auch durch intensives Ausdauertraining entstehen könne: Hypothyreose, die Unterfunktion der Schilddrüse. Verabreiche er das fehlende Hormon, sei die eingeschränkte Leistungsfähigkeit der Athleten wiederhergestellt. Salazar bekennt sich zur Zusammenarbeit mit Brown; der Arzt aus Houston (Texas) sei der beste Sport-Endokrinologe der Welt, sagt er.

          Ali benebelt

          Fünfzehn Olympiasieger gehörten zu seinen Patienten, sagte Brown. Von dem vermutlich bekanntesten zeigt der Arzt gern ein Foto: Carl Lewis. Der achtmalige Weltmeister und neunmalige Olympiasieger in Sprint und Weitsprung schreibt in seinem Buch „One More Victory Lap“ (“Eine weitere Ehrenrunde“), dass er vor den Olympischen Spielen von Atlanta, seinen vierten, an einer unerklärlichen Lethargie gelitten habe. „So wie Dr. Brown es erklärte, fehlten mir nur fünf Prozent meiner körperlichen Fähigkeiten, was für die meisten Menschen in ihrem alltäglichen Leben praktisch unmöglich zu bemerken wäre“, heißt es da. „Aber fünf Prozent sind riesig für einen Leichtathleten.“ Das Hormon soll ihm auf die Sprünge geholfen haben. Lewis wurde Olympiasieger.

          Selbst 1996 war die Gabe von Schilddrüsenhormon nicht neu. Von Muhammad Ali ist überliefert, dass er 1980 vor seiner desaströsen Niederlage gegen Larry Holmes mit Schilddrüsenhormon behandelt worden war. „Schlechte Idee mit den Thyroxin-Tabletten“, zitierte ihn die „New York Times“ ein Jahr später. Mehr als 16 Kilogramm Körpergewicht hatte der 38-Jährige dadurch verloren, sah fit aus wie lange nicht mehr, war aber benebelt und wurde fürchterlich verprügelt.

          “Selbstverständlich ist es ein Doping-Mittel“

          Wohl auch wegen der vielfältigen Wirkung gilt eine Leistungssteigerung durch Thyroxin als nicht erwiesen. Es ist im Sport nicht verboten; bei Doping-Kontrollen wird nicht danach gesucht.

          “Selbstverständlich ist es ein Doping-Mittel“, widerspricht Professor Werner Franke aus Heidelberg, einer der profiliertesten Fachleute auf diesem Gebiet. „Schilddrüsenhormon steigert die Gesamt-Leistungsfähigkeit physisch und psychisch. Insbesondere im Training ist man belastbarer.“ Er verstehe nicht, dass es nicht auf der Doping-Liste stehe.

          Teil des „Oregon Project“: Mo Farah
          Teil des „Oregon Project“: Mo Farah : Bild: AFP

          Der Mediziner Professor Perikles Simon aus Mainz schließt sich Frankes Forderung an. Insbesondere wegen der Nebenwirkungen - Insulinresistenz, Osteoporose und bei Überdosierung sogar Todesfolge - sieht er den Einsatz von Thyroxin im Spitzensport sehr kritisch. Er bezweifelt aber die leistungssteigernde Wirkung bei gesunden, ungedopten Athleten, schreibt er in einer E-Mail. Simon vermutet aber, dass Scharlatane es wegen seiner gewichtsreduzierenden Wirkung in Kombination mit Steroid-Doping oder dem verbotenen Einsatz von Wachstumshormon verabreichten.

          Wenn man nur häufig genug messe, könne man leicht den Abfall der Hormonproduktion im Tagesverlauf nachweisen, beurteilt er die vermeintliche medizinische Indikation. Daraus sei keine Notwendigkeit zur Behandlung abzuleiten. Ein Verbot oder eine strenge medizinische Indikation solle die Athleten schützen, schreibt Simon. Sie verhindere, dass Ärzte sich in Grauzonen bewegten, und schütze vor der Vorbildwirkung: Viel hilft viel.

          30 Läuferinnen und Läufer aus dem „Oregon Project“

          Nach den Olympischen Spielen von London beklagte der Athletenmanager Jos Hermens  den verbreiteten Einsatz von Schilddrüsenhormon in den Laufwettbewerben. „Seit Monaten frage ich beim Weltverband nach, warum das nicht auf der Doping-Liste steht“, sagte er. „Es heißt, weil es nicht nachweisbar sei. Aber man kann es auf die Liste setzen. Dann könnte man vielleicht in einigen Jahren die Proben von heute darauf testen. Solange es nicht verboten ist, kann jeder machen, was er will.“ In Moskau sagte er nun, dass wohl selten so wenig gedopt werde wie derzeit. „Ich glaube, dass 95 Prozent der Athleten sauber sind.“ Zu den sauberen Athleten zählen nach Lage der Dinge auch die, die Schilddrüsenhormon nehmen.

          Nach Auskunft von Brown gehören zu ihnen fünf der bisher dreißig Läuferinnen und Läufer aus dem „Oregon Project“. Der Arzt rühmt sich der Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Leichtathletikverband und dem Nationalen Olympischen Komitee der Vereinigten Staaten. Die Nationale Anti-Doping-Agentur in Bonn (Nada) hat Thyroxin ausdrücklich auf die Liste erlaubter Mittel gesetzt. Athleten, die sich auf Websites wie diaet.erdbeerlounge.de - „So hilft L-Thyroxin erfolgreich beim Abnehmen“ - und anabolika.de über die Anwendung des Hormons informierten, erfahren dort, dass das Risiko bei dessen Einsatz jedenfalls nicht in einer Sperre besteht.

          Seefisch essen

          Bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und im Internationalen Olympischen Komitee wird das Thema Schilddrüsenhormon zwar diskutiert. Neben dem fehlenden Beweis für dessen leistungssteigernde Wirkung lassen der schwierige und damit teure Nachweis sowie die zwangsläufig ausgelöste medizinische und juristische Diskussion über die Grenzziehung zwischen therapeutisch gebotenem und illegitimem Einsatz die Fachleute zögern. Hochsprung-Trainer Gerd Eisinger sieht auch im Attest kein probates Mittel, Missbrauch einzudämmen: „Das wäre ein Kapitel wie das der Asthmatiker bei der Tour de France.“ Radprofis hatten sich massenhaft Atembeschwerden attestieren lassen, um Bronchien erweiternde, stimulierende und anabol wirkende Medikamente einnehmen zu dürfen.

          Dem Sport wäre womöglich geholfen, wenn das Hormon auf die sogenannte Monitoring-Liste gesetzt würde, um zunächst seine Verbreitung festzustellen. Dem im Zuge des Balco-Skandals überführten Sprinter Dwain Chambers schrieb Victor Conte vor sieben Jahren, welche Substanzen er zum Doping einsetzte und wie. Schilddrüsenhormon gehörte dazu. „Thyroxin (im Original: Liothryonine) wurde eingesetzt, um zu helfen, den Grund-Stoffwechsel vor Wettkämpfen zu steigern“, führt er aus. „Das Ziel war, Schlaffheit zu reduzieren und Schnelligkeit zu fördern. Zwei mal 25 Milligramm wurden eine Stunde vor dem Wettkampf genommen. Es gibt derzeit keinen Test auf Thyroxin.“ Chambers hatte Conte die Beschreibung abgerungen, damit sie helfe, Doping zu bekämpfen. Sie liest sich bis heute wie eine Gebrauchsanweisung. Conte ist übrigens ein alter Bekannter von Nike-Trainer Salazar. In dessen Zeit als Marathonläufer Anfang der achtziger Jahre lieferte er Nahrungsergänzungsmittel und nahm Blut- und Urinanalysen vor.

          Der Heidelberger Krebsforscher Werner Franke bezweifelt, dass Athleten durch Training ein Defizit an Schilddrüsenhormon erwerben können: „Franke empfiehlt“, sagt er, „Seefisch essen!“

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