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Russische Bobfahrer : Doping-Alarm in der Eisbahn

Die russische Schlittenszene sorgt für eine Menge Gesprächsstoff. Bild: dpa

Russland hält die weltweit gültigen Anti-Doping-Bestimmungen nicht ein, trotzdem sollen gesperrte Athleten bei den Bob-Weltmeisterschaften in Igls nun starten dürfen.

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          Im Bob- und Skeletonlager wird in diesen Wochen hinter vorgehaltener Hand geflüstert: „Hast du die schwarze Liste schon gesehen?“ 13 Athleten werden genannt, wie die russische Nachrichtenagentur Tass schreibt, ein Silbermedaillengewinner der Bob-WM 2013 ist dabei und auch ein Olympiasieger aus dem Viererbob von Sotschi 2014. Die Damen und Herren zählen zu den Starken und Schnellen in der Szene. Und sie kommen, was im Kufensport Usus ist, häufig aus der Leichtathletik. Prompt ist es in der Schlittenszene vor den an diesem Wochenende in Igls bei Innsbruck beginnenden Weltmeisterschaften zum naheliegenden Kurzschluss gekommen: Doping-Alarm in der Eisbahn.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Christoph Becker

          Bobfahrer sind Kraftmenschen, muskulös, bis zu 120 Kilogramm schwer, mit einem gewaltigen Antritt. Angesichts dieser explosiven Hünen lassen sich Gedanken an den Einsatz verbotener Schnellmacher kaum vermeiden. Mancher Konkurrent der Russen denkt so - wenn auch nicht gerade lautstark. Funktionäre und Trainer verweisen mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Fakten: In der russischen Leichtathletik hat es ein flächendeckendes Doping bis in die Gegenwart unter Aufsicht der Verbandsführung gegeben. Der Internationale Verband (IAAF), selbst in Bestechung und Erpressung involviert, sperrte alle Sportler für seine internationalen Wettkämpfe - auch die 13, die jetzt Bobfahrer und -fahrerinnen sind.

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          Springen und werfen dürfen sie also nicht. Aber laufen - wenigstens zwei gehören als Anschieber zum Aufgebot bei den Weltmeisterschaften in Igls. Doper am Start? Davon darf keine Rede sein. Denn die „Black List“ ist vorerst nichts weiter als die Zusammenstellung von Sportlern, die je in der russischen Leichtathletik zu Nationalmannschafts-Einsätzen kamen: einschließlich der 54 derzeit gesperrten Doper sind das 4027 Sportlerinnen und Sportler.

          Trotzdem ist der Fall weit über naheliegende Spekulationen hinaus höchst brisant. Denn die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat die Verquickung der russischen Anti-Doping-Agentur in das Manipulationsspiel zum Anlass genommen, Russland vorerst zu einer compliance-freien Zone zu erklären. Weil das umfassende Überwachungssystem zum Kampf gegen Doping in Russland nicht den strengen Wada-Vorgaben entsprechend funktioniert. Frei übersetzt heißt das: In Russland herrscht derzeit ein mehr oder weniger kontrollfreier Raum. Allein die Vereinbarung mit der britischen Anti-Doping-Agentur, zu Kontrollen ins Land zu reisen, führt dazu, dass Russland nicht völlig unter dem Radar der „Non-Compliance“ verschwindet und überhaupt keine Doping-Kontrollen erfolgen.

          Die Konkurrenz wirkt gelassen

          Auch so müssten internationale Verbände, wenn sie denn allen Athleten etwa bei Weltmeisterschaften wenigstens eine formale „Chancengleichheit“ bieten wollen, russischen Athleten den Start verweigern. Diese Einschätzung teilt auch die Nationale Anti-Doping-Agentur in Bonn. Der Internationale Bob- und Skeleton-Verband (IBSF) weist aber jegliche Verantwortung von sich. „Über einen Start bei uns“, sagte IBSF-Vizepräsident Andreas Trautvetter, der Präsident des Deutschen Bob- und Schlittenverbandes, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, „muss das Internationale Olympische Komitee entscheiden.“ Eine Fehleinschätzung. Das IOC hat außerhalb seiner Spiele und in einem Zeitraum von mehr als drei Monaten vor der Eröffnungsfeier keinen Zugriff auf Athleten. Wenn dem IOC in diesem Fall die Hände gebunden sind, die Verbände aber nicht handeln, dann wird das Problem auf die Athleten zurückgeworfen.

          Vor der Bob- und Skeleton-WM wirkt die Konkurrenz gelassen. Das mag an den geringen Chancen der Russen liegen oder andere Gründe haben, über die man nicht sprechen will. Christian Schreiber, Athletenvertreter im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), pocht dagegen auf die Einhaltung des Standards: „Die Glaubwürdigkeit hinsichtlich dieser Compliance, die Konsequenz bei der Einhaltung der Regeln muss aufrechterhalten werden - das wird von uns Sportlern stets gefordert, somit muss es auch im Zusammenspiel der Internationalen Verbände und der Anti-Doping-Organisationen gelten! Jeder Athlet soll gläsern sein, dann muss das auch für die andere Seite gelten.“ Dass der russischen Anti-Doping-Agentur die Compliance entzogen worden sei, sei eine logische Konsequenz und gemessen an den bisherigen Sanktionen für Länder, Nationale Olympische Komitees und Nationale-Anti-Doping-Agenturen ein „entscheidender Schritt“. Fehlt nur noch eines: dass die internationalen Verbände die Entscheidung der Wada ernst nehmen.

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